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Unterm Papier zuckt das Leben

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Ein Pianist verschwindet: Nur eines von vielen Ereignissen in Eduardo Halfons auf jeder Ebene hochinteressanten Roman "Der polnische Boxer".
Ein Pianist verschwindet: Nur eines von vielen Ereignissen in Eduardo Halfons auf jeder Ebene hochinteressanten Roman "Der polnische Boxer". © REUTERS

Eduardo Halfons abgründiger Roman „Der polnische Boxer“

Von Ulrich Seidler

Der Kritikerkollege vom Guardian hat sich einen hartnäckigen Husten eingefangen, weil in dem Buch so viel geraucht wird. Dazu muss er natürlich vorher eine hypochondrische Nervenschwäche entwickelt haben, die ihm erlaubt, Wirklichkeit und Literatur zu verwechseln.

Gefährliche Sache, diese Literatur! Und damit sind wir mitten in dem Spiel, das der geniale Eduardo Halfon mit „Der polnische Boxer“, seinem „Roman in zehn Runden“, treibt. Das Attribut genial entstammt übrigens Halfons eigenen, verklausulierten, aber doch zutreffenden Angaben, die weiter unten noch als Zitat Eingang in den Text finden werden.

Der 1971 in Guatemala geborene Halfon, der als Zehnjähriger mit seinen Eltern in die USA auswanderte und nach einem Wirtschaftsingenieursstudium zurückkehrte, lehrte acht Jahre lang Literatur – wie sein gleichnamiger Ich-Erzähler. Auch sonst teilen die beiden so einiges miteinander, unter anderem die jüdische Abstammung. Wie zuverlässig die autobiografische Substanz seiner zehn schwebend zu einem Roman komponierten Erzählungen ist – diese Frage muss zurückgestellt werden.

Denn: „Literatur ist bloß ein guter Trick, um die Wirklichkeit vollständig erscheinen zu lassen, um vorzutäuschen, die Wirklichkeit sei eins und in sich abgeschlossen.“ Oder: „Die Literatur, hat Plato geschrieben, ist eine Täuschung, aber der, der uns täuscht, ist ehrlicher, als der, der das nicht tut, und wer sich täuschen lässt, ist klüger als der, der das nicht zulässt.“

Solche Sentenzen legen den Verdacht nahe, dass der echte Halfon doch ganz gern doziert, auch wenn der literarische Halfon mit resignierter Arroganz auf seine Studenten herabblickt, die ohnehin kein Interesse an der Literatur haben, sondern nur aus Prestigegründen von den Eltern an die Universität geschickt wurden.

Oder ist sie doch wirklich, diese Resignation? Meint er uns Leser? Sind wir zu dumpf und zu doof für die Literatur Eduardo Halfons? So wie die nach frisch geborenen Welpen stinkenden Studenten für Poe, Maupassant, Joyce und Tschechow?

So wird durch den Dozenten auch dem Leser vermittelt, wie er zu lesen habe: „Wir müssen unsere Kriterien schärfen, sagte ich, etwas analysieren und zusammenfassen, das kann man üben, wir dürfen nicht bloß irgendwelche Meinungen von uns geben. Man muss lernen, über die Wörter hinaus zu lesen.“

Halfons Meinung nach mache nämlich „genau das den Unterschied zwischen einem Schriftsteller und einem genialen Schriftsteller aus: Dass Letzterer imstande sei, etwas zu sagen, um damit in Wirklichkeit etwas ganz anderes zu sagen, beziehungsweise die Sprache so zu verwenden, dass eine feine, flüchtige Metasprache daraus werde.“

Natürlich sprüht Halfon sicherheitshalber ganz viel fast schon sarkastische Selbstironie zwischen diese Aussagen, aber dennoch kann man so etwas nicht in einen Roman schreiben, ohne dem Leser damit den eigenen Anspruch unter die Nase zu reiben.

Es gibt neben dieser Unbescheidenheit und Arroganz noch so ein paar andere Dinge, die einem unsympathisch werden könnten an diesem oder jenem Halfon: Die Befriedigung, die er nicht verhehlen kann, wenn er die Bilder betrachtet, mit denen seine Freundin direkt „aus dem vaginalen Gedächtnis“ heraus das von Halfons Manneskunst verschaffte Orgasmuserlebnis auszudrücken und festzuhalten versucht.

Auch der schwer machohafte Hinweis darauf, dass es ihre rasierte Scham war, wegen der er nicht nein sagen konnte, soll uns offenbar ein bisschen abstoßen. Oder gar neidisch machen? Schließlich wird in dem Buch kaum weniger gevögelt als geraucht. Ist schon ein toller Hecht, der natürlich auch seinen Hemingway gelesen hat.

Das macht Laune

Allein auf dieser evidenten wortwörtlichen Ebene, also unterhalb der metasprachlichen, macht das Buch schon Laune. Es passiert auch viel – erst kommt ein junger Dichter abhanden, dann ein Roma-Pianist, und unser Halfon macht sich auf die Suche, die ihn – neben seinen Dienstreisen – durch Guatemala und die ganze Welt jagt. Auch die verschiedenen literaturwissenschaftlichen Grund- und Aufbaukurse, die Halfon einstreut, lohnen schon für sich die Lektüre.

Und doch ist das alles mehr als ein selbstreferenzielles Kunststück, zeichnet sich doch zunehmend die Melancholie, nein die Not ab, in die man gerät, wenn einem die Literarizität der eigenen Existenz aufgeht, wenn die eigene Identität zu rascheln, knistern und einzureißen beginnt wie Papier. Und darunter zuckt das nackte Leben.

Denn so unterhaltsam-haltlos, so locker und abgehoben Eduardo Halfons Selbstbild sein mag, es ist nicht aus der Luft gegriffen. Oft ist es nur ein Satz oder ein Bild in einem der Kapitel, der ins narzisstische Geplauder hackt und ihm eine festere Bedeutung gibt: Die eintätowierte Nummer auf dem Arm des Großvaters. Die Erschießungswand in Auschwitz. Der polnische Boxer, der dem Großvater verraten hat, wie er den Mördern im Verhör antworten soll, damit sie ihn verschonen.

Worte retten Leben. Dies jedoch stellt sich als eine Lüge heraus. Aber nur dann, wenn wir so dumm sind, dem Erzähler zu glauben.

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