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Das verborgene Jesuwort

Und die neue Sehnsucht nach Spiritualität: Die Religionswissenschaftlerin Elaine Pagels will ihren Lesern die apokryphen Evangelien schmackhaft machen

Von ROLF SPINNLER

1945 entdeckte der ägyptische Bauer Mohammed Ali Samman in einer Kalksteinklippe nahe dem oberägyptischen Ort Nag Hammadi einen versiegelten Tonkrug, der dort vor sechzehnhundert Jahren vergraben worden war. Er enthielt mehr als fünfzig verschiedene Handschriften in koptischer Sprache: eine ganze Bibliothek von esoterischen Texten christlichen und neuplatonischen Ursprungs.

Dieser Fund und die wenige Jahre später entdeckten Schriftrollen aus Qumran am Toten Meer lösten unter Historikern eine Debatte darüber aus, ob die Frühgeschichte des Christentums umgeschrieben werden müsse. Denn die Bibliothek von Nag Hammadi enthielt so genannte apokrypheEvangelien, die nicht in den neutestamentlichenKanon aufgenommen worden waren. Man kannte viele dieser Texte zuvor nur auszugsweise aus den Schriften der Kirchenväter, die sie als häretisch verurteilt hatten.

Elaine Pagels, Religionswissenschaftlerin an der Princeton University und Expertin für diese apokryphenEvangelien, hat darüber 1981 das Buch Versuchung durch Erkenntnis veröffentlicht. Jetzt legt Pagels eine neue Studie vor, die exemplarisch anhand des "Evangeliums nach Thomas" zeigen will, warum dieser Text aus dem Kanon des Neuen Testaments ausgeschlossen wurde.

Pagels' Buch bietet im Anhang eine deutsche Übersetzung des Thomasevangeliums, sodass sich jeder Leser selbst ein Bild davon machen kann. Dabei fällt zunächst auf, dass Thomas im Gegensatz zu Matthäus, Markus, Lukas und Johannes nicht die Lebensgeschichte Christi erzählt, sondern nur einzelne Aussprüche Jesu zusammenträgt, nämlich seine "verborgenen Worte". Unter diesen Sentenzen finden sich viele, die auch von den vier kanonischen Evangelien überliefert werden. Doch es gibt bei Thomas auch Jesuworte, die in ihrer Dunkelheit eher an die Rätselsprüche der griechischen Vorsokratiker oder die Paradoxien von buddhistischen Zen-Meistern erinnern.

Das Erbe der Gnosis

"Ich sage meine Geheimnisse denen, die meiner Geheimnisse würdig sind." In diesem vom Thomasevangelium überlieferten "verborgenen" Jesuwort kommt der gnostische Grundzug dieser Schrift klar zum Ausdruck. Unter "Gnosis" (Erkenntnis) versteht man eine spätantike philosophische Strömung, die etwa Folgendes lehrte: Im Anfang gab es das ursprüngliche Licht, die ursprüngliche Fülle (griechisch: pleroma).

Doch dann kam der Sündenfall: Ein böser Weltenschöpfer hat die materielle Welt geschaffen, in der wir Menschen gefangen sind. In jedem von uns hat freilich ein Fünkchen des ursprünglichen Lichts überlebt, und wenn wir uns nur tief genug in uns versenken und diesen göttlichen Funken in uns wieder entdecken, können wir von der bösen materiellen Welt erlöst werden und zurückkehren in die ursprüngliche Fülle des reinen Geistes. Wie die antiken Mysterienreligionen verstehen die Gnostiker diesen Weg der spirituellen Erleuchtung als Prozess einer mehrstufigen Initiation, der die Eingeweihten vom gemeinen Pöbel scheidet.

Es ist nicht überraschend, dass das Christentum bei seiner Ausbreitung im römischen Imperium auch mit solchen gnostischen Strömungen in Berührung kam. Vor allem in der ägyptischen Metropole Alexandria trafen die unterschiedlichsten geistigen Tendenzen aufeinander. Juden, Christen, Neuplatoniker und Gnostiker begegneten sich hier auf engstem Raum, stritten miteinander und beeinflussten sich gegenseitig. So entstanden jene gnostischen Versionen des Christentums, die uns in der Bibliothek von Nag Hammadi begegnen.

