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Ausstellung

Die verbrannten Dichter

Im Museum Baden in Solingen entsteht Deutschlands einziges Museum für verfolgte Künste. Die aktuelle Ausstellung zeigt jedoch, dass die Verfolgung keineswegs aufgehört hat.

Von xxawi

Jürgen Serke hat Jahrzehnte lang nicht nur über verfemte, verfolgte, verbrannte Dichter recherchiert und geschrieben. Er hat auch ihre Lebenszeugnisse gesammelt. Seine Stern-Serie Mitte der 70er Jahre öffnete einer ganzen Generation die Augen für die Unterschiedlichkeit derer, die von den Nazis in die Emigration getrieben wurden.

Das daraus 1977 hervorgegangene Buch "Die verbrannten Dichter" ist bis heute in immer neuen Auflagen im Buchhandel zu haben. Seit 2003 auch mit einer CD. Jürgen Serke hat 1982 dann auch ein Buch über die "verbannten Dichter", über die von den kommunistischen Regimes drangsalierten und ausgewiesenen Autoren veröffentlicht. Damit machte er sich damals nicht nur beliebt.

Im Museum Baden, das Deutschlands Museum der verfolgten Künste werden möchte, ist jetzt die Sammlung Jürgen Serke ausgestellt. Es sind Lebenszeugnisse der verfolgten Dichter beider Emigrationen. Der vor dem Nationalsozialismus und der vor dem Kommunismus.

Man macht erstaunliche Entdeckungen. Beim Rundgang gibt es bewegende und erhellende Augenblicke. So wird der Besucher - nicht hämisch, sondern eher traurig - darauf hingewiesen, dass viele derer, die gegen die Nazis gekämpft hatten, das SED-Regime gegen alle Kritik verteidigten und bis zum Ende für die DDR als das bessere Deutschland eintraten. Man bekommt so eine Ahnung davon, wie schwer es ist, nicht einäugig zu werden in einer Zeit der Blendungen.

Im Solinger Museum sind neben der Sammlung Serke noch Bilder und Gedichte von Peter Kien, einem in Theresienstadt zu Tode gebrachten Jugendfreund von Peter Weiss zu sehen, Fotografien von Wilfried Bauer, Christian C. Irrgang, Robert Lebeck und Stefan Moses, dazu aktuelle Werke der israelischen Künstlerin Sigalit Landau und der deutschen Künstler Jonathan Meese und Sarah Schönfeld.

Die Verfolgten sind zwar jetzt im Museum. Aber die Ausstellung macht klar, dass die Verfolgung nicht aufgehört hat. Das Museum der verfolgten Künste versteht sich nicht nur als Pflegerin des Erbes. Es möchte auch einen Beitrag leisten, dass dieses Erbe nicht täglich größer wird. In Deutschland sollen die freie Meinungsäußerung, Kunst und Wissenschaft nicht wieder verfolgt, sie sollen hier aufgenommen werden.

Warum gibt es ein solches Museum nicht in Frankfurt, Hamburg, München? Warum nicht in Berlin? Was waren die Einwände gegen seine Einrichtung in den anderen Städten? Warum hat es bis 2008 gedauert, bis ein solches Museum in Deutschland entstehen konnte?

Die Solinger Ausstellung schlägt sich nicht an die Brust. Weder damit, dass sie die Geschichte der verfolgten Künste besser zeigt als irgendwer sonst in der Republik. Sie lässt auch gar nicht erst den Eindruck aufkommen, es handele sich bei dem obrigkeitlichen Kampf gegen Literatur und Kunst um etwas spezifisch Deutsches.

Hier kann die Vorstellung, Deutschland sei gerade durch seine Verbrechen etwas Besonderes, gar nicht erst aufkommen. Das Tremolo, mit dem man bei Festakten so gerne sagt "gerade wir in Deutschland", fehlt. Dafür wird gezeigt, was in Deutschland geschah und was Deutsche taten.

Die Ausstellungen sind ein Anfang. Einer, der Hoffnung macht auf eine Auseinandersetzung mit dem 20. Jahrhundert, die uns hilft, im 21. Jahrhundert das Richtige oder doch wenigstens das weniger Schreckliche zu tun. Darum "ab nach Solingen!"

Es sagt sehr viel über den Zustand der Bundesrepublik, dass sein einziges Museum der verfolgten Künste, also eines, das eines seiner wichtigsten sein könnte, Unterschlupf findet in einem Ort, der nicht einmal 163 000 Einwohner hat.

Es sagt auch viel über den Zustand der Republik aus, dass das Museum ohne wesentliche Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen und ohne die des Bundes auskommen muss. Man muss sich darüber empören und man muss auf eine Veränderung dieses Zustandes dringen.

Aber man kann sich auch freuen. Über die Ausstellung, über die Einsatzfreude des Museums, der Stadt, der Mäzene und Sponsoren, der Besucher und Stadtverordneten, die das Museum möglich gemacht haben.

Es gibt die Engstirnigkeit, die Unbeweglichkeit der Institutionen, aber es gibt auch den Weitblick, den Mut und die Neugierde der kleinen Einrichtungen und der vielen Bürgerinnen und Bürger, die möglich machen, was die gut dotierten Profis für unmöglich hielten.

Auch darum: Auf nach Solingen! Dort kann man besichtigen, wie der freie Geist unterdrückt wurde und wird und man kann sehen, wie man mit viel Anstrengung, aber auch nur mit viel Freude an der Sache, ihn wieder wehen lassen kann. Wenn schon nicht in den Metropolen, dann eben in Solingen.

Museum Baden: bis 25. Mai. www.museum-baden.de

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