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Eine junge Frau, die gegen Polizeigewalt protestiert, steht im amerikanischen Ferguson im Tränengasnebel.

USA

Das Wahlvolk findet nicht, dass es schuld ist an Trump

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„Die Dinge beim Namen nennen“: Rebecca Solnits Essays zur politischen Lage in den USA.

Wenige Intellektuelle, egal in welchem Land, sind so streitbar und begleiten die politische und gesellschaftliche Lage so quick, kontinuierlich und mit deutlichen Worten wie die Amerikanerin Rebecca Solnit. „Die Dinge beim Namen nennen“ ist denn auch der Titel einer Essay-Sammlung, keineswegs ihrer ersten, die jetzt auf Deutsch erschienen ist. Im Original lautet der Untertitel „American Crises“, amerikanische Krisen, und darum geht es unter anderem: um Sexismus und Rassismus, Polizeigewalt und überquellende Gefängnisse, um den Zynismus der Klimawandelleugner und die Ideologie der Isolation. Letztere auch gründend im Cowboy-Mythos des schweigsamen, selbstgenügsamen Kerls. Donald Trump, so beschreibt es Solnit, preist sich schon immer als Selfmademan an, als einsamer Cowboy „in der Prärie des freien Marktes“.

Dinge möglichst präzise zu benennen und analysieren sei als Diagnose notwendig, diese erst ermögliche eine Heilung, so Rebecca Solnit im Vorwort. Sie verweist auf Volksmärchen – man denkt auch sofort ans Rumpelstilzchen –, in denen die Gefahr, die von einem mysteriösen Helfer ausgeht, im Moment der Benennung gebannt ist. Natürlich glaubt Solnit nicht, dass es so einfach ist, sie ist nicht naiv. Aber gerade in Zeiten eines Präsidenten, dem es völlig egal ist, was er sich zusammenlügt (die Fact Checker der „Washington Post“ zählen mit und sind inzwischen bei rund 10.700 Unwahrheiten angekommen), ist es, so die Autorin, zum Schutz der Demokratie wesentlich, mit Tatsachen und klaren Aussagen dagegenzuhalten.

Kindischer Trotz und Zorn werden von Trump befeuert

Rebecca Solnit: Die Dinge beim Namen nennen. A. d. Engl. v. B. Münch, K. Riesselmann. Hoffmann und Campe 2019. 318 S., 22 Euro.

Und so denkt Rebecca Solnit zum Beispiel darüber nach, welche gesellschaftlichen Gefühlslagen zu einem Präsidenten Trump führten: „Immer wieder habe ich Männer erklären hören, Hillary Clinton habe es versäumt, sie auf ihre Seite zu ziehen. Diese Männer sahen den Schaden auf Clintons Seite, nicht auf unserer (...). Bei sich selbst, dem Wahlvolk oder dem System sahen sie keine Schuld, Trump nicht aufgehalten zu haben.“ Es ist die Haltung eines Kindes, das meint, es geschehe den Eltern ganz recht, wenn es sich erkälte.

Der kindische Trotz und der Zorn werden von einem manipulativen Politiker wie Trump befeuert, sein rhetorisches Benzin nährt die Flamme der Aggression: „Er wurde gewählt von Menschen, auf deren Wut er sich eingeschossen hat, deren Wut er sogar noch geschürt und denen er versprochen hat, Rache zu nehmen an den üblichen Sündenböcken im In- und Ausland“. Solnit sieht allerdings Trump als „Kulminationspunkt eines langen Wegs, den der Zorn in diesem Land zurückgelegt hat“. Angefangen bei einer Rechtsprechung, die auf Vergeltung fußt, bis zum Hass auf den Nächsten, nur weil er etwas Falsches sagt. Content, der wütend macht, wird in den sogenannten Sozialen Netzwerken stärker geklickt als sachlich informierende Inhalte.

Solnits Essays sind ein Plädoyer für und gleichzeitig eine Beschreibung der „Grautöne, Mehrdeutigkeiten, Widersprüchlichkeiten, Ungewissheiten“. All dies sieht sie untergehen in Gesprächen, die gar nicht (der schweigsame Cowboy) oder „wie Kriege“ geführt werden. Wer den Dialog verweigert, demonstriert (scheinbar) die Kontrolle über seine Gefühle und also (scheinbar) Stärke. Und der Gegner, der ins Gespräch eintreten will, wird als schwach und als Weichei diffamiert. Dies besonders gern vom größten Rüpel auf dem amerikanischen Schulhof.

Solnits Brief an Donald Trump

Den hat Rebecca Solnit im Oktober 2016 in einer Art Offenem Brief als „Lieber Donald Trump“ angesprochen; mag sein, dass sie da noch – wie übrigens mancher andere Kommentator – die Hoffnung hatte, er würde sich im Präsidentenamt verändern. Nun ist ihre Beschwörung eines weltoffenen New York, in dem sich Trump einmal jenseits seines Trump Tower umsehen solle, der einzige Text des Bandes, der ein wenig veraltet und auch blauäugig wirkt. Denn mittlerweile ist klar, dass es sinnlos ist, Trump ansprechen, Informationen zu geben oder auch nur einen neuen Gedanken vermitteln zu wollen (außer man arbeitet beim Sender Fox News).

Zuletzt versucht Solnit unter dem Titel „Möglichkeiten“ einen kleinen positiven Ausblick, aber „Die Dinge beim Namen nennen“ ist trotzdem ein trauriges Buch: In vielerlei Beziehung sind die US-amerikanischen Verhältnisse seit der Erstveröffentlichung der Texte schlimmer geworden. Das heißt aber nicht, dass Rebecca Solnit nicht bitte immer wieder klare Worte finden soll.

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