DDR

Verdichtung und moralischer Befund

  • vonJürgen Verdofsky
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Franz Fühmann über Gottfried Benn: Ein Vortrag aus überschäumender Belesenheit liegt nun gedruckt vor.

Benn gibt Gründe, Fragen zu stellen. Franz Fühmann entwirft 1981 in freier Rede das dualistische Bild von einem „der größten deutschen Lyriker“. Kein hellauf öffentlicher Auftritt, mehr Gegenkultur. Er spricht in den Samariteranstalten Fürstenwalde, einer kirchlichen Einrichtung zur Betreuung geistig Behinderter in Brandenburg. Dieser Vortrag muss für die Zuhörer wie die Teilhabe an etwas Verbotenem gewesen sein.

Benn, Jahrgang 1886 und radikaler Expressionist, schien im entscheidenden Jahr 1933 ganz Richtung geworden zu sein. Fühmann hält diesen „für unerklärlich gehaltenen Versuch“, sich den Nazis anzudienen, nur für einen der Anlässe, den Dichter in der DDR unter Verdikt zu stellen. Nicht zuletzt stoße der „spezifische Ton“ seiner Gedichte auf Ablehnung. Der im „Leseland“ ungedruckte Benn bleibt „eine der schmerzlichsten Lücken, die es bei uns gibt“. Was Fühmann mit Georg Trakl gelang, eine von ihm kommentierte Ausgabe durchzusetzen, bleibt für Benn verwehrt, dessen erster Lyrikband erscheint im Ländchen erst 1986, zwei Jahre nach Fühmanns Tod.

Der Benn-Ton habe die Wege verstellt. Auch die Nazis taten sich damit schwer. Seine Dichtung rettete den sich einlassenden Dichter. Nach einer „kurzen Verblüffungspause“ hieß es auch dort: „Nein, der nicht!“ Benn hatte die „Drecksarbeit in der Akademie“ verübt, galt aber weiter als „entartet“, bekam Berufsverbot. Fühmann beschreibt die Kehrtwendung mit skrupulöser Genauigkeit, treibt die Unschuldsvermutung nicht zu weit. Zwei Jahre nach dem Machtantritt ließ Benn sich als Heeresarzt reaktivieren, nicht ohne das für eine „aristokratische Form der Emigration“ zu halten, diente fortan in der Etappe und schrieb sich „seine Wut auf die Nazis vom Leibe“. Einziger Leser: der Bremer Kaufmann Oelze.

Fühmann, Jahrgang 1922, kennt wie Benn lastende Vergangenheit, hatte sich früh in der NS-Ideologie verfangen, in Goebbels’ Wochenblatt „Das Reich“ erschienen Gedichte von ihm. In der Umkehrung folgte er sozialistischen Verheißungen, bis er erkannte, das Gegenteil eines Fehlers ist wieder ein Fehler. Aber anders als Benn war er zu kritischer Selbstaussage, zur Legendenzerstörung fähig. Und bleibt doch immer der um die Höhe der Dichtung wissende Kollege: „… ein großer Dichter ist er auch dann, wenn er eine …, sagen wir es deutlich, reaktionäre Position vertritt.“

Fühmann schafft aus überschäumender Belesenheit ordnende Verdichtung. Sein Befund ist kein moralischer, es ist ein poetischer. Einzelne Gedichte wie „Jena“, „Am Saum des nordischen Meers“, „Schutt“, „Aus Fernen, aus Reichen“, aber auch „Dennoch die Schwerter halten“ und „Den jungen Leuten“ werden zum Exempel. Fühmann spricht über Metren, Gedicht-Bögen und fortgesetzt über den „unverwechselbaren“ Ton. Immer unbefangen: „Benn hatte Schwierigkeiten mit Schlüssen.“ So entsteht das Benn’sche Labyrinth in wenigen Worten. Über unterschiedliche Ebenen und Stufen kommt dieser imposante Dichter auch Unkundigen nahe. Fühmann rafft Leben und Werk, lässt wenig außer Acht. Dieser Vortrag setzt ein mitwirkendes Unterscheiden voraus. An die Stelle der Abrechnung tritt das Erbe. Ein übertragenes Tondokument, das in Fühmanns Werkausgabe nicht enthalten ist.

Ärgerlich, von Satzfehlern sind auch Benns Gedichte nicht verschont, nicht alles ist der unzulänglichen Vorlage in Gunnar Deckers Fühmann-Biographie anzulasten. Was bleibt: Ein beispielhaftes Benn-Bild mit Rahmen. Ein Glanzstück ostdeutscher Gegenkultur.

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