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Hier ist manches gerundet. Aber ob es auch tröstet?

Erzählband

Die Untröstlichkeit und die Apfelsine

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Clemens J. Setz’ Erzählungsband „Der Trost runder Dinge“ bietet neben Sprachkunst und der Routine des Bizarren auch Expeditionen in die Tiefen des Menschseins.

Der allgemeine Trost runder Dinge“, ist in Clemens J. Setz’ Erzählungsband „Der Trost runder Dinge“ zu lesen, „ist etwas, für das die Dauer eines normalen Menschenlebens glücklicherweise nicht ausreicht, um dagegen immun zu werden.“ Die Frau namens Maria, der er diesen Gedanken, gefasst angesichts einer unter Schnee abgerundet wirkenden Umgebung, in den Kopf legt, lebt mit ihrem Sohn zusammen. Der Sohn befindet sich offenbar im Wachkoma. Die Frau hat einen Callboy namens Jürgen bestellt, mit dem sie etwas Seltsames vorhat. „Was? Klar bekommt der was mit!“, sagt Jürgen, dem das unangenehm ist, auch wenn sie sagt, ihr Sohn werde gewiss nichts merken. Auf diesen Satz (klar bekommt der was mit) muss die Frau gewartet haben. Man merkt es, bevor der Autor es erklärt. Ist das Folgerichtigkeit oder Vorhersehbarkeit?

Der 1982 geborene Grazer Setz, der wie so viele junge Männer gegenwärtig einen Vollbart trägt, gewann vor acht Jahren mit seinem Band „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ den Preis der Leipziger Buchmesse. Er erzählte und erzählt so rätselhafte wie lapidare Geschichten, so sorgfältig gemachte wie schlichte, so sehr in Posen sich werfende wie originelle. Vermutlich ist das jeweils zweitere das Bleibende, wobei man leider das Wort „vermutlich“ nach der Lektüre von „Der Trost runder Dinge“ nicht mehr verwenden kann, das Wort „leider“ allerdings auch nicht mehr, das Wort „allerdings“ ebenfalls nicht. „Wörter wie Holzmehl“, denkt ein Mann namens Michael Zweigl, der unter Angstzuständen leidet und vergeblich Spuren dieser Angst bei seinen kleinen Söhnen feststellen will. Darum heißt die Erzählung „Geteiltes Leid“, in einer unfreundlichen Umdeutung des arglosen Sprichworts.

Michael Zweigl versucht durchaus, seinen Söhnen Angst zu machen. Dass der ältere, in dieser Frage siegfriedische nun wirklich eine Panikattacke erleidet, deren Ursache aber im Physischen liegt und sich leicht beheben lässt, ist ein autobiografisches Detail. So wie auch Setz’ synästhetische Wahrnehmung sich in der Welt der Figuren wiederfindet und die Lektüre von „Der Trost runder Dinge“ insofern eine willkommene Wiederbegegnung mit Vertrautem darstellt.

Die Quelle von Michael Zweigls Angst bleibt unbestimmt, die Alertheit, die sie bei dem Mann auslöst, macht ihn unheimlich aufmerksam. „Wie alle Menschen begegnete Zweigl jedes Jahr seinem zukünftigen Todesdatum, ohne es zu wissen. Er glitt darüber hinweg wie der klappernde Haken über die Felder eines Glückrads.“ Denn auch im Band „Der Trost runder Dinge“ treffen sich die Empfindlichen und Seltsamen und überraschen mit Vergleichen und Bildern: dem Geruch „nach etwas lang Vergangenem, nach Adventskalender oder Dinosaurierbuch“, einer Seele, die ein „heiteres, schnurgerades Ding (war), wie eine Leiter am Obstbaum“, einer anderen Seele, die ein Wurstbrot ist. Interessanterweise trifft die Wurstbrot-Seele eher auf die stille Sympathie des Beobachters als die schnurgerade Leiter-Seele.

