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Verführung als Methode

Hans-Jürgen Heinrichs sucht die Erklärungskräfte der Psychoanalyse neu zu vereinen

Von CHRISTINA HEINEN

Der Ethnologe und Kulturtheoretiker Hans-Jürgen Heinrichs zählt zu den Vertretern der Psychoanalyse, die in ihr das Potenzial sehen, nicht nur die Tiefenschichten der individuellen Psyche auszuleuchten, sondern auch gesamtgesellschaftliche Befindlichkeiten sozialtherapeutisch zu interpretieren. Aus der Vielschichtigkeit der Beziehungen zwischen kulturellen Koordinaten und individueller Psyche zog Freud den Schluss, dass die Psychoanalyse zwar die Pein des Neurotikers lindern könne, aber keine Antwort auf das "Unbehagen in der Kultur" bereithalte. Im Widerspruch dazu hat Heinrichs bereits mit seiner Deutung der US-Politik Die gekränkte Supermacht. Amerika auf der Couch (2003) gezeigt, dass sich die Kluft zwischen der individuellen und der soziokulturellen Dimension spielend überbrücken lässt - wenn man nur bereit ist, die Existenz einer zur Psyche des Einzelnen analog funktionierenden Kollektivseele anzunehmen.

In seinem neuen Buch Expeditionen ins innere Ausland. Freud. Morgenthaler. Lévi-Strauss. Kerényi. Das Unbewusste im modernen Denken unternimmt Heinrichs nun den Versuch, das "weiterführende Synthetische" in den Werken der genannten Autoren freizulegen, um so Perspektiven der innerlich zerstrittenen Psychoanalyse als einer wiedervereinigten großen Theorie aufzuzeigen. Deren Erklärungspotenzial als Interpretationstechnik des Irrationalen werde dringend benötigt, denn sowohl in den Terroranschlägen des 11. September und der Reaktion der USA als auch im "weltweiten Missbrauch der Genforschung" äußere sich eine besorgniserregende generelle "Abkehr von der Vernunft".

Wo große Theorien schwinden,dient Lebenswissen als Ressource

Heinrichs bedauert das Schwinden großer Theorien, das er in der Dominanz naturwissenschaftlicher Menschen- und Weltbilder, aber auch in einer den Humanwissenschaften eigenen "Tendenz zur Erstarrung" begründet sieht. Der rationalistischen Selbstbeschneidung gelte es entgegen zu wirken und auf ein vitalisierendes "Lebenswissen" zurückzugreifen: Heinrichs möchte "das Morphologische, Sphärologische und Kosmologische" selbst bei so nüchternen Theoretikern wie Freud und dem Begründer des Strukturalismus Claude Lévi-Strauss freilegen, was mitunter nur im Rückgriff auf deren Privatleben möglich scheint.

Der essayistische Stil und die assoziative Vorgehensweise Heinrichs machen es dem Leser nicht leicht herauszufinden, welche Fragestellung Heinrichs verfolgt und was ihn dazu bewogen hat, gerade diese vier gegensätzlichen Autoren einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Das Freud-Kapitel liest sich wie eine kenntnisreiche, aber wenig originelle Einführung in die aktuelle kultur- bzw. sprachtheoretische Lesart des Psychoanalyse-Erfinders. Zwar streift Heinrichs immer wieder die Frage nach Ort und Zukunft der Psychoanalyse; über ein Lob ihres ungesicherten wissenschaftlichen Status (das Seelische lässt sich nicht vermessen, und das ist gut so) und das nicht näher konkretisierte Postulat, ganzheitliche Herangehensweisen müssten das Zergliedernde des analytischen Prozesses ersetzen, gehen seine Ausführungen jedoch selten hinaus.

Leitfaden des Buches ist in inhaltlicher wie in stilistischer Hinsicht das Motiv der Verführung, das Heinrichs im Werk des Ethnopsychoanalytikers Fritz Morgenthaler exemplarisch verkörpert sieht. Im Gegensatz zu Freud und der gängigen Lehrmeinung in der Psychoanalyse, der Analytiker solle sich als Person möglichst weit zurücknehmen, betont Morgenthaler das Potenzial einer intensiven Beziehung zwischen Analytiker und Analysand. Morgenthalers Überzeugung, Menschen ließen sich nicht durch Argumente verändern, sondern lediglich durch die emotionale Bewegung der Verführung (verstanden als Begehren des Analysanden, dem Analytiker zu gefallen, bzw. als Drängen des Analytikers, sich zu öffnen) bezieht Heinrichs in seiner Vorbemerkung auf die Wirkmächtigkeit von Texten. Das Wissen um das Erkenntnispotenzial der Verführung habe sich in seiner eigenen Erfahrung immer wieder bestätigt "und wurde doch auch vom Wunsch, mit Argumenten zu überzeugen, verdrängt und bahnte sich erneut seinen Weg, solange, bis Verführung, Reflexion und Argumentation nicht mehr als Widerspruch erschienen".

So elegant Heinrichs Jonglieren mit Zitaten und Verweisen mitunter auch wirken mag, inhaltlich geht sein Ansinnen, sprachtheoretische Lesarten der Psychoanalyse mit dem Ansatz Morgenthalers und dem "ergriffenen Denken" des Mythenforschers Karl Kerényi zu verbinden, nicht auf. Punkte, an denen die Unvereinbarkeit der holistischen mit den analytischen Ansätzen allzu offenbar wird, umschifft Heinrichs mit rhetorischen Fragen. So mystifiziert er den Topos des Widerstandes, der sowohl die Weigerung des Analysanden bezeichnet, sich dem Verdrängten zu stellen, als auch einen per se unzugänglichen Rest, der sich der sprachlichen Auflösung in Sinn widersetzt: "Ist es am Ende nicht so wie mit der Rose, deren Zauber man nicht erfährt, wenn man sie Blatt für Blatt zerlegt, zerrupft?"

Nach dem Wahrheitskern suchen und den Mythos nicht scheuen

Präzise zeichnet Heinrichs die innere Beziehung eines durch Erkenntnis der grundsätzlichen Unabschließbarkeit des psychoanalytischen Prozesses erschütterten Wahrheitsbegriffes und der Aufwertung des Narrativen innerhalb der Psychoanalyse nach. Doch auch wenn er feststellt, dass Freud es trotzdem nie aufgegeben habe, "nach einem ,Wahrheitskern' jenseits der narrativen Wahrheit zu suchen", so scheint es, als sehe Heinrichs die Zukunft der Psychoanalyse nicht in der "Sisyphusarbeit" des Zergliederns, sondern in der mythischen Überhöhung dessen, was sich dem analytischen Blick entzieht.

Das Buch:Hans-Jürgen Heinrichs: Expeditionen ins innere Ausland. Freud, Morgenthaler, Lévi-Strauss, Kerényi. Psychosozial-Verlag, Gießen 2005, 220 Seiten, 19,90 Euro.

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