Die Dichterin Verena Stauffer lebt abwechselnd in Berlin, Wien und Moskau.
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Die Dichterin Verena Stauffer lebt abwechselnd in Berlin, Wien und Moskau.

Lyrik

Verena Stauffer „Ousia“: Im leichten Auftrieb des Winds

  • vonEberhard Geisler
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Worte sind schneller als Fische: Der Lyrikband „Ousia“ der österreichischen Dichterin Verena Stauffer.

Die Dichterin Verena Stauffer wurde 1978 in Oberösterreich geboren, hat in Wien Philosophie studiert und lebt abwechselnd in Berlin, Wien und Moskau. Die Wahl dieser Aufenthaltsorte verweist bereits auf die beachtlichen Dimensionen, innerhalb derer sie ihre Aufgabe begreift. Sie sucht den Kontakt zwischen Ost und West und möchte die durch Kriege zerklüftete Welt letztendlich versöhnen. „Trügen wir unsere Solidaritätskostüme / nicht nur als Verkleidung / ... übermorgen gingen wir und trennten / die Grenznähte auf.“

Zugleich ist ihr Projekt von höchstem intellektuellem wie poetischem Anspruch. Als Buchtitel verwendet sie ousia, den Begriff der Griechen für das Sein, der in der Antike auch in der Bedeutung von Dasein, Wesen oder allgemein von Wirklichkeit ausgelegt worden ist, und beabsichtigt damit, ebenso die eigene Existenz zum Ausdruck zu bringen wie über Einheit und Mannigfaltigkeit der Welt zu reflektieren und sie in Zeiten äußerster Bedrohung gar zu retten. Und nicht zuletzt will sie nach der Möglichkeit dichterischer Rede in der Gegenwart fragen.

Ins feinmaschige Netz

Verena Stauffer. Ousia. Gedichte. kookbooks, Berlin 2020.120 Seiten, 19,90 Euro.

Stauffer weiß, wie schwierig die Aufgabe ist. „Wie sich festlegen, ohne einander zu kränken“, fragt sie und spricht wohl aus der Erfahrung schwieriger politischer Diskussionen. Für sie kann der Weg schließlich kein anderer sein als „in ein freies Unbestimmtes“. Sodann zitiert sie die Zerstörung der Umwelt, in der es immer weniger zirpende Insekten gibt und das dichterische Wort im vermüllten Meer unterzugehen bzw. obsolet zu werden droht: „kann es von dort wieder eingeholt werden, in feinmaschigen Netzen / eingeklemmt zwischen toten Meereskörpern, Algen und Plastik?“

Verstört reiht sie Wörter ohne syntaktische Verbindung, um durch bloße Aufzählung die gefährdete Welt noch einmal in Erinnerung zu rufen. Die sprachliche Zerrüttung hat sie in diesem Buch freilich nicht ganz im Griff, so dass viele Gedichte eine schillernde Ambiguität zeigen, in der die Eindeutigkeit von Empfindung und Sinn verloren geht. Die Natur erscheint allzu medusenhaft, und die Autorin lässt sich von Fachtermini blenden.

Das schönste Gedicht trägt den Titel „Atmen“. Die Dichterin stellt fest, dass Worte nicht wie Fische gefischt werden können, weil sie sich dem fixieren wollenden Zugriff entziehen. Dichter und Denker „fischen, so lange man denken kann, den Sprüchen nach, den kümmernden, sorgenden / den verbindlichen, doch die Worte sind schneller als Fische, lassen sich nicht fangen / beißen nicht an, flüchten jeden Köder“. Wenn es zu einem verbindlichen Wort kommen soll, dann nicht durch die Intentionalität der Poeten und Philosophen, die es festzulegen suchen, sondern allein durch ein Gewähren-Lassen von jenem Unbestimmten, das in seinem Strömen selbst zu vernehmen ist: „An manchen Tagen jedoch, wenn der Fluss seine Glocken schwingt / dann schallen die Worte, verbinden sich zu läuternden Erzählungen / die das ganze Land hört und die der Wind in alle Köpfe trägt / auf dass sie wieder und wieder in den Fluss sprängen / und nach ihren Versprechen suchten / um sie zurückzuholen und zu halten“. Das Glück gelingender Rede kann nicht erzwungen werden.

Goethe, Hölderlin, Benjamin

Es finden sich in diesem Band Formulierungen, denen lange nachzudenken wäre. Auch sind Anspielungen an die großen deutschen Traditionen von Dichtung und Philosophie in ihm versteckt. Goethes Urpflanze taucht auf, und Verse von Hölderlin klingen an. Einmal wird auch die Rüsche am Kleid zitiert, von der Walter Benjamin gesprochen hat, der sich mit diesem Bild von einer abstrakten Idee von Ewigkeit distanzieren wollte, weil er vielmehr deren naheste Anschauung meinte. Wenn sich die Dichterin demnächst weniger zaghaft auf solche Stichwortgeber bezieht, wird sie der Gefahr der Zerrüttung und einer auf Irrwegen sich verlierenden Empfindung entgehen. Das Feld dafür hat sie schon abgesteckt.

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