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Norbert Scheuer.

"Am Grund des Universums"

Das Urftland um Kall

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In seinem neuen Roman führt uns Norbert Scheuer erneut in die Eifel und in die Welt.

Wie lange braucht es, bis dem Leser klar ist, dass er ein Manuskript von Norbert Scheuer vor Augen hat? Gut, die Widmung für Ehefrau Elvira, die in jedem seiner Bücher steht, lassen wir mal nicht als Indiz gelten. Aber dann hebt der Roman an und hat noch nicht den ersten Satz beendet – und schon steht da der Name „Kall“.

Kall in der Eifel ist längst zu einer literarischen Metropole avanciert, wenngleich es sich doch nur um eine Kleinstadt handelt. Norbert Scheuer hat mit diesem Literaturort, der selbstverständlich kein passgenaues Abbild des real existierenden Kall ist, der Eifel und ihren Bewohnern ein Denkmal errichtet, dessen Prägnanz und Facettenreichtum mit jedem neuen Buch gesteigert wird. Da folgt er dem Beispiel William Faulkners (1897–1962), dessen Werke um den fiktiven Ort Yoknapatawpha County kreisen, der dem Wohnort des US-Autors zum Verwechseln glich. Das ist die Heimatdichtung der Moderne: Weil Scheuers Kall die Welt meint und seine Protagonisten Frust und Freude erleben wie viele andere auch, geht diese Literatur alle an.

Das bezeugt aufs Neue der Roman „Am Grund des Universums“. Darin lesen wir über den Betriebselektriker Lünebach, der mit einem Schneidbrenner eine Raumkapsel gebastelt hat und sich nun ins All hinein träumt: „Je höher er stieg, umso mehr erschienen ihm das Urftland und der See als Universum, das zu erkunden vielleicht ebenso reizvoll gewesen wäre wie Lichtjahre entfernte Welten.“ Das klingt fast wie eine Poetik des Norbert Scheuer: Was ist schon das Ganze gegen das Detail?

Der Autor erzählt in seinen Werken jeweils eine Geschichte, die sich kaleidoskopartig aus vielen Geschichten zusammensetzt. Der eine Plot, die eine Handlungslinie – das ist ihm nicht geheuer. Diese Vielstimmigkeit ist im neuen Roman noch stärker ausgeprägt als sie zuvor schon war. Für besonders viele Wirklichkeitssplitter sorgen die „Grauköpfe“, „eine fünf- bis zehnköpfige Hydra“. Die versammeln sich Tag für Tag in der Cafeteria des Supermarkts, um sich auszutauschen und das Leben um sie herum zu beobachten – vermutlich aber vor allem deshalb, um der Einsamkeit zu entkommen. Da geht es oft um Belanglosigkeiten, nicht zuletzt um Politiker, Verwandte, Ausländer oder Wetterkapriolen, wenn etwa der Regen die Supermarkt-Kunden über den Parkplatz treibt. Allerdings ragt ein pressierendes, die drei Großkapitel durchdringendes Thema heraus: die Erweiterung des Stausees, die zu einer Belebung des Tourismus führen soll. Das Urftland um Kall, hoffen die Optimisten, könnte bald wieder blühen wie einst einmal. Dazu muss allerdings erst einmal das vorhandene Wasser abgelassen werden. Die Erwartung, dass am Grund des Sees manches zum Vorschein kommen könnte, das entsorgt wurde oder vergessen werden sollte, ist erheblich. Auch geht es um Grundstücke, die verkauft werden müssten, überhaupt geht es um viel Geld.

In der Cafeteria beobachten die Grauköpfe zudem alle möglichen Beziehungsszenen. Da kommt Nina Plisson ins Spiel, die heimliche Hauptperson in diesem Roman. Frühmorgens trägt sie die Zeitungen aus, „Rundschau und Stadtanzeiger“ mit dem Bollerwagen. Die junge Frau leidet an „Alexia sine agraphia“, einer genetisch bedingten Schwäche: Sie kann schreiben, aber nicht lesen. Nina verliebt sich in Paul Arimond, bekannt aus dem Roman „Die Sprache der Vögel“. An Leib und Seele versehrt kehrte der Soldat aus Afghanistan zurück. Das Militärfahrzeug, in dem er mit seinen Kameraden saß, war in die Luft gesprengt worden.

