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Die US-Bürgerrechtlerin Angela Davis im Juli 2003 vor einem Foto des Philosophen Herbert Marcuse während eines Gedenkkolloquiums an der Freien Universität in Berlin.
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Die US-Bürgerrechtlerin Angela Davis im Juli 2003 vor einem Foto des Philosophen Herbert Marcuse während eines Gedenkkolloquiums an der Freien Universität in Berlin.

"Verführer der Jugend"

Marcuse und die Studentenbewegung: Nachgelassene Schriften

Von GOTTFRIED OY

Vielleicht ist es das Schicksal von Intellektuellen, die sich allzu eng an soziale Bewegungen binden, nach dem Abebben dieser Bewegungen in Vergessenheit zu geraten. Um Herbert Marcuse zumindest ist es, im 25. Jahr nach seinem Tod, sehr ruhig geworden. Es wurde kein Marcuse-Jahr ausgerufen, weder in seiner Geburtsstadt Berlin, noch in der Stadt der Frankfurter Schule oder an einer der US-amerikanischen Universitäten, an denen er seit seiner Emigration 1934 bis in die 1970er-Jahre lehrte.

Publizistisch hingegen ist das Erbe des Mitbegründers der Neuen Linken noch lange nicht aufgearbeitet: Unter dem Titel Die Studentenbewegung und ihre Folgen liegt nun der vierte Band der auf sechs Bände angelegten Nachgelassenen Schriften vor, der verstreute politische Texte zum Teil in Erstveröffentlichung aus den 1960er- und 1970er-Jahren - also genau den beiden Dekaden, in denen Marcuse sich wie kein anderer Vertreter der Kritischen Theorie mit den 68ern solidarisch erklärte - versammelt.

So ruhig es heute geworden ist, so aufgeregt debattierten seine politischen Gegner zu Lebzeiten Marcuses über die Gefahr, die von ihm ausgehen würde: Rechtsextreme Gruppen griffen ihn scharf an, der damalige Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan, und US-Vizepräsident Spiro T. Agnew setzten sich persönlich für eine Entlassung des "Verführers der Jugend" von der Universität San Diego ein. 1969 wurde sein Lehrvertrag ausgesetzt, er konnte bis 1976 lediglich mit dem Status eines Privatdozenten weiter lehren. Aber auch die radikale Linke in Europa war - wohl enttäuscht wegen seiner klaren Absage an Arbeiterklasse-Romantizismen - nicht immer gut auf Marcuse zu sprechen. Das Gerücht, er sei CIA-Spitzel, wurde in Umlauf gebracht, zur Begründung musste seine Forschungstätigkeit beim US-amerikanischen Office of Strategic Services in den 1940er-Jahren herhalten.

Dabei war er zunächst einmal lediglich per Zufall zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Eine Unesco-Konferenz zum 150. Geburtstag von Karl Marx führte ihn im Mai 1968 nach Paris, er wurde Zeuge der militanten Straßenkämpfe im Quartier Latin. Kurz darauf war er in Berlin zu Gast, die deutsche Studentenbewegung bereitete ihm einen fulminanten Empfang. Zurück in den USA hatte er schließlich seinen Ruf als Experte für die europäische und US-amerikanische Studentenbewegung weg.

Integrierte Arbeiterbewegung

Nicht zufällig allerdings war die gesellschaftstheoretische Übereinstimmung mit den Zielen der Bewegung, wie die Texte über die Studentenbewegung zeigen: Eine neue Opposition könne nicht mehr aus der Arbeiterbewegung erwachsen, weil diese im wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus integriert sei. Lediglich unabhängige Intellektuelle wie gesellschaftliche Randgruppen seien in der Lage, durch Kämpfe zu einem neuen revolutionären Subjekt zu werden. Eindeutig auch seine Absage an Massenparteien, er präferierte spontaneistische, dezentrale Gruppen statt zentralisierter und organisierter Bewegungen. Eine neue politische Sprache und neue Aktionsformen, die zeigen, dass Menschen mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen agieren, seien notwendig.

