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Vor Gericht: K. denkt noch, er könnte sich verteidigen.

Bad Hersfelder Festspiele

Untergang und Unterhaltung

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Die Bad Hersfelder Festspiele eröffnen mit Kafkas „Prozess“ in munterer, aber nicht verfehlter Manier.

Die „Melsunger Allgemeine“ fasste die Lage in Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ vorab folgendermaßen zusammen: Ein unbescholtener Bürger gerate in die Mühlen des Gesetzes. Das stimmt völlig, andererseits lastet gerade die Frage der Unbescholtenheit bald bleischwer auf dem berühmten Josef K., der das wohl gerne, aber inzwischen völlig verunsichert in der Zeitung lesen würde. Es ist diese von ruchlosen und nicht einmal besonders hellen Gesellen an ihn herangetragene, in K. garstig schnell sich ausbreitende Beunruhigung, die zur Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele eine quicklebendige Inszenierung dunkel grundiert. Oder umgekehrt: Gerade ihre Unterhaltungs- und Schauwerte werfen ein grelles Licht auf die fatale Lage K.s, dessen bisher doch zu Recht für stabil gehaltener Lebenslauf rasend schnell auseinanderfliegt (in Echtzeit zwischen 21 und 0 Uhr, 0.15 Uhr, wenn das Publikum trödelt).

Alle wursteln, plappern und spielen fidel vor sich hin, während Ronny Miersch mit einer Intensität, die auf der Großbühne der Stiftsruine eine erhebliche Leistung darstellt, den Untergang eines Menschen zeigt. Regisseur und Festspielleiter Joern Hinkel lässt das Ende offen und den inzwischen ganz verhärmten Miersch nach der Lektüre des Urteils ausgetüftelt vage ins Publikum lächeln, aber wer in der Schule aufgepasst hat, weiß, dass K. das nicht überleben wird.

Schau- und Unterhaltungswerte: Gigantomanische schwarze Aktenschränke auf Jens Kilians Bühne können rasch verschoben werden, dann zeigt sich nach hinten die schaurige Tiefe der steinernen Kulisse und ist zum Beispiel das Großraumbüro der Bank, bei der K. bisher zufrieden, emsig und sogar ziemlich erfolgreich gearbeitet hat. Sein Schlafzimmer und sein eigenes kleines Büro ist ein Glaskasten, ein ausgesprochen offensichtliches Signal für den hier herrschenden dramatischen Mangel an Privatsphäre – ein von Hinkel nach vorne geschobener, aktueller Aspekt, der noch durch eine Schar allgegenwärtiger Paparazzi betont wird. Auch Maler Titorelli (Thorsten Nindel, der Zorro aus der „Lindenstraße“) ist in Hersfeld vor allem Fotograf. Er handelt nebenbei mit Fotos, die Prominente in eindeutigen Situationen mit dafür viel zu jungen Mädchen zeigen (die Mädchen beim Ringelreihen: eine finstere kleine Szene). Aber aus dieser Kombination aus offensiver Bebilderung und undurchsichtiger, weitgehend unsichtbarer Bedrohungslage schlägt Hinkel Funken.

Dabei können die Szenen disparat sein und den unterschiedlichen Darstellertypen und Prominenten – eine unterhaltsame Verrücktheit im großangelegten Sommertheater – jeweils ein Forum geben. Marianne Sägebrecht ist zum Beispiel eine ausgesprochen anrührende Haushälterin Grubach, und alles Rustikale, was man mit ihr verbinden könnte – immer schon zu Unrecht –, verweht und macht einer defensiven, zarten und scheuen Randfigur Platz, die unter der Situation fast ebenso leidet wie der unglückliche K.. Dieter Laser als fundamental unseriöser Anwalt Huld macht sich einen Spaß daraus, einen Filou im roten Seidenpyjama (schmucke, zeitlich unverbindliche Kostüme: Kerstin Micheel) und mit zombiehaft ramponierter Stimme sowie Bewegungsapparatur zu spielen. Es ist, als käme Huld aus einem anderen Genre, aber auch hier passt das Zerfahrene zum Gruselstück, das K. erlebt.

Die gesundheitlich stark angegriffene Ingrid Steeger kann ihre Fragilität als suizidales Fräulein Montag nutzen. Sie bringt auch den äußerst lose an das Geschehen angebundenen Klimbim-Satz „dann mach ich mir ’nen Schlitz ins Kleid und find es wunderbar“ unter und bekommt den Szenenapplaus des Abends. Maria Radomski ist eine genießerisch strenge Aufseherin, die die gewaltbereiten Hilfsburschis Franz und Willem, Thomas Maximilian Held und Markus Majowski, mit kalter Freude schikaniert. Auch hier ist Hinkel dem Text auf den Fersen, seiner boshaften, sexuell konnotierten Seite.

K.s Verlobte schließlich, Corinna Pohlmann, bringt als Sängerin einen Hauch von „Babylon Berlin“ ins Spiel. Jörg Gollasch hat ihr zwischen Schlagermusik und Moderne mäandernde Songs geschrieben. Die aus einem nervösen Pulsieren sich allmählich entwickelnde Musik ist auch ansonsten ein Gewinn. Und selbst der schöne Sommerhimmel entwickelt in der späten Dämmerung eine bleierne Färbung.

Bad Hersfelder Festspiele in der Stiftsruine: „Der Prozess“ ist bis zum 30. August zu sehen, mit unterschiedlichen Anfangszeiten (bald auch moderateren, um 20.30 Uhr nämlich).

www.bad-hersfelder-festspiele.de

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