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Die Tasse ist einer von 16.000 Gegenständen, die 1967 in der Nähe des Krematoriums Nr. 3 in Auschwitz-Birkenau gefunden wurden.

Dokumentation zu Auschwitz

Varianten des Schreckens

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"Die Arbeit macht mir große Freude", schreibt ein Buchhalter über seine Tätigkeit im Konzentrationslager: Neuer Band einer umfangreichen Dokumentation zu Auschwitz.

Georg Burth (1901–1972) war seit 1930 kaufmännischer Angestellter in der Hauptverwaltung der IG Farben in Frankfurt. Von Mai 1942 an Buchhalter der IG Farben in Auschwitz, 1943–1945 Leiter des Versicherungsbüros der I.G. Auschwitz. Nach dem Krieg lebte Burth in Speyer. Ob er etwas mit der dort 1947 gegründeten Staatlichen Akademie für Verwaltungswissenschaften zu tun hatte, weiß ich nicht. Er schrieb am 30. Juli 1942 an seinen Vorgesetzten in der Frankfurter Zentrale der I.G.Farben einen ausführlichen, wohl eher privaten Bericht über seine Arbeit in Auschwitz. 

Darin heißt es: „Dass die Zahl der Unterkunftsbaracken immer mehr anwächst und so bald eine große Barackenstadt entsteht, können Sie sich bei der großen Gefolgschaftsstärke wohl vorstellen. Dazu kommt noch der Umstand, dass einige 1000 fremdländische Arbeiter dafür sorgen, dass unsere Lebensmittel nicht schlecht werden. So finden wir Italiener, Franzosen, Kroaten, Belgier, Polen und als ‚engste Mitarbeiter‘ die sogenannten Strafgefangenen aller Schattierungen. Dass dabei die jüdische Rasse eine besondere Rolle spielt, können Sie sich denken. Die Verpflegung und Behandlung dieser Sorte von Menschen ist zweckentsprechend. Irgendwelche Gewichtszunahmen dürften hier wohl kaum zu verzeichnen sein. Dass bei einem geringsten Versuch, eine Luftveränderung vorzunehmen, die Kugel pfeift, ist eine ebenso feststehende Tatsache wie die, dass schon viele infolge ‚Hitzschlag‘ abhanden kamen.“

Von systematischem Vergasen ist hier nicht die Rede. Burth hatte 1947 erklärt, er habe erst Mitte 1944 von betrunkenen SS-Männern vom Massenmord in Auschwitz gehört. Auch wer in Auschwitz war, wusste nichts von Auschwitz? Die Anführungszeichen bei „Hitzschlag“ legen aber doch nahe, dass er wusste, warum die einen Arbeitskräfte so häufig durch neue ersetzt werden mussten. Möglicherweise war ihm zu wichtig, dass sie zu Tode kamen, als dass er sich noch sehr für das Wie interessierte. 

Ein paar Zeilen später ändert sich sein Ton: „Nun zu mir persönlich. Ich bin mit den mir übertragenen Aufgaben außerordentlich zufrieden, die Arbeit macht mir große Freude, und ich kann wohl sagen, dass ich immer mehr in das Arbeitsgebiet hineinwachse.“ Was die Arbeit des Versicherungsbüros der I.G. Auschwitz war, weiß ich ebenfalls nicht. Aber Georg Burth ist ein beredtes Beispiel dafür, dass es immer jemanden gibt, der auch noch im falschesten Leben sich ein für ihn richtiges einzurichten versteht.

