Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Adolf Hitler grüßt am 30. Januar 1933 nach seiner Ernennung zum Reichskanzler die jubelnde Menge vom Fenster der Reichskanzlei in Berlin.
+
Adolf Hitler grüßt am 30. Januar 1933 nach seiner Ernennung zum Reichskanzler die jubelnde Menge vom Fenster der Reichskanzlei in Berlin.

„Februar 33“

Uwe Wittstock „Februar 33“: Wunschdenken in Erwartung der Hinrichtung

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
    schließen

Uwe Wittstocks „Februar 33“ ist ein erschütterndes Doku-Drama über die letzten Tage der Weimarer Demokratie, das allerdings Fragen zur Darstellung von Geschichte aufwirft

Ein Spuk, das Scheitern absehbar, da ist sich Heinrich Mann sicher, und er wiederholt es gerne: Hitler ein Spuk. Will er sich das einreden? Der Schriftsteller gibt dem NS-Regime im Februar 1933 allenfalls ein halbes Jahr. Nicht anders Wilhelm Abegg, davon überzeugt, dass Hitler wie ein Dompteur in einem Käfig sitze, ausgesetzt hungrigen Löwen, die ihn zerfleischen werden. Ähnlich wie der Liberale Abegg, der als Staatssekretär und Verteidiger der Weimarer Republik die Polizei zu einer eigentlich gewappneten Institution ausgebaut hat, möchte auch derjenige Politiker wetten, der Hitler zur Kanzlerschaft verholfen hat, der Rechtskonservative Franz von Papen: „Was wollen Sie denn? In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass es quietscht.“

Wieder einmal erschreckend, woran ein Buch über 1933 erinnert, diesmal Uwe Wittstocks „Februar 33. Der Winter der Literatur“ – wobei der Autor auf die letzten Januartage und bis Mitte März ausgreift. Obwohl der Wahlerfolg der Nazis absehbar war, fühlten sich die Verteidiger der Weimarer Republik am 5. März wie vor den Kopf gestoßen: 43,9 Prozent für die Nazis. Zur Mehrheit verhalfen die Deutschnationalen mit acht Prozent. Trotz des gezielten Terrors gegen die Opposition, wofür Wittstock unzählige Belege aus den Zeitungen jener Tage liefert, holte die SPD 18,3 Prozent heraus, die KPD 12,3 Prozent.

Am 5. März waren Tausende Nazigegner, Nazigegnerinnen in SA-Folterkeller und erste Konzentrationslager verschleppt. Vier Tage vor den Wahlen, am 1. März, dröhnte der kommissarische Nazi-Minister Hermann Göring: „Meine Maßnahmen werden nicht angekränkelt sein durch irgendwelche juristischen Bedenken. Hier habe ich keine Gerechtigkeit zu üben, hier habe ich nur zu vernichten und auszurotten, weiter nichts!“

Kein Spuk. So undurchsichtig die Ursachen des Reichstagsbrandes, es war mehr als ein propagandistisches Ausschlachten, als Hitler noch in der Nacht des 27. Februar ankündigte: „Die kommunistischen Abgeordneten müssen noch in dieser Nacht aufgehängt werden. Auch gegen Sozialdemokraten und Reichsbanner gibt es jetzt keine Schonung mehr.“ Wer ein Antinazi war, wusste sich in Lebensgefahr, tauchte unter, verbrachte die Nächte in Todesangst. Der Schriftsteller Walter Mehring machte, als er auf der Straße Schergen noch rechtzeitig erkannte, auf dem Absatz kehrt, um sich „in den nächsten Zug Richtung Grenze“ zu setzen, mit nicht einmal einem Koffer.

Ein Joseph Roth wird in Paris in bitterer Armut umkommen, eine Else Lasker-Schüler sich in ein Zimmer zur Untermiete in Jerusalem retten. Ein Erich-Maria Remarque hat so weit Glück, dass ihm sein pazifistischer Romanerfolg „Im Westen nichts Neues“ und dessen Verfilmung ein finanziell sorgenfreies Leben in Hollywood eröffnen werden. Unzählige weitere Schicksale.

Wahrscheinlich wegen der Konzentration auf den Februar und März 1933 bleiben die Exilschicksale eines Walter Benjamin, eines Ernst Bloch oder Ernst Cassirer unerwähnt, überhaupt die Auswanderung der Philosophie aus Deutschland. Marginal erwähnt ein Kurt Tucholsky, der bereits ins Exil gegangen war; ungenannt bleibt ein Siegfried Kracauer, der unmittelbar nach dem Reichstagsbrand flüchtet.