Pagels versucht in ihrem Buch zu klären, warum diese gnostische Lesart der christlichen Überlieferung bei einflussreichen Bischöfen auf Widerspruch stieß. Der Streit entzündete sich an der Frage: Wer war Jesus? Der Apostel Paulus und die Evangelien von Markus, Matthäus und Lukas versehen ihn mit Titeln wie "der Gesalbte" (griechisch: christos) oder "Sohn Gottes", die alle aus der politischen Theologie des Judentums stammen. Sie begreifen Jesus als den von den Propheten verheißenen Friedensfürsten, der das "Königreich Gottes" herbeiführen wird. Das später entstandene Johannesevangelium dagegen wartet mit einer neuen Deutung auf: Christus ist das "fleischgewordene Wort", das "Licht der Welt", ist Gott selbst in Menschengestalt.

Die Antwort des Johannes

Mit kriminalistischer Akribie zeigt Pagels, dass diese johanneische Christologie eine Antwort auf die gnostische Christologie des Thomasevangeliums darstellt. Beide reden vom Gegensatz von Licht und Finsternis, beide spekulieren darüber, was "im Anfang" war. Aber während für den Gnostiker Thomas Christus nur ein Mystagogeist, der den Menschen hilft, das ursprüngliche Licht selbst zu entdecken, ist er für Johannes der Einzige, der uns wieder mit dem göttlichen Licht versöhnen kann. Nur wer an ihn glaubt, wird erlöst. Johannes schlägt also die Gnostiker mit ihren eigenen Waffen, und deshalb wird sein Evangelium in den sich gegen Ende des zweiten Jahrhunderts herausbildenden neutestamentlichenKanon aufgenommen, während das Thomasevangelium als häretisch davon ausgeschlossen bleibt.

Soweit kann man Pagels in ihrem Evangelienkrimi folgen. Problematisch sind dann aber die Bewertungen, die sie vornimmt. Sie behauptet nämlich, die Verurteilung der gnostischen Evangelien als Häresie habe das Christentum ärmer gemacht. Hätte es sich für Thomas und nicht für Johannes entschieden, dann wäre es weniger dogmatisch geworden und offener für "innere Erfahrungen" und "echte spirituelle Einsicht" geblieben. Unversehens kommt hier der Jargon protestantischer Erweckungsbewegungen zum Vorschein, und die Autorin verrät uns auch freimütig, dass sie in diesem Milieu aufgewachsen ist und trotz ihrer jetzigen Distanz dazu nicht davon loskommen kann.

Man könnte das für ihr privates Problem halten, wenn es nicht symptomatisch für die neueste Stimmung im Westen wäre. Es gibt da nämlich eine diffuse Sehnsucht nach "Spiritualität", aber man ist sich zu fein für das traditionelle Christentum. Esoterik ist gefragt: Die einen suchen Erleuchtung in Tibet, Popstar Madonna hält es mit der Kabbala, und Hollywoodschauspieler bekennen sich zum Zen-Buddhismus. Diese entpolitisierten Formen des Religiösen passen haargenau zum postmodernen Individualismus.

Im Kern der christlichen Erfahrung aber steht nicht der Selbsterfahrungstrip, sondern die Konfrontation mit dem Begehren des andern, des "Nächsten". SlavojZižekund Alain Badiou haben erst jüngst gezeigt, dass das subversive Potenzial des orthodoxen Christentums im Zeitalter des globalen Kapitalismus keineswegs verbraucht ist. Wenn die frühen Christen zusammenkamen, um gemeinsam das Brot zu brechen und solidarisch füreinander einzustehen, dann traf auf sie zu, was der Apostel Paulus im Galaterbrief sagt: "Da gibt es nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr seid alle einer in Christus." Genau dieser urdemokratische, urkommunistische Kern der paulinischen Christologie wird in der gnostischen Umdeutung des Christentums verraten zugunsten einer esoterischen Initiation für die wenigen "spirituell Erleuchteten". Für Paulus ist die "gute Nachricht" keine Geheimlehre Christi, sondern eine Offenbarung, die allem Volk zuteil werden soll.

Elaine Pagels: Das Geheimnis des fünften Evangeliums. Warum die Bibel nur die halbe Wahrheit sagt. Aus dem Englischen von Kurt Neff. Verlag C.H. Beck, München 2004, 240 Seiten, 19,90 Euro.

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