Vom Urknall bis Genua

Zwei Bücher versuchen, die Globalisierung zur Weltgeschichte ins Verhältnis zu setzen

Von ANDREAS ECKERT

Weltgeschichte ist eines der ältesten Themen der Historiographie überhaupt und hat durch die Globalisierungsdebatte der letzten Jahre in der internationalen Geschichtswissenschaft neuen Schwung bekommen. Auseinandersetzungen um die theoretische Lufthoheit sind in vollem Gange und programmatische Aufrufe allerorten zu lesen. Ob und wie man etwa Universalgeschichte, Weltgeschichte und Globalgeschichte unterscheiden kann und muss, beschäftigt viele kluge Köpfe. Konkrete Umsetzungen hingegen sind vergleichsweise rar. Nun liegen jedoch gleich zwei Darstellungen in deutscher Sprache vor, die auf knappstem Raum und auf sehr unterschiedliche Weise den Versuch unternehmen, aus dem Käfig der Nationalgeschichte auszubrechen und einen weitgespannten Blick auf die Historie zu wagen.

Vergleichsweise burschikos geht Alexander Demandt zu Werke. Der Berliner Althistoriker, erfahren im Genre der Synthesen und Verdichtungen, durchschreitet im Eiltempo die Geschichte unserer Welt vom Urknall bis zur unmittelbaren Gegenwart. Ein solches Unterfangen in Zeiten beckmesserischen Spezialistentums verdient selbstverständlich grundsätzlich Respekt. Doch hätte man etwa gerne gewusst, nach welchen Kriterien der Autor die gewaltige Stoffmasse geordnet hat. Mit theoretischen und methodischen Erwägungen und mit Begründungen für seine Schwerpunktsetzungen hält sich Demandt jedoch nicht lange auf. Allein der bisherigen Vernachlässigung der älteren Geschichte in Überblickswerken will er explizit begegnen. So machen die Hochkulturen des Mittelmeers und Asiens, der Islam und das Mittelalter nahezu die Hälfte des daten- und faktengesättigten, reich illustrierten Textes aus. Bei den der Neuzeit gewidmeten Kapiteln fällt die arg eurozentrische Perspektive ins Auge. Die nichteuropäische Welt taucht eigentlich nur noch als Objekt europäischer und amerikanischer Suprematie auf.

Typisch dafür sind in diesem Zusammenhang die knapp drei Seiten zum Kolonialismus. Dort werden jegliche Subtilitäten selbst der neueren, leicht zugänglichen deutschsprachigen Kurzdarstellungen zu diesem Themenfeld ignoriert. Und Demandt lässt sich zudem zu gruseligen Sätzen hinreißen wie: "Im Zentrum lebten - und leben - noch Stämme auf der Jäger- und Sammler-Stufe." Über das nachkoloniale Afrika weiß er zu berichten: "Patriarchalische Stammestraditionen stehen der Bildung eines emanzipierten, individualisierten Bürgertums im Wege, so dass die demokratischen Ansätze immer wieder in Einparteiensysteme und Militärdiktaturen umschlugen und Regierungen gewöhnlich durch Offiziersputsch wechselten." Kurz darauf ist von "atavistischen Rückfällen" die Rede. Für Erklärungen und Differenzierungen bleibt kein Platz, hier feiern alte und höchst problematische Stereotypen fröhliche Urständ.

Die transkontinentale Vernetzung

Auf einem ganz anderen intellektuellen Niveau angesiedelt ist der schmale, sehr dicht geschriebene Band der beiden Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel und Niels P. Petersson zur Geschichte der Globalisierung. Ihnen gelingt auf wenigen Seiten das Kunststück, die Verheißung des Klappentextes einzulösen und "einem der wichtigsten Begriffe heutiger Zeitdiagnose Tiefenschärfe" zu verleihen. Trotz ihrer berechtigten Skepsis angesichts der Tatsache, dass dieser Begriff gegenwärtig zu "sprachlichem Imponiermaterial" zu werden droht, "um dessen genaue Bedeutung man sich wenig zu sorgen braucht", halten die Autoren dafür, dass Globalisierung das Deutungsrepertoire der Geschichte bereichern und neue Perspektiven eröffnen könnte.

Osterhammel und Petersson schlagen keine gradlinige Definition von Globalisierung vor. Sie plädieren dafür, diesen "arg grandiosen Begriff in Teilaspekte zu zerlegen" und Globalisierung als "den Aufbau, die Verdichtung und die zunehmende Bedeutung weltweiter Vernetzung" aufzufassen. Wann wurde dieser Prozess irreversibel? Als zentralen Einschnitt sehen die Autoren nicht etwa das späte zwanzigste Jahrhundert, sondern - unter Bezugnahme auf Immanuel Wallerstein, den einst populären, inzwischen eher an den Rand gedrängten Theoretiker des "modernen Weltsystems" -, das frühneuzeitliche Zeitalter von Entdeckungen, Sklavenhandel und ökologischem Imperialismus. Seit etwa 1500 setzten Entdeckungsreisen und regelmäßige Handelsbeziehungen Europa, Afrika, Asien und Amerika erstmals in einen direkten Kontakt. Gut drei Jahrhunderte später waren daraus, so die Autoren, "zumindest wirtschaftlich stabile und potentiell wirkungsmächtige transkontinentale Vernetzungen" geworden.

Einen bedeutenden Globalisierungsschub identifizieren Osterhammel und Petersson für die Periode zwischen 1750 und 1880. In dieser durch Imperialismus, Industrialisierung und Freihandel geprägten Phase kam es in bis dahin unbekannter Dichte zum Aufbau wirtschaftlicher Verflechtung und einer Explosion des Welthandels. Im Anschluss melden die Autoren Zweifel an der vor allem von Wirtschaftshistorikern vertretenen These vom Ersten Weltkrieg als Zäsur der Globalisierung an. Die gängige Teilung in einen Abschnitt gesteigerter Globalisierung vor 1914 und eine bis nach dem Zweiten Weltkrieg anhaltende Phase der De-Globalisierung halten sie für zu schematisch: Selbst Prozesse der Entflechtung, wie sie in diesem Zeitraum zu beobachten sind, seien oft bewusste Reaktionen auf die Globalisierung gewesen. "Man konnte einander nicht mehr entrinnen", schreiben sie. "Die Welt war bis ins Alltagsleben spürbar zu einer Schicksalsgemeinschaft geworden."

Ergebnis der Erfahrung von Weltkrise und Weltkriegen war ein vor allem von den Vereinigten Staaten betriebenes globales Modernisierungsprogramm. Allerdings prägte nach 1945 für drei Dekaden die Teilung der Welt in Ost und West die Form internationaler, transnationaler und weltweiter Verflechtungen. Osterhammel und Petersson nennen das treffend "halbierte Globalisierung". Die danach einsetzende neue Phase, charakterisiert durch die Krise des Sozialstaates, die Explosion der Finanzmärkte sowie die Popularisierung und gesteigerte Reflexivität des Globalen, wird häufig als die eigentliche Globalisierung empfunden. Doch, so das nüchterne Fazit der Autoren: "Der Globalisierungsschub der 1980er und 1990er Jahre traf auf eine Welt, für die Globalität bereits seit langem nichts besonderes mehr war." Wer dieses methodisch versierte, klug argumentierende und trotz der Kürze erstaunlich materialreiche Buch gelesen hat, wird diesem Urteil nur zustimmen können.

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