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Utopie von Isfahan

Navid Kermani inspiziert die islamischen Länder

Von Alexandra Senfft

Schöner neuer Orient hat Navid Kermani sein jüngstes Buch genannt. Doch was, fragt der Leser sich zunächst, ist schön an einer von Krieg, Elend und Verfall geplagten Region, dem Thema der vorliegenden Reportagen? Und was ist neu am Orient, den man gemeinhin mit archaischen Strukturen und Anti-Moderne assoziiert? Der Titel erweist sich indes bald als vortrefflich, geht es doch gerade um die Gegensätze, die Widersprüche und die Ambivalenzen in einer Welt, die vielen sehr fern erscheint - und zugleich sehr nahe ist.

Kermani bereiste zwischen 1999 und 2002 Ägypten, Pakistan, Tadschikistan, Indonesien, Israel und Palästina sowie den Iran. In seinen Berichten geleitet der Islamwissenschaftler den Leser wie ein Reiseführer sicher durch konfliktreiches Gebiet. Trotz der komplexen Themen und vielen Informationen fällt es nicht schwer, dem Autor zu folgen. Er spricht in fast schwärmerischem Ton über den früheren kulturellen Reichtum des Islam und stellt einige Sehenswürdigkeiten vor - eine Traumreise ist das aber gewiss nicht: Es geht Kermani mehr ums Alltägliche, um die Menschen und ihre bedrückenden Lebensumstände. Von seinen Lesern erwartet er hinzusehen, die eigene Verwicklung darin zu erkennen und - im besten Fall - Verantwortung zu übernehmen.

Denn belässt Kermani es nicht dabei, seine Eindrücke zu schildern: Er interpretiert, philosophiert, politisiert und ordnet den Befund am Ort in den gesamtgesellschaftlichen Rahmen und die Weltpolitik ein. Seiner Meinung nach "gibt es kein Innen und kein Außen mehr", denn spätestens der 11. September 2001 habe gezeigt, dass es einer "Weltinnenpolitik" bedürfe, um die Dritte Welt vor dem völligen Kollaps zu bewahren und die Erste Welt vor weiteren verheerenden Terroranschlägen zu schützen. Abschottung "durch Raketenabwehrsysteme und noch so strenge Ausländergesetze" könnten nicht verhindern, dass uns das Leid und seine Folgen immer näher rückten.

Nicht nur am Beispiel Ägypten zeigt der Autor, in welch gefährlichem Fahrwasser sich eine Gesellschaft bewegt, die durch eigenes Versagen und äußere Einflüsse in die Gegenströmungen von Globalisierung und Islamisierung gerät - Tendenzen, die sich gegenseitig bedingen, nebeneinander existieren und gleichzeitig aufeinander prallen. Die Moderne und islamische Traditionen sind miteinander vereinbar, belegt Kermani. Wahr ist aber auch, dass die westliche Kultur- und Unterhaltungsindustrie bei vielen Menschen einen Werteverlust und Verwirrung erzeugt und sie in die Arme der Islamisten treibt, die ihnen Orientierung und soziale Unterstützung bieten. Ägyptens radikale Islamisten sind jedoch schon längst an ihre Grenzen gestoßen und versuchen, sich dem bürgerlichen Leben wieder anzupassen: Terror und staatlicher Gegenterror der achtziger Jahre hatten sich gerade gegen jenen Mittelstand gerichtet, aus dem sie hervorgegangen waren. Es bleibt der Zwiespalt: "Die gleiche Moderne, die die autochthone Kultur und die überlieferten Wertevorstellungen zu zerstören droht, bekämpft auch die hohe Säuglingssterblichkeit, die Blutrache und die Mädchenbeschneidung." Das erfordert einen Spagat, bietet indes auch die Chance, die Einflüsse der ägyptischen Volkskultur mit denen der westlichen Kulturindustrie weiter in Einklang zu bringen.

In Pakistan beschreibt Kermani die Kraft der Bevölkerung, trotz der funktionsunfähigen staatlichen Institutionen, die zu einem Selbstbedienungsladen für die Herrschenden verkommen sind, die Gesellschaft am Laufen zu halten. Er sieht jedoch die Gefahr, dass der Zentralstaat zunehmend ausgehöhlt und die Autonomiebestrebungen der unzähligen ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen zu heilloser Gewalt führen könnten, wie in Afghanistan und Kaschmir schon geschehen: "Gegen das, was sich zwischen Zentralasien und Nordindien zusammenbraut, könnte der Nahe Osten eines Tages wie ein beschaulicher Vorort erscheinen. Und Pakistan ist mittendrin."

Dass vermeintlich irrationale Bürgerkriege, deren Ursachen oft vereinfachend dem Islam zugeschrieben werden, überaus rational sind, erfährt der Leser am Beispiel Tadschikistan. Was hier 1992 als Konflikt zwischen den religiösen und säkular-demokratischen Kräften einerseits und der Nomenklatura aus der Sowjetzeit andererseits begann, artete in einen Kampf der Clans und Milizen aus. Denen ging es keineswegs um Ideologie, sondern um Ämter, Macht und Geld, sagt Kermani. Aus demselben Grund ließen sie sich 1997 auf den von Russen und Iranern vermittelten Friedensschluss ein: "Die Mehrzahl der Warlords hat Mitte der neunziger Jahre zu begreifen begonnen, dass aus dem Krieg nicht mehr viel herauszuschlagen und der Frieden profitabler geworden ist." Auch in Indonesien füllen die Milizen, diese Vogelfreien der neuen, neokonservativen Weltordnung, das vom korrumpierten Staat verursachte Vakuum.

In Israel spricht Kermani mit Kollegen über das Erbe der Dichtung, Philosophie, Musik und Mystik, das Juden und Araber miteinander teilen. Es sei eine der Tragödien des Nahen Ostens, dass sie ihre gegenseitige kulturelle Beeinflussung und ihre Gemeinsamkeiten leugneten. "Vielleicht wird der Frieden wirklich erst dann herrschen, wenn Israel sich nicht mehr wie ein westlich-koloniales Implantat in der arabischen Welt verhält und umgekehrt der Nahe Osten sich ,israelisiert', wenn also die arabische Welt eine jüdische Existenz in der Region nicht nur aus Einsicht in die eigene Schwäche hinnimmt, sondern sie ein für allemal bejaht."

In eindrücklichen Passagen über das iranische Isfahan, in dem einst fünf Religionen friedlich nebeneinander existierten, bekräftigt der gebürtige Iraner dieses Streben nach einer Utopie: die Vergangenheit als Zukunft. Für ihn gilt es, die ideologischen Grenzlinien, die der Westen mit verschuldet hat, aufzuheben und sich auf ein multireligiöses, multikulturelles Konzept zurück zu besinnen. Die Iraner leben nach seiner Beschreibung wenig anders als die Menschen im Westen und leiden unter denselben Spannungen, Vor- und Nachteilen des modernen Lebensstils. Es seien nicht die modernen Werte des Westens, die die meisten Muslime in der Region ablehnten, sondern dessen mitunter schon schamlos offen propagierten Doppelstandards. Der schöne neue Orient, das wird klar, ist kein Widerspruch: Er ist so weiß wie ein Schimmel und so schwarz wie die Nacht.

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