Norbert Scheuer macht prinzipiell nicht viele Worte. Jedenfalls nicht mehr als nötig. Er schmückt die Szenen nicht aus, weil ihm noch eine und noch eine gute Formulierung in den Sinn kommt. Gleichwohl steckt seine Prosa voller Poesie. Das zeigt sich auch in der Beschreibung dessen, was Paul in Afghanistan widerfahren ist: „Er hatte den Moment der Explosion erlebt, als würde er auf einem Feuerball hochgeschleudert; es war gleißend hell und vollkommen still dort oben. Monate brachte er in diesem hellen Nichts zu; dann hörte er leise Musik und sank wie mit einem Fallschirm zur Erde. Er landete mitten im Stausee, und ihm war, als würde er im Wasser treiben und langsam versinken.“

Nina kümmert sich auch um Sophia Molitor. Die Urenkelin des letzten Bergwerksdirektors vor Ort widmet sich dem rätselhaften Daodejing, der Sprüchesammlung des Laotse. Ihr verstorbener Ehemann Eugen hatte einst in China gearbeitet. Von seinem dortigen Verhältnis zu einer Chinesin erfährt Sophia erst sehr spät. Jeder Scheuer-Roman ist auch ein Appetizer für einen Weiterbildungs-Kurs. Mal waren es die Steine, dann die Fische, zuletzt die Vögel, denen eine gesonderte Aufmerksamkeit widerfuhr. Nun ist es die chinesische Philosophie, deren Spur sich durch den Roman zieht.

Philosophie kann hilfreich sein, wenn einem die Welt nicht geheuer ist. Und tatsächlich: „Immer wieder stürzen in Kall und Umgebung Stollen, Gänge und unterirdische Grotten ein.“ Das darf man symbolisch nehmen. Scheinbar ist alles im Lot. Doch in den Nischen der Alltäglichkeit lauern Drachen, Dornen und Dämonen. Vertane Chancen und verlorene Hoffnungen. Aber auch Sehnsucht.

Das Stimmengewirr in der Cafeteria und um die Cafeteria herum ordnet Norbert Scheuer ein weiteres Mal auf seine faszinierende Weise. Den Menschen mit ihren Beschwernissen widmet er sich auf eine geradezu nächstenliebende, jedenfalls die Protagonisten stets in ihrer Eigenart akzeptierende Weise. Selbst ein Lünebach, der mit einem Eigenbau ins Universum aufbricht, wirkt nie lächerlich. Vielmehr beeindruckt und berührt, wie hartnäckig ein Weg beschritten wird, der nicht zum erklärten Ziel führen kann. Fast allen schenkt Scheuer seine Sympathie. Allein die Finanzjongleure kommen nicht so gut weg – in diesem Fall heißen sie Caspary und Raimund. Auch hält Scheuer seinen Helden die Treue. Da begegnet der Leser alten Bekannten aus früheren Kall-Romanen. Vincentini pflegt immer noch seine elektrische Akupunkturmaschine, und dem alten Zehner werden diesmal lange Dialekt-Passagen gewährt: „Ohren senn Uhre unn Augen senn Ohre, watt für en Sprooch?“

Gibt es einen Autor, der dieser Region je so viel kunstvolle Aufmerksamkeit geschenkt hätte? Aus dem Werk von Norbert Scheuer wird man noch in ferner Zeit erfahren können, wie es sich einst lebte um die Wende vom zweiten zum dritten Jahrtausend.

Das real existierende Kall ist eine Gemeinde, so sagt es der Bürgermeister auf der Homepage, „in der man gerne lebt, wohnt und arbeitet“. Wir nehmen an, dass es Scheuer genauso sieht. Auf jeden Fall wird er auch in Zukunft die Cafeteria in Kall besuchen und dort mit den Grauköpfen die Welt beobachten.

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