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Der Mann, der alles sagte, was ihm einfiel: Truman Capote, hier mit Geraldine Chaplin in den späten 60er Jahren.

George Plimpton: Truman Capotes turbulentes Leben

Die Urkatastrophe des Journalismus

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George Plimpton hat aus Erinnerungen an den großen, verrückten Truman Capote ein amüsantes Buch zusammengestellt. Es zeigt, dass Capote ein früher Blogger war. Aber noch etwas anderes ist in dem schönen Band zu entdecken.

Ein amüsantes Buch. Das versteht sich von selbst. Fast 500 Seiten Erinnerungen an Truman Capote. Amüsant ist es natürlich, weil wir keine Sorge haben müssen, Capotes scharfzüngige Schlechtigkeit würde auch einmal über uns herziehen.

Wenn auf dem Buchumschlag steht, die Lektüre des Buches sei „fast so berauschend wie ein Abendessen mit Capote“, dann begreifen wir, es ging bei ihm nicht in erster Linie um Literatur. Capote war ein Showstar. Ohne Show. Ein paar Leute in einem Salon oder um einen Tisch herum, und er legte los.

Eine amerikanische Nachgeburt von Oscar Wilde. Wie dieser schrieb auch Capote großartige Bücher. Er war fähig, in einem blütenweißen kurzhosigen Matrosenanzug – wie ihn niemand vor oder nach ihm, der älter als neun war, jemals getragen hatte – einen Raum zu betreten, in dem es sonst nur Smokings und Abendkleider gab.

Die Wirkung wäre auch heute umwerfend, aber vor mehr als 50 Jahren in New York, mitten unter den Mad Men, muss sie ungeheuerlich gewesen sein. Und wenn er dann den Mund aufmachte und Sottisen über Ab- und Anwesende ausstreute, als wäre er der Sonnengott, der gleichermaßen desinteressiert über Gerechte und Ungerechte sein Licht aufgehen lässt, dann blieb nur noch, an seinen Lippen zu kleben oder aber die Flucht zu ergreifen.

Schilderungen dieser Art gibt es jede Menge in dem Buch. Schließlich sind es Erinnerungen von Marella Agnelli, Lauren Bacall, Peter Beard, Elizabeth Bishop, Paul Bowles, Bob Colacello, Joan Didion, John Kenneth Galbraith, John Huston, Norman Mailer, Peter Matthiessen, Lee Radziwill, Arthur Schlesinger, Neil Simon, William Styron, Gore Vidal, Kurt Vonnegut und noch jeder Menge anderer Leute.

In dem Buch sind natürlich Hunderte weitere versteckt. Die Rose Burgunder, „dieses wundervolle Geschöpf“, die William Styron an einem Abend kennenlernte, als er sich mit Capote treffen sollte, wurde kurze Zeit später seine Frau.

Das war 1953. Vor den Erfolgen und vor den Depressionen. Truman Capote log. Gore Vidal zog vor Gericht deswegen und bekam recht. Aber die Zeitungen schrieben weiter, was Capote in die Welt gesetzt hatte.

Er redete, was ihm einfiel

Er war wie ein Blogger. Er redete, was ihm einfiel. Es interessierte ihn nicht, dass jeder von ihm hingeworfene Satz veröffentlicht wurde. Nein, nein, das interessierte ihn schon. Er redete ja, um veröffentlicht zu werden. Die Wahrheit erschien ihm nur geeignet, das Publikum zu langweilen, also erfand er Geschichten.

Auf Seite 203 stößt man auf die Urkatastrophe des modernen Journalismus. Am 16. Januar 1966 erklärt Truman Capote einem Reporter der „New York Times“ den Tatsachenroman. Er verstehe darunter ein Buch, das zwar mit den Techniken des Romans geschrieben werde, aber nichts als Tatsachen schildere. „Kaltblütig“ war das Buch, mit dem er das Muster für das Genre ablieferte. Ein großartiges, atemraubendes Buch. Er schrieb mehrere Jahre daran, arbeitete es immer wieder um, erforschte jedes noch so winzige Detail.

Dennoch stellen sich Fragen. Was bleibt von den Techniken des Romans, wenn weder Dialoge noch ein Spannungsbogen vorkommen können? Truman Capote erzählt, wie er gelernt habe, sich zu merken, was die Leute ihm erzählten. Das ist bewundernswert. Aber ist es wahr, was ihm erzählt wurde? In „Kaltblütig“, das macht den Reiz des Buches aus, hinterfragt er das immer wieder. Das unterbricht die Erzählung, relativiert sie und macht sie glaubwürdig.

Vor ein paar Tagen las ich eine Reportage über einen Mordfall in Brandenburg. Immerhin ein Buch von zweihundert Seiten. Als nach nicht einmal zehn Seiten die Journalistin das Opfer über seine Situation nachdenken lässt, habe ich das Buch in die Ecke geworfen. Sie kannte die Frau nicht. Sie hätte nie etwas von ihr gewusst, wäre sie nicht ermordet worden. Was bildet sie sich ein, in ihrem Kopf lesen zu können?

Natürlich ist es gut, wenn sie versucht, sich die Gedanken der Ermordeten zu machen. Aber es ohne ein „vielleicht“, ein „möglicherweise“ zu tun, das ist doch Betrug.

Inzwischen ist das Genre der Reportage von der falsch verstandenen Idee des Tatsachenromans verseucht. Es war ein literarischer Einfall. Seit Jahrzehnten aber nutzen Journalisten diese Konstruktion, um der Realität zu entkommen. Nur zu oft in die Soße des Trivialromans.

Darauf zu verzichten, heißt nicht auf Fantasie zu verzichten. Das heißt nur, den Leser nicht in die Fantasiewelt von Journalisten zu ziehen, die sich für Autoren halten.

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