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Amerikanische GIs ignorieren offenbar die Berliner Damenwelt. Sie schauen lieber bei der Antifraternisierungskampagne zu.
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Amerikanische GIs ignorieren offenbar die Berliner Damenwelt. Sie schauen lieber bei der Antifraternisierungskampagne zu.

60 Jahre "Der Fragebogen"

Die Verhunzer des Nationalismus

Stilisierende Autobiografie und politische Kampfschrift in einem: Vor 60 Jahren prangerte Ernst von Salomon den Entnazifizierungs-Fragebogen der Amerikaner in einem Roman an. Zum Bestseller wurde er, weil er den Nerv der Zeit traf.

Von Rüdiger Ahrens

"Entnazifizierung“ – mit 13 Millionen Fragebögen sollte nach dem Zweiten Weltkrieg in der amerikanischen Besatzungszone überprüft werden, wer das nationalsozialistische Regime aktiv unterstützt hatte. Zeitgenössische Stimmen meldeten Kritik an: Die Sachlage sei komplizierter, als diese Art der Suche nach Schuldigen nahelege, und die Gesinnungserforschung der Sieger stelle einen unzulässigen Eingriff in die politische Entscheidungsfreiheit des einzelnen dar. Literarischen Ausdruck fand dieser Protest in Ernst von Salomons Roman „Der Fragebogen“, der im März 1951 bei Rowohlt erschien. Salomon griff darin die Form des amerikanischen Fragebogens auf und beantwortete in ausführlicher Manier die 131 Fragen. Der Roman ist stilisierende Autobiografie und politische Kampfschrift in einem. Zum Bestseller wurde er, weil er den Nerv der Zeit traf.

Ernst von Salomon war ein typischer Vertreter jener radikalen Aktivisten, die den Ersten Welt-krieg nicht mehr an der Front erlebt hatten und aus dem Gefühl, zur Rettung des Vaterlandes zu spät gekommen zu sein, in der Weimarer Republik umso begeisterter für eine „Revolution von rechts“ eintraten. Höhepunkt seines Engagements war die Beteiligung an der antidemokratisch und antisemitisch motivierten Ermordung des Außenministers Walther Rathenau, wofür er fünf Jahre im Zuchthaus saß.

Im „Fragebogen“ erscheint die Zeit bis 1933 in rechtfertigendem Licht. Das Motiv, sich idealistisch und entschlossen für Deutschland einzusetzen, bestimmt hier die Selbstdeutung – die Fragwürdigkeit der Methoden wird nicht thematisiert, der Rathenaumord als Sturm-und-Drang-Tat pubertierender Jungen verharmlost.

Salomon nimmt sich seine beiden Feinde vor

Nach 1933 zog sich Salomon, so stellt er es im „Fragebogen“ dar, als Hitlergegner in die „innere Emigration“ zurück. Er begann, Drehbücher für die Ufa zu schreiben, und der früher verhasste bürgerliche Lebensstil trat an die Stelle revolutionär-asketischer Haltung.

Bemerkenswert ist, dass Salomon seine Freundin, die nach den „Nürnberger Gesetzen“ als Jüdin galt, in dieser Zeit und auch über die Trennung hinaus als seine Ehefrau ausgab, wodurch sie überleben konnte. 1945 wurde Salomon von den Amerikanern als „security threat“ interniert. Wieder in Freiheit schrieb er den Roman, der sein Leben in die Entwicklung Deutschlands im 20. Jahrhundert einpassen und seine Lehre an den Leser bringen sollte.

Im „Fragebogen“ nimmt sich Salomon seine beiden Feinde vor: Amerikaner und Nationalsozialisten. Die neuen Besatzer porträtiert er als Barbaren, die die deutsche Gesellschaft nicht verstehen und daher mit wahlloser Brutalität unterdrücken. Ihr demokratisches Politikmodell, erklärt er, kranke an der Missachtung von natürlicher Hierarchie und Gemeinwohlorientierung. Außerdem unterstellt Salomon den Amerikanern, mit zweierlei Maß zu messen: Gerade die Institution des Fragebogens und die eigene Internierung zeigten, dass die Besatzer Würde und Recht des Unterlegenen nicht achteten, sie andere also nicht den eigenen Werten gemäß behandelten. Zur Illustration fährt Salomon eine ganze Reihe unangenehmer Typen auf, in denen Brutalität und Kulturferne Gestalt annehmen.

Vom Regime korrumpierte Idealisten

Den Antisemitismus der Nationalsozialisten hält Salomon zwar für übertrieben, als zentrales Merkmal ihrer Herrschaft gilt er ihm aber nicht. Vielmehr missfällt ihm das Werben der Nationalsozialisten um einen Massenanhang. Politik muss nach seiner Vorstellung von einer Elite entschlossener Revolutionäre gemacht werden, nicht mit einem Heer mediokrer Anhänger. So ist es nur konsequent, dass er die Nationalsozialisten ausdrücklich in die Nähe der Amerikaner rückt und ihre Herrschaft als Steigerung der demokratischen Staatsform interpretiert.

