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Bestimmt war Lanny Budd auch am 11. November 1918 in Paris, um den Frieden zu feiern.

Upton Sinclair

Upton Sinclair: Ein Traum vom Überleben

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Der amerikanische Autor Upton Sinclair schrieb eine Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Jetzt ist Zeit, sie zu lesen.

Es gibt Menschen, die wollen derzeit alles über Seuchen erfahren, und es gibt welche, die haben Lust auf etwas ganz anderes. Für die schreibe ich diesen Hinweis auf Upton Sinclairs Lanny-Budd-Serie.

Upton Sinclair (1878–1968) war einer der erfolgreichsten Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Schon als Schüler verdiente er nicht nur seinen Unterhalt, sondern auch den seiner Eltern mit dem Schreiben von Witzen und Groschenromanen. Auch den Besuch an der Columbia University finanzierte er sich als Autor. Mithilfe von Stenografen schrieb er damals achttausend Wörter pro Tag. Dazwischen lernte er Spanisch, Deutsch und Französisch, besuchte Vorlesungen aller Art und schrieb Gedichte.

Die Lanny-Budd-Serie: Nun ist die Zeit um eine andere Geschichte von „Der Dschungel“-Autor Upton Sinclair zu lesen

1904 arbeitete er sieben Wochen in den Fleischfabriken Chicagos. In seinem Buch „Der Dschungel“ (1906) schilderte er die Lebens- und Arbeitsbedingungen der dort tätigen Immigranten. Das Buch war ein Bestseller, und Sinclair konnte nicht nur eine sozialistische Organisation gründen, sondern es bewirkte auch eine Verbesserung der Fabrikgesetzgebung. Charlie Chaplin gewann Anfang der 30er Jahre den sozialistischen Agitator und hartnäckigen Verfasser von Bestsellern als Produzenten für Eisensteins Film „Qué viva Mexico!“

Die Lanny-Budd-Serie: In elf Bänden mit 7424 Seiten – so die englische Ausgabe – schildert Upton Sinclair in den Jahren 1940 bis 1953 die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die letzten Bände erzählen beinahe zeitgleich zum Geschehen. Der dritte Band, „Die Drachenzähne“, gewann einen Pulitzer, und die Originalausgabe wirbt mit Lobliedern von Albert Einstein, Thomas Mann, George Bernard Shaw, H. G. Wells. Shaw erklärte: „Wenn ich gefragt werde, was im Laufe meines Lebens so alles passierte, sage ich nur: Lest Upton Sinclairs Romane!“ Ich möchte mich dem anschließen. Obwohl die deutsche Ausgabe nur noch – wenn überhaupt – antiquarisch zu bekommen ist.

Upton Sinclair: Die Lanny-Budd-Serie des US-Autors erzählt die Geschichte des „schlimmsten“ Jahrhunderts

Lanny Budd ist der Sohn eines amerikanischen Waffenfabrikanten, der auch im Ölgeschäft mitmischt. Er wächst bei seiner Mutter an der Riviera auf. Wie seine Eltern ist er US-Bürger. Der erste Band, „Welt-Ende“, schildert das Heranwachsen des Jungen bis zur Besetzung Konstantinopels durch britische, französische und italienische Truppen im November 1918. Lanny ist 18, sein Vater nimmt ihn mit zu geschäftlichen Gesprächen. Der künstlerisch interessierte Junge tanzt also in Hellerau bei Émile Jaques-Dalcroze und sitzt dabei, wie sein Vater mit Basil Zaharoff, dem griechischen Waffenhändler und einem der reichsten Männer der Welt, Geschäfte macht.

Lanny Budd wird bei jedem wichtigen Ereignis der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dabei sein, und er wird eine Unzahl der Akteure kennenlernen. Revolutionäre und Reaktionäre, Künstler und Verbrecher. Er kennt alles, er weiß alles. Er ist reich genug, um Armen zu helfen. Er liebt das Wahre, das Gute und das Schöne. Im Lauf seines Lebens wird das mal der Kommunismus und dann der Antikommunismus sein. Mal ist er Rationalist, dann wendet er sich dem Tischerücken und den Geistererscheinungen zu. Ohne jemals die Politik und das Geschäftsleben und ihren Zusammenhang aus den Augen zu verlieren.

Leseempfehlung: Die Lanny-Budd-Reihe von US-Bestsellerautor Upton Sinclair

Die Lanny-Budd-Reihe ist der Traum eines alten Mannes von einem Leben, das er hätte führen können. Ein Blick zurück. Es ist der Traum eines alten Mannes aus armen Verhältnissen, der sich ausmalt, was aus ihm unter anderen Startbedingungen hätte werden können. Es ist der Traum eines Erzählers, der möglichst viel Wirklichkeit in seinen Geschichten unterbringen möchte.

Zu diesen Wirklichkeiten gehört auch, dass der reiche, kluge Lanny Budd, trotz aller Verbindungen, die er hat, die Geschichte nicht ändern kann. Er nimmt Einfluss auf sie von der Versailler Friedenskonferenz bis zu seinem Auftritt beim Rias, wo er von seiner Entführung durch „die Roten“ berichtet. Er kann Bette Davis sagen: „Es wird Sie interessieren, dass Hitler mir Ihren Film ,Dark Victory‘ bei sich zu Hause in Berchtesgaden zeigte.“ Der Zugang zum Machthaber hilft nichts. Geld zu haben und Amerikaner zu sein, ändert nicht die Wirklichkeit.

