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Die Unterwelt der Verhungerten

Zwei Bücher untersuchen, wie die Katastrophen des Nahrungsmangels von Menschen verursacht werden

Von Bruno Preisendörfer

Im Alphabet der Gefühle des italienischen Schriftstellers Goffredo Parise gibt es eine vierseitige Erzählung mit dem Titel "Fame" (Hunger): Unter den Augen eines Fotografen errichtet ein bis auf die Knochen abgemagertes Kind mit unendlicher Mühe einen kleinen Reisighaufen. Der Fotograf zündet den Haufen mit seinem Feuerzeug an, und das Kind röstet eine aufgespießte Maus. Die erfundene Szene findet in Biafra statt, einer von 1967 bis 1970 dauernden Abspaltung von Nigeria im Delta des Niger. Obwohl als politische Einheit verschwunden, ist Biafra als Sinnbild des Hungers im medialen Gedächtnis präsent geblieben. Diese Katastrophe wurde zur ersten fernsehgerecht "aufbereiteten" Hungersnot. Die Bilder von zusammengekrümmten Kinderskeletten, von aufgequollenen Bäuchen und riesigen Entsetzensaugen wurden zu massenmedialen Referenz-Ikonen, zu bis heute gültigen Prototypen der Bildproduktion in "afrikanischen Krisengebieten".

Die massenmediale Darstellung des Hungers in "Biafra"-Gestalt verbirgt jedoch mehr, als sie enthüllt. Hinter dem Einzelbild und der Einzelszene verschwindet das komplizierte alltägliche Katastrophengeschehen, dessen Rang auf der Erschütterungsskala dann mit dem statistischen Millionenspiel der Totenschätzung bekräftigt wird. Die Wirklichkeit jedoch findet zwischen den Abstraktionen der Statistiker und den Einzelbildern der Reporter statt, und sie geht weiter, nachdem die Berechnungen beendet, die Fotos und Filme gezeigt, die Erschütterungen verebbt sind.

Wie überaus komplex diese Wirklichkeit ist, führt der in Innsbruck lehrende Wirtschafts- und Sozialhistoriker Josef Nussbaumer in Gewalt.Macht.Hunger vor, das jetzt als dritter Band seiner Weltchronik der Katastrophen veröffentlicht wurde. In diesem Hungerbuch fehlen weder die Bilder noch die Zahlen. Aber in erster Linie schult es den Blick dafür, was mit solchen Bildern und Zahlen angestellt wurde und weiterhin angestellt wird, von Biafra Ende der sechziger Jahre bis zu Zimbabwe im vergangenen Jahr.

Der historische Ausgriff Nussbaumers reicht jedoch bis 1845 zurück, als "The Great Famine" Irland verheerte. Diese Hungersnot wird bis heute zu den größten europäischen Naturkatastrophen gezählt - aber eine solche war sie eben nicht. Die Kartoffelfäule, die gewöhnlich als Ursache genannt wird, war nur ein Element in einem komplexen Geschehen, das mit der Unterdrückung und Ausbeutung der Iren durch England und durch das rückständige Pachtsystem in Irland selbst strukturiert wurde. Noch während der Hungersnot wurden Vieh, Geflügel und Butter von Irland nach England gebracht, und selbst der Weizen, den auf dem Höhepunkt der Not englische Hilfsorganisationen den Iren spendeten, war ein Re-Import: In Irland erzeugt, nach Endland verschifft und dann als Hilfe nach Irland zurück gebracht.

Die irische Hungersnot ist das erste, gut dokumentierte Beispiel für eine nicht von "der Natur", sondern von Menschen gemachte Nahrungskatastrophe. Seitdem gilt die Regel, und sie gilt ohne auch nur eine einzige Ausnahme bis heute: Hungersnöte werden nicht durch Dürren oder Überschwemmungen, die beiden häufigsten Krisenfälle, monokausal verursacht, sondern sind "menscheninduziert", wie es im Expertendeutsch heißt.

Die Grundmuster dieser "Induzierungen" sind vergleichsweise überschaubar: der Krieg, einschließlich der zur Zeit in Afrika geführten inneren Beutekriege; der machtpolitisch kalkulierte Einsatz der Bevölkerung als Hungergeisel zur Erpressung internationaler Nahrungshilfe, wie es in Biafra und später in Äthiopien und dem Sudan geschehen ist; die mit der Ausrottung des "Klassengegners" verbundene Zwangskollektivierung, am extremsten ausgeprägt in der Ukraine Anfang der dreißiger Jahre; die kommunistische Modernisierungsdiktatur in der Art von Maos "Großem Sprung" Ende der fünfziger; und schließlich, auch diese Ursache muss groß geschrieben werden, das Verteilungs- und Steuerungsversagen des Marktes in Situationen schnell sich verschlimmernder Knappheit.

Für alle diese Szenarien führt Nussbaumer Beispiele an. Und es hätte der angestrengten Rhetorik, mit der zu Beginn eines jeden Kapitels das "riesige Labyrinth der Unterwelt der Verhungerten" beschworen wird, gar nicht bedurft, um bei aller Verschiedenartigkeit der einzelnen Krisen das ihnen Gemeinsame hervortreten zu lassen: Hunger resultiert nicht aus Mangel an Nahrung, sondern aus Mangel an Zugang zu Nahrung.