„Echte“ Nationalsozialisten treten im „Fragebogen“ gar nicht auf. Wehrmachtssoldaten, SS-Leute und Parteifunktionäre sind hier entweder aufrechte, vom Regime korrumpierte Idealisten oder harmlose Einfaltspinsel, die nur durch Zufall in die Mühlen des Systems geraten sind. Es bleiben Hitler und einige schemenhafte Verbrecher, so dass der Nationalsozialismus kaum zu greifen ist.

Undeutlich ist auch Salomons eigenes Konzept. Es geht ihm um ein großes und starkes Deutschland, eine harmonische Gemeinschaft jenseits aller Parteigrenzen, strikt hierarchisch organisiert, geführt von unerschrockenen Revolutionären. Ein echtes Kontrastangebot zur NS-Herrschaft macht er damit nicht. Elitärer geht es bei ihm zu, und Salomon bestreitet, dass der Antisemitismus für ihn eine Rolle gespielt habe.

Besser machen

Dass aber die Nationalsozialisten mit Salomon das Ziel teilten, Deutschland um jeden Preis zu neuer Größe zu verhelfen, fällt dabei völlig unter den Tisch. Ernst von Salomon ist nicht angetreten, um alles anders zu machen als die Nationalsozialisten, sondern um es besser zu machen. Seine Abwendung von der Politik nach 1933 ist von dem Gefühl bestimmt, dass Hitler und seine Anhänger den Nationalismus verhunzt hätten.

Wie konnte ein politisches Manifest im Gewand der Autobiografie so erfolgreich werden? Da ist zunächst die literarische Qualität. Aus den Antworten auf die trockenen Fragen windet Salomon einen Kranz unterhaltsamer Anekdoten. Die ausufernde Form ist eine gelungene Parodie auf den bürokratischen Akt der Befragung. Der ironische Plauderton führt beim Leser zu Zweifeln, ob er es tatsächlich mit einem entschlossenen Aktivisten zu tun hat – wer so schreibt, kann kein Hardliner sein. Und: „Der Fragebogen“ wurde zum Erfolgsbuch in einem Erfolgsverlag. Bei Rowohlt war nicht nur Platz für Sartre und Tucholsky, sondern auch für Ernst von Salomon.

Der tatsächliche Grund für den Erfolg des Romans war aber seine politische Botschaft. Dem Programm einer doppelten Gegnerschaft gegen Amerikaner und Nationalsozialisten in Verbindung mit einem entnazifizierten Nationalismus konnten die Leser zustimmen. Die Nazis kommen schlecht weg, die Juden gar nicht vor, die Deutschen bleiben mehrheitlich die Guten, und die Amerikaner sind die ungerechten Gewinner, über deren verkommene Moral man sich lustig machen würde, wenn sie nicht so traurig und gewalttätig wäre.

Mehr noch: Salomon stand zwar auf Seiten der Verlierer, trumpfte aber mit dem Gestus moralischer und intellektueller Überlegenheit auf und erhob den Anspruch, immer alles richtig gemacht zu haben, also doch der heimliche Sieger zu sein. Das gibt dem Text den subversiven Dreh und ist Salomons eigentliche intellektuelle Leistung. Ihm gelang es, eine verbreitete Stimmungslage aufgreifen, er selbst stellte sich den Deutschen als zwar extremes, aber anschlussfähiges Leitbild vor Augen.

Die Wertvorstellungen, die Salomon hier bedient, waren in den fünfziger Jahren noch vielerorts anzutreffen. Es sind ältere antiliberale Denkmuster, die während der NS-Zeit radikalisiert worden waren und nach dem Krieg – in wiederum entradikalisierter Form – noch immer auf verbreitete Akzeptanz stießen.

Erst im Laufe der sechziger Jahre setzten sich Liberalisierungstendenzen gegen diese Überhänge durch. Über Ernst von Salomon aber, der an seinen Überzeugungen festhielt, ging die Zeit hinweg. Mit seinen späten Romanen konnte er nicht mehr an den Erfolg des „Fragebogens“ anknüpfen.

Das Projekt der „Entnazifizierung“ gilt heute als weitgehend missglückt. Ein gigantisches Rechtfertigungskartell erreichte, dass die allermeisten Verdächtigten als „Mitläufer“ oder „Entlastete“ davonkamen. An Salomons „Fragebogen“ lässt sich studieren, welche Mechanismen jenseits von Freundschaftsdienst und Hilfe auf Gegenseitigkeit bewirkt haben, dass sich viele Deutsche tatsächlich unbeteiligt an der jüngsten Vergangenheit fühlen konnten, ohne dass sie dafür ihre Grundüberzeugungen ändern mussten.

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