Zu Beginn des Buches Unruhe nicht wegen politischer Schlagzeilen, sondern Lampenfieber vor einem Auftritt auf dem Presseball, möglichst chic. Zwei Tage später, am 30. Januar, krähen die Zeitungsjungen: „Adolf Hitler Reichskanzler!“ Wer auf einen Spuk gehofft hat, irrt gewaltig, auch Heinrich Mann, der ins Exil hat fliehen müssen. Wie Albig, der zusehen muss, wie die Polizei Preußens als Institution versagt. Wie der Reaktionär Papen, der gemeinsam mit dem Reichspräsidenten, Paul von Hindenburg, die Macht an Hitler überträgt. Die Machtübergabe am 30. Januar zwischen 11 Uhr und kurz vor 12 ist eine Farce.

Das Buch:

Uwe Wittstock: Februar 1933. Der Winter der Literatur. C.H. Beck, München 2021. 288 S., 24 Euro.

Der Pazifist, Linke und Chefredakteur der „Weltbühne“, Carl von Ossietzky, dem vollkommen bewusst ist, dass er zu den ersten Opfern zählen wird, lässt sich einfach nicht umstimmen, er bleibt. Die Reaktionen unter den von den Nazis seit Jahren verhöhnten, verleumdeten „Asphaltliteraten“ sind unterschiedlich. Bestürzung, hyperschlaue Ignoranz, hochpolitischer Durchblick, raffinierte Reaktionen, kleinkarierte, klägliche. Das anthropologische Spektrum ist stets größer als jedes politische. Selbstgefälliger Antifaschismus wäre es, man läse das Buch, heute, nicht im Bewusstsein der Gnade der späten Geburt. Versnobt wäre es, wenn man das ausschließlich als den Niedergang einer literarischen Epoche verstünde.

An dem Tag, an dem Hitler sich als Reichskanzler hinter einem Schreibtisch als Biedermann inszeniert, lässt Goebbels einen der skrupellosesten Straßenterrorristen der SA liquidieren, da dieser damit prahlte, den NS-Propagandachef töten zu wollen. Nachdem Goebbels, wofür Wittstock Indizien sprechen lässt, einen Mörder hat er ermorden lassen, erklärt er ihn zum Märtyrer, mit pompösem Begräbnis im Berliner Dom, während zur selben Zeit die von Goebbels aufgehetzte SA in Berliner Wohnungen eindringt, unbehelligt von der preußischen Polizei, auf der Suche nach Antinazis. Gleichzeitigkeiten.

Während im Reich eine Grippeepidemie grassiert, die Zahl der Neuinfektionen steigt, und in Berlin mehr als 200 Schulklassen geschlossen werden, schleppt sich mit 39 Grad Fieber der Theaterkritiker Alfred Kerr zum Bahnhof, nur mit einem Rucksack. Noch vor zwei Wochen saß er wie viele Oppositionelle nicht etwa auf gepackten Koffern, jetzt rettet sich der gestern noch Wohlhabende nach Prag ohne Geld. Zu den Gleichzeitigkeiten gehört, dass eine hochpathetische Rede des lächerlichen Theatralikers Hitler die Vorstände der deutschen Wirtschaft und des Finanzkapitals davon überzeugt, dass die insolvente NSDAP mit Spenden gerettet werden müsse, im Dienst der Diktatur, zur Abschaffung der Demokratie. Ohne die am 21. Februar 1933 auf das Konto der NSDAP überwiesenen drei Millionen Reichsmark wäre die Wahl für die Partei zum Fiasko geworden.

Die Katastrophe wäre abwendbar gewesen. Hitler war kein Zufall, eine Zwangsläufigkeit aber sicherlich ebenfalls nicht. Es gab in den Monaten zuvor Handlungsspielräume, es gab Alternativen – hintertrieben wurden sie, das hat der Historiker Heinrich August Winkler vor rund 20 Jahren in der FR pointiert zusammengefasst, durch die Intrigen einer republikfeindlichen Politik (nachlesbar in: „Auf ewig in Hitlers Schatten?“, Beck’sche Reihe). Man muss nicht auf die ebenso populären wie kalendarisch fixierten Darstellungen über das Jahr 1913 oder 1918 verweisen, um an eine als fatal beschriebene Dynamik zu erinnern, nach dem Motto: So musste es kommen!

