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Juli Zeh bei einem Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse.

Juli Zeh

Verantwortung? Aber gern

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Juli Zeh im Frankfurter Schauspielhaus über ihren jüngsten Roman "Neujahr", Angst und Kindererziehung.

Große Zufriedenheit mit dem Auftritt der Schriftstellerin Juli Zeh klang nach der Veranstaltung mit ihr im Frankfurter Schauspielhaus aus dem Gemurmel der Heimgehenden. Man schätzt, dass sie unprätentiös und zugänglich ist, man schätzt, dass sie geradlinige Aussagen trifft. Das Adjektiv „erfrischend“ wird öfters an sie vergeben. Ijoma Mangold, Literaturchef der „Zeit“, stellte sie als politische Schriftstellerin vor. Sie sei in einer Zeit bekannt geworden, in der diese Rolle im Literaturbetrieb kaum noch besetzt gewesen sei und habe sie besetzt. Sie selbst äußerte sich hocherfreut, dass sie bald zur Verfassungsrichterin des Landes Brandenburg gewählt werden könnte. Sie ist von mitwirkender, zupackender Natur.

Es ging an diesem Abend mit mehr Gespräch als Lesung um Juli Zehs jüngsten Roman „Neujahr“ (Luchterhand), den Mangold sogleich als Beispiel dafür nahm, wie die Schriftstellerin doch immer „einen erzählerischen Kommentar zur Gegenwart“ abgebe. Juli Zeh ihrerseits beteuerte, sie habe in „Neujahr“ nur über Angst geschrieben – und man meinte zu sehen, wie das Wort in Großbuchstaben im Raum stand. Ihre zwei „politischen Romane“ – sie nannte „Leere Herzen“ und „Corpus Delicti“ – „haben sich ganz anders geschrieben“, sagte sie. Für alle anderen Romane beansprucht sie, „Dinge durch mich hindurchgehen zu lassen“, ohne jede Absicht, einen gesellschaftlichen Kommentar abzugeben. Dieser entsteht, wenn er mitentsteht.

In „Neujahr“ betrifft er vor allem Familien-, Ehe- und Elternerfahrungen und -probleme. Ein Mann hat Angstattacken, obwohl es ihm rundum gut gehen müsste (das findet er auch selbst): zwei kleine gesunde Kinder, eine Frau, die ein wenig mehr verdient als er, aber so haben sie keinerlei finanzielle Sorgen, eine Ehe, in der die Familienarbeit möglichst gerecht verteilt wird. Doch immer wieder fällt „das große Es“ über ihn her. Und er denkt über sich: „Er hat gar kein Recht auf eine Belastungsstörung“.

Das Gespräch bog zu Erziehungsfragen ab, als Juli Zeh berichtete, sie habe diesen Roman mit seinen „Befindlichkeiten“ erst als Mutter schreiben können. Lachen im Publikum über das Wort „Enkeltourismus“. Und über ihr Bekenntnis, dass sie nicht „wie alle“ Eltern heute mit ihren Kindern, sechs und drei, zu spielen verstehe. Durchaus konnte man Missbilligung heraushören aus der Bemerkung, dass moderne Eltern „die zentrale Rolle im Leben des Kindes“ spielen. Aber müsse man ihm nicht die Chance geben, sich abzunabeln und die Mutter auch mal zu hassen?

So sprach man ernst wie heiter über „kollektiv-kulturell vorgeprägte“ Kindererziehung, über den Satz „hör auf zu heulen, sonst fängst du dir eine“, der nach Juli Zehs Beobachtung nurmehr auf dem Land und nur zu Jungs gesagt wird, über die schriftstellerische „Generalistenrolle“ und Verantwortung der Autorschaft. Juli Zeh bejahte sie froh und erhielt dafür reichen Applaus.

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