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Polizeieinsatz im Münchner Stadtteil Hasenbergl.

Rezension

Friedrich Ani: All die Untröstlichen in seinem neuen Krimi

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Friedrich Anis neuer Kriminalroman „All die unbewohnten Zimmer“ erscheint am Montag - und ist ein kleines Wunder.

Die stetige Begleiterin von Friedrich Anis Werk schüttelte vor Wochen ob der Verlagsankündigung leise zweifelnd den Kopf, der neue, am Montag erscheinende Roman des Münchner Autors bringe (fast) alle seine Ermittler zusammen: Tabor Süden, der in vielen „Süden und ...“-Romanen Verschwundene suchte; Polonius Fischer, der Mönch war, ehe er Morde aufklärte; Fariza Nasri, die strafversetzt wurde; Jakob Franck, Überbringer schlimmer Nachrichten, der seinerseits von den Toten besucht wird. Das kann doch nur, dachte die Leserin, etwas Zusammengewürfeltes und auch Erzwungenes ergeben, wenn die bisher getrennt Wohnenden nun quasi zusammenziehen müssen auf einem halben Tausend Seiten.

Aber so einerseits scheinbar ganz zufällig, andererseits organisch greifen Handlungsstränge ineinander, so einleuchtend begegnen sich die Ermittler und anderen Figuren aus älteren Ani-Romanen, werden Erinnerungen und Rückblenden eingefügt, gibt es kühne Sprünge und Auslassungen (doch, ein bisschen aufpassen muss man schon), dass „All die unbewohnten Zimmer“ als kleines Wunder bezeichnet werden kann. Friedrich Ani ist hier ein meisterhafter Puppenspieler, die Dramaturgie seines Kriminalstücks ist unauffällig und doch behält er alle Fäden in der Hand. Am Anfang tritt Tabor Süden auf und man sieht ihn – wo kommt der so plötzlich her? – durch die Augen der verwirrten Fariza Nasri. Irgendwann steht Süden an einer Bahnhofstheke neben Franck – aber sie kennen und erkennen sich da noch nicht, denken nur jeweils über diesen anderen Kerl nach. Das passiert wie nebenbei.

Friedrich Ani: All die unbewohnten Zimmer. Roman. Suhrkamp, Berlin 2019. 296 S., 22 Euro.

Denn überhaupt ist ja Friedrich Ani der Schriftsteller des umfassenden Nebenbei. Wie hätte er sich sonst in mehr als 20 Romanen für Tabor Süden entscheiden können, der nicht Beamter einer Mordkommission ist, sondern „nur“ einer Vermisstenstelle, später dann Privatermittler im Fall von Personen, die verschwunden sind. Immer begibt er sich auf eine penible Spurensuche, auf Seitenwege, immer sind es auch die Kleinigkeiten im Leben dieser Untröstlichen, sich darum Entziehenden, die endlich jemand beachtet und zu deuten versucht. Im echten Leben würden sie einem wahrscheinlich gar nicht auffallen, diese meist stillen, oft grauen Leute. In Anis Romanen bekommt man ein Gefühl für sie.

Es gibt nun, im für Ani ungewöhnlich dicken neuen Band, zwei Fälle. Im einen kommen die zunächst ermittelnden Beamten nicht weiter, werden abgelöst, hat das neue Team nur deswegen schnell Erfolg, weil da einer bei ihnen reinspaziert und sagt: Ich war’s, ich hab den jungen Polizisten erschlagen. Beim anderen – eine Frau ist erschossen, ein Polizist, der auf einer Bank saß, angeschossen worden – tun sich die Zuständigen ebenfalls schwer, brauchen Geduld. Das muss schon deswegen so sein, weil Friedrich Ani bei seinen Figuren und ihren Motiven keine Abkürzungen nimmt, sie so unberechenbar sind, als hätten sie ein richtiges Leben und nicht nur eines auf Papier.

Anis München ist keine Stadt, die leuchtet. Er lässt Rechte und Rassisten aufmarschieren und hämisch den Schutz der Polizei einfordern vor den Gegendemonstranten. Er lässt Polizisten sympathisieren. Und Ratlose, die eigentlich gern das Richtige machen würden, in Kneipen versacken. Menschen empfinden sich als Rädchen und sind es auch. Manchmal kümmert es niemanden, was aus ihnen wird. Manchmal haben sie immerhin einen anderen, an dem sie sich ein wenig festhalten können.

Der Roman bewegt sich in Kreisen, Rückblenden, Perspektivwechseln – und zieht einen doch weiter. Und noch weiter. Anis Cliffhanger sind dezent, aber wirkungsvoll. In einem Netz aus Andeutungen werden die Lücken von ihm mit raffinierter Sparsamkeit gefüllt. Friedrich Ani ist auch auf 500 Seiten nie geschwätzig, seine Dialoge scheinen zu schlendern, auch sie wirken absichtslos, und bringen doch auf den Punkt oder schaffen mit wenigen Sätzen Atmosphäre. Sein München leuchtet zwar nicht, aber es lebt und öffnet einem die Augen für all das Nebenbei.

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