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Der vergessene Schwindel

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Von: Peter Michalzik

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Das Leben der größten Betrügerin und begabtesten Lügnerin Frankreichs: La Grande Thérèse

Dieses Buch hat den Charakter einer Rehabilitierung, mehr: einer Wiedergutmachung. Als Hilary Spurling, Autorin einer hochgelobten Matisse-Biographie, 1993 das erste Mal auf Spuren von Thérèse Daurignac stieß, war sie kaum mehr greifbar, eher ein Phantom als eine Figur, wie Spurling schreibt. Aber die Frau beschäftigte sie: "Während der Arbeit am ersten Band meiner Biographie fiel es mir derart schwer, sie auf eine Nebenrolle zu verbannen, dass ich, nachdem er abgeschlossen war, das Gefühl hatte, ich schulde ihr ein eigenes Buch."

Eine seltene Gabe

Die Erzählung vom Leben Thérèse Daurignacs, die sie entfaltet, beginnt mit einem ebenso nüchternen wie emphatischen Satz: "Thérèse erzählte Geschichten." Spurling beschreibt das Leben einer Frau, die wahrscheinlich die größte Hochstaplerin ihrer Zeit war, als das Produkt einer seltenen, schönen Gabe. Aus armen Verhältnissen im Languedoc stammend, gelang es ihr durch die Macht der Phantasie, in die höchsten Kreise von Paris aufzusteigen. Sie war eine Zauberin: "Schon von klein auf unterhielt sie ihre fünf Geschwister mit Märchen, in denen ihr Vater zum Comte d'Aurignac mutierte, Thérèse selbst zur Erbin eines Riesenvermögens und das bescheidene Bauernhaus der Familie zu einem Chateau."

Das Buch ist selbst wie ein Märchen aus der Wirklichkeit. Doch besteht sein Clou natürlich darin, was Thérèses Aufstieg und Fall über ihre Zeit erzählt. Es ist wie bei allen Hochstaplergeschichten zunächst die Gier der Umgebung. Sie möchte vom märchenhaften Reichtum, den Thérèse aus erfundenen Erbschaften zu erwarten hatte, etwas ab haben, schießt Geld vor, verkauft ihr auf Kredit Häuser und schon hat die Dame das Geld, das zu haben sie vorgab.

Sie war, über verwandtschaftliche Beziehungen, mit dem Sohn eines Justizministers der dritten Republik verheiratet, und wurde ein wesentlicher Bestandteil von dessen Aufstieg. Sie fiel in eine Epoche, in der sich die sozialen Karten neu mischten. Ihre Lügen waren dreist, kreativ und wirkten natürlich. Innerhalb von ein paar Jahren war sie Teil der obersten Pariser Kreise. Diese Geschichte ist voller unglaublicher Details wie Gerichtsverhandlungen über nicht existierende Erbschaften, die La Grande Thérèse, wie sie schon lange hieß, gewann. Sie führte ein Suizidregister, in das sie die Selbstmorde ihrer Gläubiger eintrug. Ihr Bruder unterhielt bezahlte Killer. Der Aufstieg der 1856 geborenen Thérèse währte bis 1902. Die Zinsen der Kredite holten sie ein, sie fand keine neuen Kreditgeber mehr, der Safe wurde geöffnet, man ahnte in der Öffentlichkeit, dass alles ein Schwindel war, die Gläubiger wollten sich alle in Sicherheit bringen. Tausende Anleger verloren all ihre Ersparnisse.

Das Thema der Jahre 1902/03 war die Affaire Thérèse. Da sie mit dem ehemaligen Justizminister Humbert verknüpft war, wankte der gesamte Justizapparat, wie bei der Dreyfus-Affäre handelte es sich um eine ausgewachsene Staatsaffäre. Die Öffentlichkeit schwankte zwischen Faszination und Bestürzung, sie machten Thérèse zur Hexe oder Magierin.

Sie wurde zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, ein lächerliches Strafmaß. Man wollte es nicht genauer wissen. Es gibt keine Spuren von ihr nach der Haftentlassung 1908, die Affäre wurde schnell vergessen und nie in die Geschichtsbücher aufgenommen. Sie war für alle Beteiligten peinlich gewesen.

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