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Geplündertes Geschäft in Berlin nach der Reichspogromnacht 1938. „Für einen Juden ist das ganze Reich ein erweitertes Konzentrationslager“, schreibt Boschwitz.
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Geplündertes Geschäft in Berlin nach der Reichspogromnacht 1938. „Für einen Juden ist das ganze Reich ein erweitertes Konzentrationslager“, schreibt Boschwitz.

Boschwitz „Der Reisende“

Vergessene Exilliteratur: „Jedes dieser Bücher muss heute zu uns sprechen“

  • Peter Riesbeck
    VonPeter Riesbeck
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Verleger und Herausgeber Peter Graf über das lange Verschweigen der Exilliteratur, den Aufstieg von Ulrich Alexander Boschwitz in britische Bestsellerlisten und die Aktualität des Fluchtromans „Der Reisende“ auch achtzig Jahre nach seinem ersten Entstehen

Herr Graf, das von Ihnen wiederentdeckte und bei Klett-Cotta verlegte Buch des Berliner Autors Ulrich Alexander Boschwitz „Der Reisende“ steht in Großbritannien auf den Bestsellerlisten. Hat Sie der Erfolg überrascht?

Schon. Ich hätte eher eine große Resonanz in den Vereinigten Staaten erwartet und eine Rückkopplung vom US-Markt auf Großbritannien. So war es bei dem von uns verlegten Buch „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada, das danach auch in Deutschland wieder zum Bestseller wurde. Boschwitz’ „Der Reisende“ ist nach dem Wiedererscheinen in Deutschland schon in zwanzig Sprachen übersetzt. Die englischsprachige Ausgabe kam in diesem Fall eher spät. Aber das Buch hat in Großbritannien einen wunderbaren Verleger: Adam Freudenheim, sein Vater Tom Freudenheim ist 1937 in Stuttgart geboren, die Familie floh ein Jahr später vor den Nazis, Freudenheim war später stellvertretender Direktor des Jüdischen Museums in Berlin. In „Der Reisende“ spiegelt sich also auch ein Stück verlegerischer Familiengeschichte.

Haben Sie eine Erklärung für das erst langsam aufkommende Interesse in den Vereinigten Staaten?

Das ist immer schwierig. Es gab eine große Besprechung in der „New York Times“, interessanterweise vom amerikanischen Übersetzer von Falladas „Jeder stirbt für sich allein“. Die Rezension war aber eher zurückhaltend. Es gab auch sehr euphorische, im „Wall Street Journal“ etwa. Der literarische Erfolg vieler Bücher hängt aber oft auch mit der Einschätzung von Referenzmedien zusammen. Und das ist in den USA die „New York Times“. Aber seit die BBC über Boschwitz und „Der Reisende“ berichtet hat, können wir uns über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen. Es gibt neue Anfragen für Übersetzungen – aus Dänemark beispielsweise –, dazu Lizenzabschlüsse für Georgien und Russland. Auch über die Filmrechte wird gerade verhandelt.

Ihr eigener Verlag „Das Kulturelle Gedächtnis“ hat sich auf Bücher spezialisiert, die in Vergessenheit geraten sind, etwa Susanne Kerckhoffs „Berliner Briefe“, das unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg den moralischen Verfall in Nazi-Deutschland beschreibt. Wie sind Sie auf Boschwitz gestoßen?

Vor acht Jahren habe ich „Blutsbrüder“ von Ernst Haffner herausgegeben. Das Buch, erstmals 1932 erschienen, schildert das Leben obdachloser Jugendlicher im Berlin der 30er Jahre. Dieses Buch wurde ins Englische und Hebräische übersetzt. Dann hat sich Boschwitz’ Nichte Reuella Shachaf, die in London lebt, mit mir in Verbindung gesetzt und mich auf das Manuskript im Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt hingewiesen. Ich bin hingefahren und habe das Manuskript in zwei Tagen gelesen. Danach war mir klar: Das muss man machen. Man muss es lektorieren. Aber man muss es machen.

Boschwitz beschreibt beklemmend, wie sich die Stimmung gegenüber den jüdischen Mitbürgern in Deutschland in den Tagen nach der Pogromnacht 1938 ändert und wie der Erzähler vergeblich versucht, aus dem Land zu fliehen. Er scheitert an vielen Grenzen, letztlich bleibt dem Heimatlosen im eigenen Land nur das stete Reisen im Zug. Ebenso wie Irmgard Keuns „Kind aller Länder“ aus dem Jahr 1938, das die Flucht aus Deutschland quer durch Europa aus der Sicht eines Mädchens schildert, wirken diese Flüchtlingsgeschichten ungemein aktuell …

Es geht um die große Geschichte, aber erzählt an Einzelschicksalen. Das weckt die Empathie für das Schicksal dieser Menschen. Es geht um die Verfolgung im Dritten Reich, die Verbrechen der Novemberpogrome. Aber das Sujet der Flucht lässt sich übertragen auf Migrationsthemen unserer Tage. Die Beschreibung der Zeitgeschichte von damals sensibilisiert für unser eigenes Erleben der Gegenwart. Das macht das Besondere dieser Bücher aus.

Zur Person

Peter Graf, geboren 1967, ist als Lektor und Herausgeber tätig und leitet den Verlag „Das Kulturelle Gedächtnis“. Das Ziel: Vom Vergessen bedrohte Texte für die Literatur zu bewahren.

