Buchmesse ? Vor Ort

Vanille-Zimt-Duft mit einer feinen Note Männerschweiß

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Eine Glosse über das Entspannungsangebot auf der Frankfurter Buchmesse und den "Work-Life-Balance"-Wahnsinn.

Als Journalistin auf der Frankfurter Buchmesse habe ich einen straffen Zeitplan. Interviews müssen geführt, Lesungen besucht, Artikel geschrieben werden. Die meisten Menschen hier rennen wirr durch die Gegend, essen beim Telefonieren und stolpern vor Hektik über ihre eigenen Beine. Entspannung erscheint als Fremdwort. Zum Glück hat die Buchmesse aber vorgesorgt und bietet Events rund um das Thema „Work-Life-Balance“ an. Die versprechen inneren Frieden, Inspiration für mehr Zufriedenheit und Anti-Stressformeln für Studierende.

Da ich gerade akuten Stress habe und außerdem Studentin bin, gab ich dem Vortrag eine Chance. Doch statt erhoffter Lösungen durfte ich mir Phrasen von einem viel zu gut gelaunten Mann anhören. Während er Tipps zum richtigen Ein- und Ausatmen als absolut innovatives Entspannungskonzept zu verkaufen suchte, ging meine ganze Aufmerksamkeit auf einen kleinen quietschgelben, weichen Ball, der vor dem Redner auf einem Tisch lag. Am liebsten wäre ich aufgestanden, hätte ihn mir einfach geschnappt und ihn so lange ausgequetscht, bis alle Anspannung von mir gewichen wäre. Stattdessen: Wer sich erhofft, nach dem Besuch eines solchen Workshops als erleuchteter Buddha hinauszugehen, wird enttäuscht. „Work-Life-Balance“ – ein Mantra, das zum Unwort des Jahres erklärt werden sollte.

Zum Glück gibt's kostenlosen Chai-Tee

Natürlich könnte ich alternativ einen Haufen Geld für sauteure Ratgeber ausgeben oder an überfüllten Yogastunden teilnehmen, bei denen mir eine Mischung aus Vanille-Zimt-Räucherstäbchen und altem Männerschweiß in der Nase hängt, weil mir das Hinterteil vom Vordermann ins Gesicht gestreckt wird. Im Anschluss müsste ich dann noch dringend an meiner eigenen Glaubhaftigkeit arbeiten, dass mir die Gespräche über Meditation und den Jakobsweg wirklich nahe gehen. Nicht so einfach. Denn wenn wir ehrlich sind, ist das einzig Gute bei dem Entspannungszauber der kostenlos ausgeschenkte Chai-Tee. Bliebe vielleicht noch auf den Super-Schamanen zu setzen, der den Stress einfach weg singt. Oder eine kompromisslose Dinkel-Ernährung, um den Körper „von innen zu reinigen.“ Ja, Menschen tun sowas, und ja, sie geben eine ganze Menge Geld dafür aus.

Besonders wichtig aber, um das richtige „Work-Life-Balance“-Gefühl auszustrahlen, ist das Aufstellen kleiner Statuen von irgendwelchen hinduistischen Gottheiten. Gut platziert in der Wohnung. Gibt es regelmäßig bei Nanu-Nana im Angebot zu kaufen. Und das alles nach dem Motto: Ich habe zwar keine Ahnung von der Religion und Kultur, aber es sieht total stylisch und spirituell aus. Einfach mal drei Tage durchschlafen, kitschige Filme gucken oder einen guten Roman lesen, um sich zu erholen, wäre zwar auch eine Möglichkeit, aber irgendwie uncool. Das will sich am Montag im Büro beim ersten morgendlichen Soja-Spice-Zutaten-von-denen-noch-nie-jemand-gehört-hat-Latte wirklich niemand anhören. Ist doch super, dass die Menschen endlich einen Weg gefunden haben, um ihre fast snobistische Durchschnittlichkeit und das längst überschrittene Belastungspensum zu kaschieren.

Ich jedenfalls falle nicht auf die Kommerzialisierung von Stress-Präventionsmaßnahmen herein. Falls ihr mich jetzt auf der Buchmesse suchen solltet: Nach der ganzen Aufregung brauche ich dringend einen gelben Anti-Stress-Ball und eine Tasse Chai aus dem Yogi-Tea-Zelt. Und, habt ihr gesehen, wie schön die Tassen da sind?

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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