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Wiglaf Droste

Die Vorleser: Wiglaf Droste

Vaters sagenhafte Technik

Manches Vorbild ist schwer zu übertreffen. Besonders, wenn's der eigene Vater ist. Der von Wiglaf Droste war für seine Kinder der beste Vorleser aller Zeiten - dabei war er dank eines Tricks gar nicht anwesend.

Von Wiglaf Droste

Meine Ansprache an den Toningenieur vor einer Lesung ist immer diese: "Es soll bitte so natürlich wie möglich klingen." Also in meinem Fall: baritonös, warm und angenehm. Der Text soll so klingen, wie man ihn geschrieben hat: melodiös, rhythmisch, dynamisch. Die Musikalität der Texte entsteht ja schon beim Schreiben; bei der Lesung gilt es dann, beschwingt von der Live-Situation, alles besonders schön zum Klingen zu bringen.

Selbstverständlich gibt es Vorbilder, an denen man sich beim Vorlesen orientiert. Das am schwersten zu schlagende Pferd in dieser Disziplin ist immer noch mein Vater. Der las einfach - saugut. Ein reiner Amateur, der seinen Söhnen aber nicht bloß vorlas, sondern etwas tat, das in den 60er Jahren noch sehr unüblich war: Er hat Tonbänder besprochen, mit Grimms Märchen, mit Tobias Knopp von Wilhelm Busch und vielen anderen Geschichten. Wenn wir krank waren und nicht zur Schule konnten, bekamen wir das Tonbandgerät ans Bett gestellt. Vaters Stimme kam ohne Mätzchen, ohne Effekte aus; die Geschichte stand im Mittelpunkt. Bei den Brüdern Grimm ist die deutsche Sprache ganz bei sich selbst und zeigt sich in ihrer ganzen Fülle. Das muss man nur so lesen, wie es da steht. Das ist die Kunst.

Wenn man auf der Bühne vorliest, gibt man eine Art Solokonzert. Von Keith Jarrett weiß ich, dass er schon vom Flügel aufgestanden und gegangen ist, wenn Zuhörer ihn bei diesem Solo durch permanentes Husten genervt haben.

Auch einen Vorlesenden, der ganz konzentriert und bei sich ist, kann man durch Knistern, Flüstern und Ähnliches kaputtmachen, wenn man das will. Vor längerer Zeit kamen tatsächlich einmal vier Leute allein zu diesem Zwecke zu einer meiner Lesungen. Sie setzten sich in die erste Reihe und tuschelten - die ganze Zeit. Die haben eine wahre Wand des Tuschelns vor mir errichtet. Es kann einen halb wahnsinnig machen, wenn man das 60 Minuten lang aushalten und wegblenden muss. Es war schwer. Es war ein Nervenkrieg. Aber ich habe ihn gewonnen.

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