Im Programm des Frühjahrs erschien etwa der Roman „Tramhalte Beethovenstraat“ von Grete Weil (1906-1999), der von Exil, Verfolgung und dem Leben in der frühen Nachkriegszeit erzählt und erstmals 1963 herauskam. Für den Herbst ist u. a. der Roman „Die verlorenen Stürme“ von Susanne Kerckhoff (1918-1950) angekündigt: 1947 erzählte sie von 1932.

Ulrich Alexander Boschwitz kommt 1915 in Berlin zur Welt, sein Vater, ein jüdischer Kaufmann fällt im Ersten Weltkrieg, seine Mutter Martha Wolgast Boschwitz entstammt einer Lübecker Senatorenfamilie. 1935 flieht er aus Deutschland – über Schweden, Norwegen, Frankreich, Luxemburg und Belgien kommt der Heimatlose nach England. Dort wird er vor Kriegsbeginn 1939 als deutscher Staatsbürger interniert und nach Australien gebracht. Bei der Überfahrt 1942 wird sein Schiff von einem deutschen U-Boot versenkt. Vor der ehemaligen Wohnung der Familie in Berlin-Wilmersdorf wird des Autors, seiner Mutter und seiner Schwester Clarissa mit Stolpersteinen gedacht.

„Der Reisende“ schildert die Stimmung in Deutschland nach der Pogromnacht 1938 und den verzweifelten Versuch des Ich-Erzählers Otto Silbermann, das Land zu verlassen. „Ich bin trotz allem gefangen. Für einen Juden ist das ganze Reich ein erweitertes Konzentrationslager“, lässt Boschwitz ihn sagen. 1939 erscheint „Der Reisende“ in England, 1940 in den USA. Eine französische Ausgabe folgt 1945. Danach gerät das Buch in Vergessenheit. Boschwitz’ Nichte Reuella Shachaf macht 2015 Peter Graf auf das Manuskript aufmerksam, drei Jahre später erscheint der Roman in Deutschland bei Klett-Cotta (304 S., auch als Taschenbuch, 10,90 Euro). Die nun neu edierte englischsprachige Ausgabe, „The Passenger“, hat in Großbritannien gerade die Bestsellerliste erobert – achtzig Jahre nach dem ersten Erscheinen.

Irmgard Keun, die Deutschland in den 30er Jahren verlassen hatte, lebte nach 1945 nahezu drei Jahrzehnte fast unbemerkt in Köln, ehe sie ein Reporter des „Stern“ 1977 ausfindig macht und dem Vergessen entreißt. Auch für Boschwitz mag sich im Nachkriegsdeutschland niemand interessieren. Die Wiener Autorin Friederike Manner, die ihre Flucht und Rückkehr nach Österreich in „Die dunklen Jahre“ beschreibt, nimmt sich im Jahr 1956 das Leben, weil sich niemand an die Vergangenheit erinnern wollte …

Heinrich Böll setzte sich nach 1945 für Boschwitz ein. Aber es fand sich kein Verlag. Für die Gesellschaft war es zu früh, sich der eigenen Verantwortung zu stellen. Das gesellschaftliche Klima änderte sich erst mit den 68ern. Dann rückte auch die Exilliteratur stärker in den Mittelpunkt. Günther Birkenfelds „Wolke. Orkan. Staub“, eine Trilogie, ist eines der wenigen Bücher, das nicht nur die Anfänge des Dritten Reiches beschreibt, sondern auch Untergang und unmittelbare Nachkriegsjahre. Für die Gesellschaft damals war das wohl zu viel. Jedes dieser Bücher zeigt auf eindrucksvolle Art, dass es möglich war, angesichts der Verbrechen im Dritten Reich nicht wegzusehen. Jedes Buch, das wir verlegen, ist auch eine Verpflichtung gegen das Vergessen. Aber jedes dieser Bücher muss heute zu uns sprechen. Das ist das Entscheidende.

Lesen Sie auch die FR-Rezension zu „Der Reisende“: Geschichte, erzählt von einem, der mitten in ihr steckt

Wie kommen Sie auf die vergessenen Bücher, die Sie verlegen?

Durch Hinweise – wie im Fall von Ulrich Alexander Boschwitz. Häufig auch durch wissenschaftliche Literatur. Haffners „Blutsbrüder“ etwa wurde oft in Fußnoten in Jugendstudien zitiert. Dann habe ich mir das Original besorgt. Ähnlich wie Alfred Neumanns Widerstandsroman „Es waren ihrer sechs“, der nach seiner Erstveröffentlichung 1948 in der Bundesrepublik völlig vergessen wurde. In der DDR gab es immerhin in den 70er Jahren eine Ausgabe. Früher fand sich auch viel in Antiquariaten. Aber mit den Online-Antiquariaten entfallen das Stöbern und damit auch die literarischen Zufallsfunde.

Wie hat Boschwitz’ Familie auf den Erfolg reagiert?

Die sind ungemein stolz. Ulrich Alexander Boschwitz war in der Familie immer präsent. Seine Schwester fand in Palästina Zuflucht. Seine Nichte Reuella Shachaf besitzt ein Porträt des Autors, es stammt von Boschwitz’ Mutter Martha Wolgast Boschwitz, die Malerin war. Reuella Shachaf hat über dieses Buch jahrelang Zwiesprache mit ihrem Onkel gehalten. Der Erfolg seiner Bücher ist für die ganze Familie eine späte Anerkennung. Es ist der späte Beweis, dass das literarische Talent Ulrich Alexander Boschwitz’ endlich gewürdigt wird.

Interview: Peter Riesbeck

Verleger und Herausgeber Peter Graf. Sebastian Wells

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