Die Edition „Das KZ-Auschwitz 1942–1945 und die Zeit der Todesmärsche 1944/45“ ist, soweit ich sehe, die umfangreichste, die man derzeit zum Thema bekommen kann. Niemand wird sie in einem Schwung lesen. Georg Burths sarkastischer Ton ist ja nur eine der Varianten des Schreckens. Wenige Seiten später findet sich eine Aufstellung des Häftlingsarztes Otto Wolken (1903–1975) über die Häftlinge aus den vier Transporten, die es zwischen dem 15. April und dem 27. April 1942 gab: Innerhalb von 17 Wochen seien 91 Prozent, innerhalb von 16 Wochen 98 Prozent, innerhalb von 16 Wochen 92,5 Prozent und wiederum innerhalb von 16 Wochen 94,8 Prozent der Menschen aus den einzelnen Transporten getötet worden. Wolken hat bis zum 15. Transport am 17. Juli 1942 akribisch Buch geführt. Seine Zahlen zeigen, dass das Auschwitz, aus dem er so launig berichtete, eine bestens funktionierende Mordmaschine war.

Die Tabelle ist so grausam wie Burths arischer Humor, und der Bericht, den die polnische Widerstandsbewegung im November 1942 an die polnische Exilregierung in London sendet, ist in seiner Nüchternheit nicht weniger ergreifend. Man beobachtet sich dabei, wie man sich wundert, dass 1942 beispielsweise 2900 Häftlinge vergast wurden, aber 4000 erschossen. 2000 starben an Typhus oder wurden mit Phenolininjektionen zu Tode gebracht wurden. 3000 starben an der Ruhr. Der Bericht an die Exilregierung fügt den Zahlen Berichte hinzu, aus denen hervorgeht, dass die Lagerleitung größten Wert darauf legte, die Unterschiede zwischen den Häftlingen zu nutzen. So ließ sie die Gefangenen des ersten Warschauer Transports durch Schlesier ermorden. „Die unmittelbaren Autoritäten im Lager“ sind deutsche rückfällige Kriminelle, „die auf ihre ganz eigene Art, mit einem Lächeln auf den Lippen, in der Lage sind, massenhaft wehrlose Häftlinge mit Knüppeln umzubringen“. Der Leser blättert zurück auf die Liste der Mordmethoden: 1200 Häftlinge wurden „getötet im Bunker, am Pfahl, durch Schläge und auf andere Weise“. 

Dann eine Zahl: „Bei den Gaskammern liegen 15.000 Kleidungsstücke, obwohl sie täglich mit Fuhren weggebracht werden.“ Wie passt das zu der Zahl von 2900 Vergasten? Man liest weiter und stellt fest: Die Zahlen stimmen nicht. Es wurden viel mehr vergast. Für die Statistik und die Information der Hinterbliebenen erfand man Krankheiten, um nicht „vergast“ schreiben zu müssen. „Das gesamte Gelände der D-Kammer ist eine geschlossene Zone, wer sich ohne Grund dort aufhält, unterliegt der Todesstrafe (dies gilt auch für Angehörige der SS, der Wehrmacht und Häftlinge). Die Vergasung von 3500 Menschen dauert zwei Stunden.“

Es gibt auch – sagen wir das schreckliche Wort – Happy-End-Geschichten in diesem Band. Den beiden slowakischen Juden Alfréd Wetzler (1918–1988) und Rudolf Vrba (1924–2006) gelang im April 1944 die Flucht aus Auschwitz. Ihr „Vrba-Wetzler-Bericht“ war die erste Schilderung des Vernichtungslagers, der große Gruppen der westlichen öffentlichen Meinung Glauben schenkten. Vrba schloss sich den Partisanen und deren Slowakischem Nationalaufstand an. Wetzler arbeitete nach dem Krieg als Landarbeiter, Vrba studierte Chemie und Biochemie in Prag. Er emigrierte 1956 nach Israel und 1976 nach Vancouver, arbeitete dort als Professor an der University of British Columbia. 1985 interviewte ihn Claude Lanzmann für seinen Film „Shoah“. Seine Erinnerungen an Auschwitz, „Ich kann nicht vergeben“, sind zuletzt beim Schöffling Verlag mit einem Vorwort von Beate Klarsfeld erschienen.