Sympathie könnte auch schon zu viel gesagt sein. Aber immer wieder steht eine stillschweigende Übereinkunft im Raum, dass vieles möglich und traurig ist, und wert, mit Ruhe und Zurückhaltung betrachtet zu werden. Ein Schriftsteller bricht unlustig zu einem Literaturfestival nach Kanada auf – „Literaturfestivals sind wie gestohlene Nasen“ –, aber der Flug geht nicht, aber der Schriftsteller ruft seine Frau nicht an, um ihr zu sagen, dass er zurückkehrt. Als er die Wohnung betritt, findet er eine völlig veränderte Situation vor. Er kann da nicht intervenieren.

In „Das Schulfoto“ will nicht nur der Mann, der jetzt vor der Direktorin sitzt, das Gruppenfoto nicht bestellen, auf dem der Mitschüler Daniel Grondl in seinem anscheinend überlebensnotwendigen Apparat zu sehen ist. Der Mitschüler Daniel Grondl ist genauer gesagt durch den Apparat nicht zu sehen. Der Autor huscht erzählerisch gewieft und mausartig zwischen dem Unbehagen des Vaters und dem sanft missionarischen Einspruch der Direktorin hin und her. Die Erwachsenen gehen wie Erwachsene auseinander, aber die Direktorin wischt sich die Hände am Ärmel ab. Die Hand des kalten Mannes ist warm, „und der Druck war fest, beinahe herzlich“. Einen warmen, festen, beinahe herzlichen Händedruck zu haben, das ist in einer Erzählung von Clemens J. Setz kein gutes Zeichen.

Es gibt etliche bizarre Vorgänge im Band, das Bizarre geht Setz fast zu leicht von der Hand, um beim Lesen nicht reproduzierbar zu wirken. Zwischen Gestörten, Kranken und Verlorenen, zwischen Verlust und Tod kommt es dadurch aber zu Begegnungen, deren Folgerichtigkeit ihre Vorhersehbarkeit bei weitem übertrifft. Interessanter als die Kidnapperin aus verlorener Anstellung ist die Verlegenheit des gekidnappten Kindes. Interessanter als der immens brutale Vorfall in Italien, sind die Junggesellenabschied feiernden deutschen Männer, die Setz in ihrer nur eine Spur stumpfsinnigen Hilflosigkeit glänzend erfasst.

Der etwas routiniert sensationelle und der überschlaue Anteil werden durch geruhsame, wirklich originelle, manchmal kluge, gelegentlich sogar tröstliche Details ausgeglichen.

Der Trost runder Dinge ist allgegenwärtig, in der „simplen, runden Form“ eines Or – fragen Sie nicht! –, in Orangen, die an mehreren Stellen des Buches sinnfällig, aber unbegreiflicherweise bereitliegen. Der Trostbedarf aber ist insgesamt kaum zu stillen, wie die kleine Odyssee-Nacherzählung „Elpenor“ anzeigt. Denn die Geschichten sind nicht nur markant unterschiedlich lang, sie sind auch höchst unterschiedlich geartet, vom Quasi-Essay über am Ersten Weltkrieg irre gewordene Soldaten bis zum altklugen Gleichnis über den Tod aus Sicht eines Salamanders. Dazwischen klassische Setz-Situationen. Ein Pennäler, der seine Handynummer unter dem Namen Suzy an der Toilettenwand eines Erotikschuppens hinterlässt und nun, halb beschämt, halb entzückt, den Anrufen entgegenfiebert. Ein junger Mann, der sich in eine blinde Frau verliebt, deren Wohnungswände zu seinem Entsetzen über und über mit obszönen Wörtern vollgeschrieben sind. Von mehr als einem Autor, stellt der Mann fest. Und er muss an die Höhle von Chauvet denken, die 5000 Jahre lang bemalt wurde. Tatsächlich hat Setz-Lektüre Züge einer Expedition in d

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