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Unterwegs auf leisen Schwingen

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Von: Olaf Velte

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Dem Blick der Eule kann sich keiner entziehen.
Dem Blick der Eule kann sich keiner entziehen. © REUTERS

Der britische Zoologe Desmond Morris porträtiert zuneigungsvoll die Eule, das unbekannte Wesen. Auch in deren "Gewölle" wühlt er mit Hingabe.

Ein Dorf im Taunus, irgendwann, vor Jahrzehnten. Morgens sitzt eine Schleiereule inmitten der aufgeregten Hühnerschar, blickt dem eintretenden Menschensohn geradewegs ins Gesicht. Eine seltsame Begegnung, zeitenthoben, befremdlich. Lange saß das mittlerweile ausgestopfte Tier im dunklen Hausflur, überdauerte des Menschen Geschick. Heute, im Hause der Nachfahren, sucht jeder Blick das rätselhafte Antlitz des einst tödlich verirrten Wesens.

Kein Mensch, der sich dem Eulenhaften entziehen, den Blick abwenden kann. Auseinandersetzung bei jedem Aufeinandertreffen. Warum uns die 200 Arten zählende Gattung immerzu herausfordert, ist Thema des schmalen Bandes „Eulen“ – herausgegeben in der Reihe „Naturkunden“ bei Matthes & Seitz.

Ein Erlebnis sehr persönlicher Natur brachte den britischen Verhaltensforscher und Publizisten Desmond Morris an den Schreibtisch. 1942 tötet er eine schwerverletzte und blutüberströmte Eule mit einem Stein – „dieses Buch habe ich vielleicht geschrieben, um den Tod der Eule am Feldrand in Wiltshire wiedergutzumachen“. Archaische Geworfenheit ist nicht weit weg, wenn Strigiformes uns berührt.

Ein Mysterium geblieben

Als „Widerspruch in sich“ ist der in freier Wildbahn nur selten anzutreffende Vogel ein Mysterium geblieben. Morris zählt die Zuweisungen alle auf und widmet sich ihnen in wunderbar leichter Diktion: Die Eule als die Weise oder Böse, Wächter und Reittier, als Ausdruck von Starrsinn oder Gleichmut. Ungezählt die Legenden, in denen nicht selten Übernatürliches wirken darf. Shakespeare, als einer von vielen, hat sie zu Boten großen Unglücks bestimmt: Während Macbeth meuchelt, darf die Eule „grässlich gute Nacht“ wünschen.

Und es reißt nicht ab: Die Abenteuer von „Harry Potter“ sind ohne Beteiligung der Geheimnisvollen nicht denkbar.

Höhlenmalereien geben Auskunft, wie lange der gespenstisch lautlos streifende Nachtjäger unsere Sinne schon beschäftigt. Dass die alten Griechen den Eulen gehuldigt, sie ihrer Göttin Athene an die Seite gegeben und mit Weisheit beschieden haben, hat für die danach kommenden Epochen kein Glück gebracht. Als „Hexenvogel“ geistert das unverwechselbare Geschöpf durch tiefschwarze Zeitalter, muss herhalten für jedes Übel, wird zur Abschreckung an Scheunentore genagelt.

"Eulen nach Athen" und mehr

In dem hervorragend bebilderten und in angemessen dunklem Braun gehaltenen Kleinoktav-Format – immerhin Nummer 13 innerhalb der Reihe! – wird auch auf die Herkunft altbekannter Sprichwörter eingegangen. Wir tragen beileibe nicht nur „Eulen nach Athen“. Trotz aller Zuschreibungen ist das meist standorttreu und monogam lebende Tier – „wissenschaftlich betrachtet“ – nicht zu den klügsten der Vögel zu rechnen.

Die Eule, hierzulande auch gerne als „Kauz“ bezeichnet, lebt seit ewigen Zeiten in bewährter Weise: Nächtliche Aktivität wechselt mit erholsamer Tagesruhe.

Auch im „Gewölle“ wühlt Zoologe Morris mit Hingabe. Was der Vogel als Ganzes hinunterschlingt, birgt Probleme: Unverdauliches muss nach Stunden, zu einem „Speiballen“ verschleimt, hervorgewürgt werden – beliebtes Forschungsmaterial für Wissenschaftler. Dass die meisten Eulen-Arten trotz weltweiter Naturzerstörungen in ihren Beständen noch nicht gefährdet sind, ist tröstlich.

Was also ist es, das uns beunruhigt und beglückt, erschreckt und anregt? – Es ist ein menschenähnliches Antlitz, das mit seinen unvergesslichen Augen zur Auseinandersetzung zwingt. Eine Kreatur der Nacht, unterwegs auf leisen Schwingen, alles rundum wahrnehmend. Etwas Nahes, etwas Fremdes. Verwandt und unerklärlich.

Desmond Morris: Eulen. Ein Portrait. A. d. Engl. von Meike Herrmann u. Nina Sottrell. Matthes & Seitz, Berlin 2014. 167 Seiten, 18 Euro.

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