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Der französische Autor Michel Houellebecq stellt in Köln seinen Roman "Unterwerfung" vor.

Michel Houellebecq in Köln

Die Unwissenheit des Michel Houellebecq

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq liest bei der lit.Cologne im rappelvollen Schauspiel Köln erstmals aus seinem neuen Roman „Unterwerfung“ und empfiehlt nachdenklich ein leichtes Leben

Von Martin Oehlen

Ein Buch, das man mag“ schreibt Michel Houellebecq in seinem neuen Roman „Unterwerfung“, sei vor allem eines, „dessen Autor man mag, dem man gern begegnet, mit dem man gerne seine Tage verbringt“. Das ist sicher ein guter Grund, eine Lesung mit dem französischen Starautor zu besuchen. Gleichwohl gibt es für das Interesse, das die weltweit erste Lesung aus dem Roman auf der lit.Cologne in Köln auslöste, einen weiteren gewichtigen Grund: die islamistischen Terrorangriffe in Paris. Plötzlich liest man Houellebecqs Vision einer muslimischen Präsidentschaft im Frankreich anno 2022 mit anderen Augen.

Mit einer „kleinen Erklärung“ eröffnete Houellebecq den Abend: Die Franzosen hätten in den vergangenen Tagen aller Welt gezeigt, dass Frankreich „ein Land der Meinungsfreiheit“ ist. Weiter legte er Wert auf die Feststellung, dass „Unterwerfung“ kein islamophober Roman sei. Nun aber, da er dies ein ums andere Mal erklären müsse, sei es ihm ebenso wichtig zu betonen: „Man hat durchaus das Recht, ein islamophobes Buch zu schreiben, wenn man das möchte.“

Es folgte eine Lesung des Schauspielers Robert Dölle aus dem Roman, der auf Deutsch im Kölner DuMont-Buchverlag erschienen ist. Nach Szenen über Sex und Politik, über Karriere und die Islamisierung der französischen Gesellschaft in naher Zukunft widmete sich Houellebecq den Fragen des Journalisten Nils Minkmar, in seinem typischen, so zögerlichen wie nachdenklichen Duktus, der geduldiges Zuhören erfordert.

„Also, ich habe keine Ahnung“

Was er von einem islamischen Frankreich halte, wollte Minkmar wissen. Houellebecq verwies auf seinen Roman-Helden François, der sage, dass er sich nicht auskenne. Da dürfe man eine Parallele zum Autor ziehen: „Also, ich habe keine Ahnung.“

Eindeutig hingegen beklagte er den Zustand der Politik in Frankreich. Sehr gerne schaue er sich die Fernsehdebatten an – „aber die sind nur Spektakel“. Die Parteien, meinte er, „stehen für nichts mehr“. Politik, Medien und Kulturszene versuchten doch seit 40 Jahren, den Front National aufzuhalten – ohne Erfolg. Was die Rechten so attraktiv mache? „Gute Frage.“ Darüber würde er „gerne bei einer Zigarette nachdenken“. Mit frischem Nikotin im Körper ging es dann gut voran. Attraktiv sei der Front National, weil er die Einwanderung stoppen und die Sicherheit erhöhen wolle. „Es wurde da eine Nostalgie von der Unabhängigkeit des Landes, unabhängig von Europa und den USA, zurückgebracht.“ Ein Rückgriff auf die Zeit de Gaulles.

Der Hinweis, einige Kritiker meinten, mit seiner Zukunftsvision gieße er Wasser auf die Mühlen der Rechtsextremen, rang ihm nur ein Lächeln ab: „Das ist mir ziemlich egal. Aber ich glaube das nicht. Es hat noch nie jemand seine politische Meinung geändert, weil er ein Buch gelesen hat.“

„Eine Bombe“ sei der Auftakt der 15. lit.Cologne – so hieß es salopp bei den Veranstaltern des Internationalen Literaturfestivals, als sie im Dezember das Programm bekanntgaben. „Eine Bombe“ würde diese Veranstaltung heute niemand mehr nennen. Aber allemal war Houellebecqs erster öffentlicher Auftritt ein Ereignis. „El Pais“ aus Spanien wollte ebenso dabei sein wie „Aftenposten“ aus Norwegen. Dabei waren die 600 Sitzplätze schon weit vor den Anschlägen von Paris, ausverkauft.

Die Sicherheitslage war von der Polizei als nicht kritisch eingestuft worden. Gleichwohl hatten der französische Verlag Flammarion für den Personenschutz des Autors und die lit.Cologne für zusätzliches Wachpersonal an den vielen Türen des Schauspiel Köln im Mülheimer Depot 1 gesorgt. Auch das Lokal, in dem nach der Veranstaltung ein Abendessen eingenommen werden sollte, war unter Sicherheitsaspekten ausgewählt worden: Möglichst wenige Zugänge, möglichst wenige Fenster. Eine bizarre Situation, wenn man bedenkt, dass der neue Roman alles andere als islamfeindlich ist.

Gibt es einen Rat in dunklen Zeiten? Houellebecq wurde nicht nach einem solchen gefragt, tat ihn aber gleichwohl gerne kund. Dies geschah, indem er Voltaire in einer Version von Schopenhauer zitierte, was in der deutschen Übersetzung zu dieser Formulierung führte: Wir haben nur drei Tage zu leben, weshalb wir diese so leicht wie möglich verbringen sollten.

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