Es gab, das wird heute gerne übersehen, einen wissenschaftlichen Nationalsozialismus. Jedenfalls einen Anspruch und einen Stolz darauf. Der Nationalsozialismus sollte nicht nur Empfindung sein, sondern ein wissenschaftliches Fundament haben. Wo ihm das noch fehlte, da arbeitete man intensiv daran. Auschwitz war auch ein Forschungslabor. Josef Mengele (1911–1979) forderte für seine Untersuchungen Zwillinge an. Über 800 wurden Opfer seiner Experimente. Seinem Lehrer Otmar von Verschuer vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie schickte er Blutproben nach Berlin. Der versuchte mit dem Nachweis der Rassespezifizität von Eiweißkörpern im Blut der Rassenkunde eine naturwissenschaftliche Grundlage zu geben. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützte diese Arbeiten.

Auschwitz versorgte medizinische Institute mit Körpern und Körperteilen. Der Anatom August Hirt zum Beispiel erbat sich aus Auschwitz Judenskelette für seine Sammlung an der Universität Straßburg. Seine Mitarbeiter kamen nach Auschwitz, suchten sich dort unter den Häftlingen ihre Lieblingsexemplare aus, vermaßen sie und nahmen sie, nachdem sie ermordet worden waren, mit an die Universität. Wo sie noch heute stehen? Nein. Die Skelettsammlung wurde nicht aufgebaut. Das sollte etwas für nach dem Endsieg sein. Zu dem es aber, Russen und Amerikanern sei Dank, nicht kam.

Wer in den Dokumenten des Bandes liest, der stößt unter den Tätern auf Technokraten, die versuchen, alles möglichst effizient, ruhig – bin ich versucht zu sagen – ablaufen zu lassen. Daneben gibt es die Sadisten, die sich einen Spaß daraus machen, die Gefangenen nicht nur umzubringen, sondern es auf möglichst schmerzhafte Weise zu tun. Sie brauchen den Widerstand des Opfers, den Lustgewinn ziehen sie in erster Linie aus dem Erlebnis, ihn brechen zu können. Es gab in Auschwitz auch Wärter, die den Gefangenen Essen zusteckten, die versuchten, dem einen oder dem anderen von ihnen das kurze Leben, das er noch hatte, zu erleichtern.

Das System Auschwitz brauchte sie wohl alle. Wer in dem Band liest, der weiß nicht, ob Auschwitz der Bruch mit der Zivilisation war oder nicht doch eher die Aufdeckung ihres Geheimnisses. Das Zusammenwirken von rationalen, an Effizienz, Pünktlich- und Verlässlichkeit ausgerichteten Faktoren mit dem entfesselten Vernichtungswahn scheint mir gerade nichts Einzigartiges, sondern eher eine sich immer wieder neu herstellende Konstellation. Oskar Lafontaine hatte völlig recht, als er vor Jahrzehnten erklärte, mit Sekundärtugenden könne man auch bestens ein Konzentrationslager leiten.

Genauer: Ohne Sekundärtugenden funktioniert kein Konzentrationslager. Aber es stimmt auch: Ohne Sekundärtugenden funktioniert nichts. In einer arbeitsteiligen Welt ist man darauf angewiesen, dass man sich auf den anderen verlassen kann. Die Gaskammern müssen passen: „Abgemagerte Leichen, die kein Fett mehr aufwiesen, brannten in den äußeren Muffeln schneller und in den mittleren schlechter.“ Eine Muffel ist laut Wikipedia ein „hitzebeständiger Einsatz für Laboratoriumsöfen“. Und weiter: „Umgekehrt verbrannten die Leichen der Menschen, die direkt vom Transport ins Gas geschickt wurden und folglich noch nicht so abgemagert waren, besser in der mittleren Muffel. Beim Verbrennen solcher Leichen brauchten wir den Koks eigentlich nur zum Anfachen des Ofens, weil das Körperfett von selbst brannte. Wenn kein Koks zum Anheizen der Generatoren da war, legten wir Stroh und Holz in die Aschebehälter unter den Muffeln und sobald das Fett der Leichen Feuer gefangen hatte, verbrannten ganze Ladungen von selbst.“

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