Er sah damals nichts weniger als die erste Revolution, die auf den Errungenschaften der industriellen Gesellschaft aufbaut, in Sicht: "Die Beseitigung der Unterordnung des Menschen unter die Werkzeuge seiner Arbeit und die produktive und progressive Abschaffung von entfremdeter Arbeit würde ihrerseits zu einer wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Revolution - alle drei Revolutionen in einer - führen und kraft dieser Dimension die bisherigen Revolutionen weit übertreffen." Es gelte sich angesichts radikaler Umwälzungen, wie etwa der Intellektualisierung der Produktion und der zunehmenden immateriellen Arbeit, vom "Fetischismus der Arbeit" und der "Mystifikation des Klassenbegriffes" zu verabschieden. Während der unbedingte Glaube an bevorstehende revolutionäre Umwälzungen sich heute antiquiert anhören mag, ist Marcuses Analyse der Umbrüche in den Produktionsverhältnissen alles andere als überholt.

Einen weiteren Abschnitt des Bandes bilden Texte zur Kubakrise 1961, zum Vietnamkrieg und zur Situation Israels in den 1970er-Jahren. Unspektakulär sind dabei Marcuses Äußerungen zur US-Invasion in der Schweinbucht, ebenso geläufig seine Stellungnahmen zum Vietnamkrieg, die ihn als ausgewiesenen Kriegsgegner sowie als genauen Kenners der US-amerikanischen Friedensbewegung zeigen.

Sozialismus für Nahost

Weit weniger bekannt hingegen sind Marcuses Artikel und Stellungnahmen zur Situation in Israel, in denen sich überraschend konkrete Forderungen, wie etwa die nach einem Friedensvertrag mit Ägypten, der Regelung des Flüchtlingsproblems, der Einrichtung einer entmilitarisierten Zone unter UN-Aufsicht im Gazastreifen und auf der Sinaihalbinsel und Wiederansiedelung der aus Israel vertriebenen Araber finden.

Dem Versuch, die Minderheit der jüdischen Bevölkerung durch Vertreibung zur Mehrheit zu machen, erteilt Marcuse eine Absage: "Die jüdische Bevölkerung muß eine Minderheit in der riesigen Welt der arabischen Nationen bleiben. Sie kann sich nicht definitiv davon absondern, ohne zu einer Ghettoexistenz auf höherem Niveau zurückzukehren." Als Utopie skizziert er einen "sozialistischen nahöstlichen Staatenbund", in dem Juden und Arabern gleichberechtigt zusammenleben könnten - eine Konfliktlösungsstrategie, die heute noch selbst nach Abzug der sozialistischen Ideale mehr als uneinlösbar erscheint.

Angela Davis, Marcuses "beste Studentin", wie er sie einmal nannte, und Rudi Dutschke, mit dem Marcuse eine langjährige Freundschaft verband, sind als prominente Persönlichkeiten der Revolte ebenfalls eigene Kapitel gewidmet. Marcuse unterstützte vorbehaltslos die Solidaritätskampagne gegen die Verurteilung Angela Davis' als Terroristin. Er hatte allerdings auch scharfe Vorbehalte gegen die orthodoxe Parteikommunistin Davis, die sich weigerte, die Staaten des Ostens, die sich mit ihr solidarisch erklärt hatten, ob ihres Stalinismus zu kritisieren.

Dutschkes und Marcuse Freundschaft wird durch ihren Briefwechsel dokumentiert, dessen unspektakulären Themen der Zerfall der Studentenbewegung und die orthodoxe Wende der 1970er-Jahre sind. Nach dem Attentat auf Dutschke war auch San Diego zunächst als mögliches Exil im Gespräch. Als dort jedoch eine Hetzkampagne gegen "red rudi" einsetzte, entschied sich Dutschke auf Vermittlung von Erich Fried für die Umsiedlung nach Großbritannien, später dann nach Dänemark. Zuletzt debattieren die beiden über den Fall Rudolf Bahro, bevor der Briefwechsel kurz vor dem Tod Marcuses jäh abbricht.

Wie andere Texte dieses Bandes wirft auch der Briefwechsel zwischen Marcuse und Dutschke die Frage auf, was jenseits zeithistorischer Aspekte an den Nachgelassenen Schriften interessant sein könnte. Anders als etwa bei Michel Foucault, dessen in den letzten Jahren veröffentlichter Nachlass auf eine rege Theoriedebatte traf, ist es um Marcuse auch in dieser Hinsicht still geworden - zu Unrecht, wie etwa seine hochaktuellen Analysen zur Intellektualisierung und Immaterialität der Arbeit in diesem Band zeigen.

Politisch wäre schon viel gewonnen, wenn Marcuses Texte die heute in Amt und Würde gelangten 68er an die Stoßrichtung der Kritik am Wohlfahrtsstaat erinnern würden: So jedenfalls, wie sie heute den Sozialstaat "reformieren", war das damals nicht gemeint.

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