Musste es? Weil es seit 2017 der Fernsehmehrteiler „Berlin Babylon“ glauben machte? Überzeugt von der Erkenntniskraft eines dramatisierenden Erzählprinzips – oder einer Dramaturgie mit dem Appeal des Dämonischen? Ein Jahr später erschien das Buch „Die Totengräber“ von Rüdiger Barth und Hauke Friedrich (Fischer Taschenbuch). In „Gedanken hineinzuschlüpfen“, wie die Autoren ihr nachempfindendes Erzählen, ihr mimetisches Fabulieren begründeten, redet der Leserschaft Authentizität bloß ein.

Die allein kalendarische Rekonstruktion, Tag für Tag, Stunde um Stunde, macht kaum kausale Zusammenhänge deutlich. Zweifellos aus der Vehemenz der synchronen Ereignisse bezieht auch Wittstock die Verve seiner Erzählung. Weil er auf die Tagebuchbuchaufzeichnungen von Thomas Mann, Heinrich Mann und Klaus Mann zurückgreifen kann, auf die Erinnerungen von Therese Giehse, Pamela Wedekind oder Alfred Döblin, Gabriele Tergit oder eine Reportage von Egon Erwin Kisch, ist sein Buch zwangläufig von suggestiver Dichte und sprachlicher Überzeugungskraft. Wittstock hat seine einzelnen Szenen arrangiert wie ein Dokudrama: Schnitt, Gegenschnitt. Noch aufschlussreicher wäre gewesen, wenn er nicht nur die Dokumente eines Harry Graf Kessler wiedergegeben hätte, sondern auch solche aus dem republikfeindlichen Kreis der Konservativen Revolution (an dem AfD-Strategen ihre Freude haben).

Als eine Arena für Demagogen erlebt das Land den Exodus der deutschen Literatur in nur wenigen Wochen. An keiner Stelle seines Buchs verwendet Wittstock das propagandistische, gleichwohl heute noch flott nachgeplapperte Wort „Machtergreifung“. Der Nationalsozialismus, so gibt Wittstock die Einschätzung Thomas Manns wieder, ist ein „Volksbetrug, der sich umzulügen versucht in eine Revolution“. Daran allerdings glaubt ein Gottfried Benn, der, nach der infamen Ausbootung des Präsidenten der Literaturabteilung der Akademie, Heinrich Mann, eine Loyalitätserklärung für die neuen Machthaber, die Totengräber der Republik herbeiführt. Nach der Machtübertragung im Kanzleramt durch politische Republikfeinde beugt sich Benn nicht etwa der Gleichschaltung – er betreibt sie, hingerissen von seiner zynischen Verachtung der Demokratie, mitgerissen von seinen monströsen Fantasien über die Opferbereitschaft an das völkische Kollektiv. Die Selbstnazifizierung eines avantgardistischen Lyrikers.

Zu Recht heißt es bei Wittstock, dass es „vermutlich zur Natur eines Zivilisationsbruchs“ gehöre, „schwer vorstellbar zu sein“. Was heißt das für ein Urteil über die Klarsichtigen, die keinen Zivilisationsbruch voraussahen, wie auch? Aber einen neuen Krieg. Welche Rückschlüsse für heute, wo „die Dinge anders (liegen), glücklicherweise“, doch die „wachsende Spaltung der Gesellschaft“, die „Ratlosigkeit der bürgerlichen Mitte“, die „Lust am Extremismus“, der „zunehmende Judenhass“, die „Risiken für die Weltwirtschaft“ an Ähnlichkeiten denken lassen. An Analogien, die von der „Dauerempörung im Netz“ geradezu aufgedrängt werden. Der Gedanke, wir trieben auf einen Februar 1933 zu, ist so falsch wie fatal, ganz im Sinn der sinistren Absichten der AfD. Es ist Thomas Mann, der völkisch verbrämte Opposition und perfide antieuropäische Polemik wie nannte? „Quertreiberei“!

Ein Spuk? Heinrich Mann verlautbarte Wunschdenken. Ein Wort, das die Realität trifft, stammt von dem Theaterautor Ferdinand Bruckner, der von der Conciergeriestimmung spricht, in Anspielung auf das grauenvolle Gefängnis, in dem Hunderte Gefangene während der Französischen Revolution in einer hoffnungslosen Lage waren, in Erwartung ihrer Hinrichtung. Im Februar 1933 errichteten die Nazis in aller Öffentlichkeit für die Demokratie die Guillotine.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare