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Verena Güntner. 

Roman

Verena Güntner: „Power“ – Kinder gehen ihren Weg

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Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse: Verena Güntner erzählt in „Power“ schillernd und kühl von Verwandlungen und der Kraft der Entschlossenheit.

Ähnlich beinhart, wie es die Heldin ihrer Geschichte mit ihrer Mission handhabt, zieht die Schriftstellerin Verena Güntner den Roman „Power“ durch. „Power“ ist der etwas inadäquate Name für den kleinen Hund von Frau Hitschke, der verschwunden ist. Aber die Kraft, Macht, Energie, um die es in „Power“ geht, ist nicht klein. Sie ist archaisch und von unerwarteter Gewalt, nämlich nicht das Kinderspiel, als das das alles zunächst erscheinen mag.

Nicht klein, sondern ausgesprochen kraftvoll ist auch der Erzählton, den Güntner anschlägt – schlicht, groß, zuweilen biblisch groß, aber nicht pathetisch, jedenfalls nicht pathetischer als so: „Und es werden noch mehr werden in den nächsten Tagen, es werden sich weitere Kinder der Suche nach Power anschließen, am Ende wird keines übrig bleiben, kein Kind. Und die Häuser der Familien werden leer gefischt, die Kinderzimmer ausgetrocknet sein, auch wenn Kerze in diesem Moment noch nichts davon weiß.“

Eine sonderbare Geschichte bahnt sich an, und die Erzählstimme ist gut informiert – auch über den weiteren Fortgang –, lässt das aber selten durchblicken. Eng hält sie sich an Kerze, die ihrerseits aber ganz bei der Sache bleibt und die man heute im Sport und im Beruf als unbedingt fokussiert beschreiben würde. Dabei schwebt die Erzählstimme auch über dem Ganzen, schlüpft in diese und jene andere Figur, mäandert, blickt vor und zurück. Will nichts weiter als zu erzählen.

Sprache und der Klang und Rhythmus von Sprache sind schon lange Güntners Metier, als Theaterschauspielerin ist sie, 1979 in Ulm geboren, dem Wiesbadener Staatstheaterpublikum wohlbekannt. Heute lebt sie in Berlin, und ihr Romandebüt „Es bringen“ war 2014 auch ein klassischer Hochhaussiedlungsroman: Ein 16-Jähriger mitten im Macho-, Mithalte- und Extraprollgehabe. Da ist Kerze jetzt ein anderer Fall, praktisch das glatte Gegenteil, kein Jargon, kein Jugendsprech, wie die Erzählstimme, die – wie die übrigen Romanfiguren und wie alsbald gewiss die Leserin und der Leser – Kerze gewogen ist, verwendet auch Kerze ihre eigene, keineswegs originelle, aber präzise eingesetzte Sprache.

Verena Güntner: Power. Roman. Dumont Buchverlag, Köln 2020. 250 Seiten, 22 Euro.

Auch wohnt sie auf dem Land in einem Dorf. Das Dorf ist sich zwar fremd geworden – früher gab es Kühe und Schweine, nach denen sich einige Leute noch sehnen, heute gibt es Saisonarbeiter, die von einem bissigen Hund bewacht werden, damit keiner entkommen kann –, aber immerhin leben hier noch 25 Kinder. Eine beträchtliche Zahl, fahren Sie mal in ein Dorf. „Power“ ist keine Reportage, das Unwirkliche – und wo ist überhaupt die Polizei? –, das Gottvergessene (Power kennt nur „Keingott“) gehören zur Kraft dieses Buches. Im Dorf muss man sich, begreift man in „Power“, selbst etwas überlegen, selbst Regeln festlegen und Maßnahmen ergreifen. Das ist gut so, das macht bei aller Enge frei, die Autorin Güntner wie auch die Figur Kerze. Das kann alles nicht sein, es kann nicht genau so sein, wie es hier steht, aber die Geschichte ist stark und wahrhaft, wie Kerze.

Warum heißt das Kind Kerze? „... das ist das, was Kerze am besten kann: Versprechen halten. Jeder im Dorf weiß das, und deshalb kommen die Leute zu ihr. Beauftragen sie, wenn sie bei einer Sache nicht weiterwissen, trauen ihr zu, dass sie das schafft, dass sie alles schafft, was sie einmal zugesagt hat. Weil sie Kerze ist. Ein Licht in dieser rabenschwarzen Welt.“ Greta Thunberg wird einem vermutlich erst hinterher einfallen, weil Kerze zu präsent, die Geschichte zu eigen ist, aber einfallen wird sie einem schon. Darin könnte ein böses parodistisches Element lauern (Kerze hat nicht vor, die Welt zu verändern, sie will wirklich bloß Power finden), aber davon kann keine Rede sein. „Power“ ist keine Parabel, es ist nur es selbst. Man sollte nicht auf Erklärungen hoffen. „Wäre Kerze jetzt da, sie würde sagen: Fragt nicht, warum. Wer so viel fragt wie ihr, bleibt dumm.“

Frau Hitschke jammert herum, weil Power weg ist. Kerze verspricht ihr, Power zu finden. Man hat zunächst noch Gründe, Kerze für ein etwas gestörtes Kind zu halten. Aber das führt nicht weit. Zudem fällt auf, dass die Lehrer sie mögen. Dass sie die Geschichtsarbeit nach zwanzig Minuten abgibt – „Geschichte ist einfach, immer dasselbe“ –, scheint kein Zeichen von Überforderung zu sein. Als Anne mit ihren Noten angibt, sagt Kerze zu ihr: „Du wirst sterben.“ Anne beschwert sich, aber die Lehrerin erklärt ihr, dass Kerze schließlich recht habe. Es sei bloß noch Zeit bis dahin. So ist Kerze.

Jetzt fangen die Ferien an. Kerze durchsucht erst das Dorf nach Power, dann beginnt sie, den Wald abzusuchen. Einen Wald abzusuchen, ist nicht so einfach. Kerze verwandelt sich nach und nach in einen Hund. Auch schließen sich die anderen Kinder ihr nach und nach an, sogar Henne, der einzige Nazi im Dorf. In den umliegenden Dörfern gibt es mehr davon („Power“ ist bei allem Einfallsreichtum ein Roman von dieser Welt). „Henne hat diesbezüglich einfach Pech gehabt.“ Nun sagt er, dass er auch dabei sein will. „,Du?‘, fragt Kerze und geht auf ihn zu. ,Heil!‘, ruft Henne und schlägt die Hacken zusammen. Kerze bellt ihn an. Verblüfft geht er einen Schritt zurück, fängt sich und ruft noch einmal ,Heil‘. Kerze bellt, Henne macht den Hitlergruß. Heil, Wuff, Heil, Wuff, fünf Minuten geht das so, bis Henne, das Gesicht schweißnass und mit heiserer Stimme, aufgibt.“

Es ist für einen Menschen, auch für ein Kind nicht einfach, ein Hund zu werden. Die Kinder trainieren unter Kerzes Anleitung hart, das Bellen, das Laufen auf vier Beinen, das Schnüffeln – die Tierwerdung gibt Gelegenheit, die Körper der anderen kennenzulernen, so dass „Power“ wunderbar unbelehrend und nebenbei von der Pubertät handelt.

Nach einer Weile gehen die Kinder auch zum Übernachten nicht mehr nach Hause. Im Dorf ist jetzt natürlich einiges los. Erwachsene sind nicht logischer als Kinder, eher unlogischer. Allein Kerze verliert das Ziel nicht aus den Augen, das Ziel eines Kindes, aber auch ein unmögliches Ziel. Dass Kerze einen frösteln lässt, dass erst recht die Dorfwelt einen frösteln lässt, gehört zur schillernden Vielfalt dieses Romans, nominiert dankenswerterweise für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Die Autorinbaut die Leipziger Buchmesse in ihre Anfang März startende Lesereise ein, im Hessischen Literaturforum ist sie am 2. April, in der Darmstädter Stadtkirche am 29. April.

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