Die einzigartige Inger Christensen (1935-2009).
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Die einzigartige Inger Christensen (1935-2009).

Dänische Lyrik

Unterwegs mit Erlkönigs Tochter

  • vonMichael Braun
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„Licht überm Land“: Eine Grand Tour durch die dänische Poesie.

Wer in das Reich des sagenhaften Erlkönigs eintritt, begibt sich bekanntlich in akute Lebensgefahr. Die dänische Volksballade, die bis heute zu den populärsten Dichtungen des Landes zählt, berichtet von dem Unglück eines „Herrn Oluf“, der sich von der Tochter des Erlkönigs zum Tanz verleiten lässt und am nächsten Morgen tot aufgefunden wird.

Johann Gottfried Herder übersetzte sie 1778/79 ins Deutsche und nahm sie in seine Volkslieder-Sammlung auf, Goethe nutzte sie ein paar Jahre später als Vorlage für seine vielfach zitierte „Erlkönig“-Ballade. Dass die poetische Wirkungsgeschichte des dänischen Volkslieds bis in die Gegenwart reicht, zeigte sich 1992, als sich Sarah Kirsch als Wiedergängerin von „Erlkönigs Tochter“ vorstellte: „Ich Erlkönigs Tochter hab eine/Ernsthafte Verabredung mit zwei /Apokalyptischen Reitern im Watt“.

Dreißig Jahre nach Sarah Kirschs Liebeserklärung an die Naturgeister der dänischen Ballade steht nun „Erlkönigs Tochter“ am Anfang der imposanten Anthologie „Licht überm Land“, die zum ersten Mal überhaupt die dänische Poesie vom Mittelalter bis zur allerjüngsten Gegenwart in ihren wichtigsten Zeugnissen in deutscher Sprache dokumentiert. Was der Übersetzer und Literaturkritiker Peter Urban-Halle hier gemeinsam mit dem 2018 verstorbenen Literaturvermittler Henning Vangsgaard zusammengetragen hat, ist ein starkes, überwältigend materialreiches, ja unverzichtbares Stück Lyrikgeschichte.

Von den insgesamt 154 dänischen Lyrikerinnen und Lyrikern und den neun anonymen Verfassern werden hier über zwei Drittel der Texte zum ersten Mal in deutscher Sprache präsentiert. Hier ist eine editorische Pioniertat zu besichtigen, für die es nur wenige Vorläufer gibt. Einmal abgesehen von den prägenden Übersetzungsarbeiten des großen Hanns Grössel (1932-2012), dem wir letztlich die Präsenz der einzigartigen Inger Christensen in Deutschland verdanken, und abgesehen von den Übersetzungen der Weltpoeten Klaus Rifbjerg und Peer Højholt, für die Urban-Halle selbst gesorgt hat, gab es in den vergangenen Jahrzehnten hierzulande kaum Publikationsorte für dänische Lyrik.

Das Buch:

Peter Urban-Halle /Henning Vangsgaard (Hg.): Licht überm Land. Dänische Lyrik vom Mittelalter bis heute. Hanser 2020, 490 S., 36 Euro.

Mit dieser Dürre der Überlieferung mag es zusammenhängen, dass Hans Magnus Enzensberger im Zusammenhang mit der dänischen Poesie einmal vom „Gesetz der kulturellen Verspätung“ gesprochen hat. In seinem Essay „Gulliver in Kopenhagen“ beschrieb Enzensberger 1963 die sehr zögerliche Entfesselung der poetischen Moderne in Dänemark. Im 20. Jahrhundert hätte sich die dänische Moderne nur sehr langsam der „Trägheit des Bestehenden“ widersetzt. Als heftigster Protagonist des Modernismus sei dann Klaus Rifbjerg aufgetreten, der in den 1960er Jahren den größten Literaturskandal Dänemarks „seit Menschengedenken“ provoziert habe.

Wer diese mehr als fünfzig Jahre alte Diagnose Enzensbergers mit der Realität dänischer Poesie in der vorliegenden Anthologie vergleicht, wird nun durch zahlreiche angriffslustige, experimentierfreudige und ästhetisch explosive Gedichte aus der Zeit nach 1970 eines Besseren belehrt.

Dass Klaus Rifbjerg bei dieser entschiedenen Wendung der dänischen Poesie hin zur poetischen Moderne eine herausragende Rolle spielte, demonstriert in „Licht überm Land“ sein respektlos-lakonisches Gedicht „Terminologie“. Hier werden die alten Topoi der Poesie – Natur, antiker Mythos, Liebe, Hymnus usf. – lässig durchgewunken und das Ende aller erhabenen Gesten diagnostiziert: „Ja, ja, ja, ich komme jetzt/ zu euch runter/ Wörter./ Trompete: ausgeblasen./ Wald: verwelkt./ Karyatide: antik./ Liebe: Lüge./ Halleluja: Rülps./ Poesie: Wo ist mein Bruchband?“

Die alten Verzauberungsposen werden auch in anderen Gedichten des Bandes vom Tisch gefegt. So etwa im Bekenntnis von Nicolaj Stochholm, der sich erklärtermaßen das Recht nimmt, „ins Blaue hineinzuschreiben“: „Ich will totale Verwirrung, Wahrnehmungsvermengung und/ Begriffszerfall. Ich will das Gedicht von der Weltwehrpflicht getrennt sehen./ Das Gedicht ist ein Thron der Unverständlichkeit, auf dem / der Alchimist alias das Ich alias wer auch immer sitzt und mit seinen/ Kolben und seiner kopflosen Konstruktion spielt.“ An Gedichten, die von dieser Frische und Respektlosigkeit des Tons befeuert werden, herrscht in „Licht überm Land“ kein Mangel.

Zur unglaublichen Leistungsbilanz dieser Textsammlung gehört auch der Umstand, dass Peter Urban-Halle über ein Drittel des gesamten Gedichtkonvoluts selbst übersetzt hat, flankiert von kundigen Übersetzern wie Heinrich Detering, Lutz Volke oder Monica Wenusch. Zu den stillen Pointen der Anthologie gehört die Entscheidung, Florian Voß’ Übertragung von Inger Christensens Weltpoem „alfabet/alphabet“ den Vorzug zu geben vor Hanns Grössels kanonischer Übersetzung.

Das frechste Textstück, mit dem uns die „Licht überm Land“-Anthologie konfrontiert, ist nicht zuletzt eine coole Christensen-Kontrafaktur des 1968 geborenen Lars Bukdahl. Er mokiert sich mittels parodistischer Banalisierung über Christensens Reihungstechnik: „1. das aprikosenmus gibt es, das aprikosenmus gibt es/ 2. Villy Breinholst gibt es, und brummbässe, braunbären/ die cigarren gibt es; cigarillos, christian IV. / 4. die dingsbumse gibt es, dösköppe, duckmäuser ...“

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