Auch Isidor Wallimann und Michael N. Dobkowski, die in ihrem Sammelband Das Zeitalter der Knappheit ausrufen, dürften diesem Befund im Großen und Ganzen zustimmen, auch wenn die Einzelanalyse nicht gerade die Hauptstärke ihres Bandes ist. Selbst von den vier Aufsätzen des Kapitels "Fallstudien über Knappheit und Massensterben" behandelt nur einer wirklich einen konkreten "Fall", nämlich den Völkermord in Ruanda Mitte der neunziger Jahre.

Die übrigen Beiträge befassen sich eher allgemein mit dem kurz bevorstehenden Kollaps der globalen Industriegesellschaft. Schon in der Einleitung beschwören Wallimann und Dobkowski vier Faktoren, aus deren Zusammenwirken eine geschichtlich einzigartige Bedrohung resultiere: "Bevölkerung, Ackerland, Energie und Tragfähigkeit der natürlichen Umwelt. Zwischen ihnen bestehen so enge Beziehungen, dass sie ein komplexes System bilden, dessen Gleichgewicht noch nie so gefährdet und gleichzeitig so wichtig für unser Überleben gewesen ist."

Das Stichwort "Bevölkerung" wird nicht grundlos an erster Stelle genannt. Der ganze Band ist mit wenigen Ausnahmen (dazu gehört der Beitrag über Ruanda) auf das Problem des Bevölkerungsanstiegs fixiert. Und zwei der Autoren machen ohne Zögern Vorschläge, die als biopolitischer Totalitarismus gebrandmarkt werden müssen. Die geforderte Einführung sogenannter "Geburtslizenzen" würde die Kontrollmacht des Staates über "seine" Individuen buchstäblich bis in den Uterus vorantreiben. "Die Idee ist", schreibt Craig Dilworth, Dozent für Philosophie in Schweden, "dass jede Frau von ihrem Staat das Recht bekommt, eine bestimmte Anzahl von Kindern zu haben."

Diese Geburtslizenz, meint der Philosoph, "könnte zum Beispiel bei 1,4 Kindern liegen. Wenn eine Frau zwei Kinder haben wollte, müsste sie in diesem Fall von jemand anderem sechs Zehntellizenzen kaufen oder als Geschenk erhalten." Derart abstruse Gedankengeburten (vielleicht sollte man dafür beschränkende Lizenzen ausgeben) sind ein Beispiel dafür, wohin die Attitüde der Verzweiflung bei Wohlgenährten führen kann.

Das Bevölkerungswachstum gehört neben Dürre und Überschwemmung zu den in der Öffentlichkeit am häufigsten diskutierten Klischees über die Auslöser des Hungers. Bei Nussbaumer wäre jedoch nachzulesen, dass die "Übervölkerung" ebenso wenig wie die Dürre oder die Überschwemmung eine Kausalursache von Hungerkrisen ist. Dieses unerhört hartnäckige Klischee ist von Wissenschaftlern in zahlreichen Fallstudien widerlegt worden, zum Beispiel durch die Untersuchungen von Amartya Sen, Wirtschaftsnobelpreisträger von 1998.

Damit soll freilich nicht gesagt sein, dass die Bevölkerungsentwicklung kein Problem ist. Viele Beiträger (die einzige Beiträgerin durfte über die "Feminisierung von globaler Knappheit" schreiben) des Sammelbandes von Wallimann und Dobkowski machen es sich aber mit ihrem untergänglerischen Reduktionismus zu leicht. Immerhin erfahren wir von Chris H. Lewis, wann es losgeht mit dem Untergehen: "Ich vermute, dass der endgültige Zusammenbruch" der globalen Industriegesellschaft "irgendwann zwischen 2010 und 2050 erfolgen wird."

Im Vorwort zu Das Zeitalter der Knappheit schreibt der amerikanische Holocaustforscher John K. Roth: "Jeder Artikel in diesem Buch enthält genug Grund zum Verzweifeln." Ja, nickt da der Rezensent, das kann man wohl sagen. Auch in Nussbaumers Gewalt.Macht.Hunger gibt es rhetorische Fehlleistungen, und sicher bewegt sich dieses Buch mit seinen typografischen Schrulligkeiten ("UNterWELTen") eher am Rand des akademischen Geschäftsbetriebs.

Seine Leistung besteht aber in der massierten Zusammenstellung verschiedener Hungerkrisen und ihrer Verläufe, die rasches Vergleichen möglich macht. Man könnte es als "kleine Wahrnehmungsschule des Hungers" bezeichnen. Zwischen den statistischen Zahlen mit ihren großen Schwankungsbreiten, die Nussbaumer jedes Mal akkurat verzeichnet, und dem aufs Schockskelett reduzierten Hungerbild im Biafra-Stil, kann man hier lernen, wie Gewalt, Macht und Hunger zusammenhängen.

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