Autor von „Der Dschungel“ Upton Sinclair erzählte die Geschichte des „schlimmsten“ Jahrhunderts in der Lanny-Budd-Reihe

Die Lanny-Budd-Serie zeigt, dass auch einem so sehr an der Veränderung der Wirklichkeit arbeitenden Autor wieUpton Sinclair, wenn er denn ein wirklicher Autor ist, die Wirklichkeit viel zu wichtig ist, um sie durch eine Traumwelt zu ersetzen. Die ganze Kraft Sinclairs besteht darin, sein Traumpersonal in der Wirklichkeit unterzubringen und es sie überstehen zu lassen.

Als ich vor fünfzig Jahren die Reihe zum ersten Mal las, las ich sie in einem Schwung und völlig begeistert. Bei manchen Leuten wusste ich nicht, ob sie zum erfundenen oder zum vorgefundenen Personal der Geschichten, der Geschichte gehörten. Aber ich weiß noch, wie ich mit den amerikanischen Truppen immer tiefer ins besiegte Nazideutschland eindrang. Das erstreckte sich über Hunderte von Seiten. Ich bekam ein Gespür dafür, dass der Sieg nicht am 8. Mai 1945 errungen wurde, sondern, dass der 8. Mai ein Schlusspunkt war, der schnell zu einem Anfang wurde, zum Beginn des Kalten Krieges.

Eine Lesetipp für das Hier und Jetzt: Die Lanny-Budd-Reihe von Bestsellerautor Upton Sinclair

Lanny Budd steht in den letzten Bänden, nach Begeisterung für den Friedenspräsidenten Wilson, für den Kommunismus, für Roosevelt, auf der Seite Harry Trumans. Das erschwerte mir meine zweite Lektüre der Bände, die vor dreißig Jahren stattfand.

Die Reihe lebt von der Identifikation mit dem Helden. Es ist Identifikationsliteratur. Gehört also dem erfolgreichsten und zugleich dem am meisten verachteten Genre an. Vielleicht sind Corona-Zeiten die Zeiten für solche Literatur. Wir erfahren unsere Schwäche stärker als je. Wir lernen, dass alles drauf ankommt, uns in der Lage, in der wir nun mal sind, so gut wie möglich einzurichten.

Eine Kollegin erzählte mir, sie habe geträumt, ihr Friseur habe eine kleine Hütte, in der er ganz legal seinen Beruf weiter ausüben dürfe. Vor der Hütte eine lange Schlange. Ihr gelingt es, sie weiß nicht mehr wie, an allen vorbei, sofort frisiert zu werden.

Upton Sinclair: Die Lanny-Budd-Reihe - eine Erzählung vom Überleben

Ein Traum. Einer, der sich eingerichtet hat in der Wirklichkeit und versucht, das Beste aus ihr herauszuholen. Nichts anderes ist die elfbändige Romanreihe. Da zeigt einer, wie man durchs schlimmste Jahrhundert hindurchkommt, durch zwei Weltkriege, an einer Grippe-Epidemie vorbeischrubbt, an Cholera-Ausbrüchen, an Revolutionen und Völkermorden. Nichts davon wird ausgelassen, alle Schrecklichkeiten kommen vor, aber der Held trägt Teflon, nein, er hat in Drachenblut gebadet. Nichts kann ihm wirklich schaden. Es ist ein Traum vom Überleben.

Es ist ein Abenteuerroman. Lanny Budd ist ein Held, der mit den furchterregendsten Abenteuern fertig wird. Aber der Held tötet nicht. Der Held kommt, und die Drachen morden weiter. Der Held ist nicht ein Held, weil er Schluss macht mit Elend und Gewalt. Er bringt nicht den Frieden. Der Held ist ein Held, weil er überlebt, weil er in der Lage ist, sich durch alle Vernichtungen hindurch zu erhalten. Also der Prince Charming zu bleiben, der er war, als der er von Anfang an von seinem Schöpfer konzipiert worden war.

Literatur für die Quarantäne: Die Lanny-Budd-Reihe von Autor Upton Sinclair

Rilkes berühmte Verse „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles“ stammen aus dem Jahr 1908. Ihnen geht voran: „Die großen Worte aus den Zeiten, da Geschehn noch sichtbar war, sind nicht für uns.“ So exakt die letzten Zeilen Sinclairs Botschaft wiedergeben, so sehr widersprechen die vorangehenden allem, was er tut. Das Geschehen ist sichtbar. Es ist für jeden sichtbar, wenn Upton Sinclair es ihm zeigt.

Sinclairs Literatur ist Traumliteratur, aber sie träumt vom und im Leben. Sie träumt mit ihm. In diesem Traum gibt es Platz für das Wahre, das Schöne und das Gute. Es gibt Platz für die Liebe und für eine schöne Frisur.

Da ist doch Trivialliteratur! Oh, ich höre diesen Zwischenruf schon die ganze Zeit. Er gehört auch zur Wirklichkeit. Es wäre unsinnig, ihn zu überhören. Aber was wäre daran so schlimm? Trivial ist unser aller Leben. Selten ist das so deutlich wie in diesem Corona-Moment. Ich will Sie nicht überzeugen, dass Sie unbedingt Lanny Budd durchs 20. Jahrhundert folgen müssen. Ich möchte nur an eine Möglichkeit erinnern, wenigstens über 7000 Seiten lang, ausgestreckt auf einer Couch, ohne sich hinwegzutäuschen über die Realität, eine Traumreise anzutreten, auf der man die Wirklichkeit übersteht.

Von Arno Widmann

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