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Wo die englische Küste rau und einsam ist, spielt "Loney".
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Wo die englische Küste rau und einsam ist, spielt "Loney".

Andrew Michael Hurley „Loney“

Verborgene Seelenzimmer

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Andrew Michael Hurleys schillernder, zwischen den Genres angesiedelter Erstlingsroman „Loney“ über einen stummen Jungen und einen Pfarrer, der zweifelt.

The Loney ist ein elender Strich Land, ein „rauer, nutzloser englischer Küstenstreifen“, die „tote Mündung einer Bucht“, in die die Flut schneller strömt, als ein Pferd rennen kann. Arglose Menschen, ein paar Muscheln suchend vielleicht nur, ertrinken dort.

Elend auch, kalt und zugig ist das Haus mit dem Namen Moorings, in das trotzdem seit einigen Jahren – wie oft schon, bleibt im Ungewissen – zu den Osterfeiertagen ein Grüppchen mit seinem Pfarrer kommt, um zu beten und einen angeblich wundertätigen Schrein in einer Höhle zu besuchen. Eine Hoffnung vor allem treibt die Pilger an (denn als solche sehen sie sich): Heilung für den zurückgebliebenen Hanny, der jetzt 16 Jahre alt ist und immer noch nicht spricht.

So manchen gängigen Faden des Schauerromans hat der Brite Andrew Michael Hurley, Jahrgang 1975, in seinen Erstlingsroman „Loney“ gewoben. Ein verborgenes Zimmer wird in Moorings entdeckt auf dieser letzten Reise der Gruppe. In der Kammer ein Gefäß, das zerbricht. In diesem Krug Urin, Fingernagelstückchen, ein Jesusfigürchen aus Plastik. Unter den Dielen ein Gewehr. Der Hund findet im Wald eine Art Vogelscheuche, ihr Brustkorb ist ein alter Kaninchenstall, darin ein Schweineherz, von Nägeln durchbohrt. Die verkleideten, angemalten Pace Eggers – in Lancashire ein Jahrhunderte zurückreichender Osterbrauch – entern Moorings und akzeptieren kein Nein als Antwort. Sie zerren die Frauen in einen wilden Tanz.

Der das alles im Rückblick auf diese Reise in den 1970ern erzählt, ist Hannys kleiner Bruder, damals zwölf Jahre alt und schon ein versierter Dolmetscher für den Stummen. Mummer und Farther – wie ein Knurren die zusätzlichen „r“, kein „Mom“, kein „Dad“ – haben ihn in eine frühe Verantwortung gedrängt. Sie belastet ihn auch noch, als Pastor Andrew Smith, sein Bruder Hanny, später eine eigene Familie hat und absurd erfolgreich ist mit dem Buch „Mein zweites Leben mit Gott“.

So weit eine knappe Rahmenhandlung, als 30 Jahre nach den Geschehnissen auf The Loney ein Erdrutsch ein Babyskelett freigibt. Das Fernsehen berichtet. Das Baby könnte laut Polizei erschossen worden sein.

Hurley ist ein Meister darin, die Dinge ins Ungefähre und Finstere ausfransen zu lassen. Wie feindlich gesonnen, wie böse gar mögen die Einheimischen dort an der tückischen Küste sein? Und was treibt den alten Father Wilfred um, lange Jahre war er hart und selbstgewiss, nun ist er seltsam, zögerlich, zerstreut. Die Pilger wollen ihre Verstörung über den letzten Moorings-Aufenthalt mit Father Wilfred beim neuen Pfarrer, Father Bernard, loswerden: Sein Tod war doch sicher ein Unfall? Lieber nicht näher treten wollen die fast verzweifelt Glaubenden dem Gedanken, Father Wilfred könnte sich das Leben genommen haben.

Hannys Stummheit bleibt ebenso unaufgeklärt wie seine abrupte, wundersame Heilung. Und wie die Frage, ob das Baby getötet wurde und wenn ja, von wem. Der Erzähler hat diffuse Erinnerungen, aber sie könnten allemal falsch sein.

Schwer, in diesem Roman ein Zentrum und Gewissheiten auszumachen. Hurley lässt viele Ereignisse schillern wie eine Fata Morgana. Aber vielleicht ist am ehesten Father Wilfred die tragische Hauptfigur, der Loney, der Einsame. Am Ende hat er ein Tagebuch geschrieben, es dokumentiert (allerdings vom Erzähler nur indirekt wiedergegeben) den rapiden Zerfall seines Glaubens. Seine Beobachtungen führen ihn zu dem Schluss: „In allem hatte er sich geirrt.“ Die Welt erscheint ihm nur noch als „Maschinerie“, die Kinder nicht mehr bloß aufsässig, wie früher, sondern irritierend abgeklärt. Er erwischt Jungen dabei, wie sie Grabsteine zertrümmern, er schimpft, sie „hatten ihn angesehen, als wäre er nicht ganz real, oder als wäre das, was er sagte, nicht ganz real.“

„Loney“ ist voll doppelter Böden und Falltüren. Der Roman lässt sich keinem Genre zuordnen. Er geht einem nah, um einem gleich wieder zu entgleiten.

Andrew Michael Hurley: Loney. Roman. Aus dem Engl. von Yasemin Dincer. Ullstein, Berlin 2016. 384 S., 22 Euro.

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