Wie unter dem Vergrößerungsglas

Porträt des Verkorkstheits-Poeten als mitteljunger Mann: Der Bachmann-Preisträger Peter Glaser erzählt eine "Geschichte von Nichts"

Von ULRICH RÜDENAUER

Was Anfang der achtziger Jahre, als die Hipster der Republik ihre Jugend an die Nacht, die Musik und den Rausch verschwendeten, mit der Literatur los war, beschrieb Peter Glaser damals so: "Wenn ich im Ratinger Hof, der Düsseldorfer Wellen-Brutstätte, schreie: ?Literatur', rennen mehr Leute weg, als wenn ich schreie ?Polizei'." Glaser, Rainald Goetz & Co. wollten diesen verkorksten Zustand wieder umkehren - mit einer Literatur, die es zumindest ein wenig mit der Punkattitude der Musik aufnehmen konnte, die auf der Höhe des Diskurses und der Technologie war. Bei dem aus Graz stammenden Peter Glaser fingen die Maschinen zu rattern und zu reden an: Zumeist trat der elektronische Poet bei seinen Lesungen nicht selbst auf, sondern schickte Disketten und Kassetten. Die damaligen Zuhörer waren Zeugen ganz früher audiovisueller Computerexperimente, Kopplungen von Autor und Maschine.

Glasers neoavantgardistisches Manifest "Zur Lage der Detonation" gab die Richtung vor: Die Literatur sollte knallen, "selbstsicher" sein, "adrenalintreibend", "störend und ungehalten", "schnittig" und "schräg". Rawums lautete 1984 folglich der Titel eines Sammelbandes, in dem die jungen Wilden von Joachim Lottmann über den Maler Kippenberger bis zu Diedrich Diederichsen vereinigt gegen die "Langeweile" und "Lahmarschigkeit" der zeitgenössischen Schreiberei mobil machten und der nun, knapp zwanzig Jahre später, wiederveröffentlicht wurde. Eine wichtige archäologische Ausgrabung, die zeigt, dass die Popliteratur 1998ff. auch ein mehr oder minder aufregendes Retrophänomen gewesen ist. 1984 war schon einmal radikal etwas auf den Weg gebracht worden. Vor drei Jahren hätte der Warnschrei "Literatur" keinen jungen Zuhörer bei einer Stuckrad-Barre-Lesung schrecken können.

Der Hackerpionier Peter Glaser, der als Computerspezialist in den letzten zehn Jahren fast vollkommen im weltweiten Netz verfangen war, feierte beim Klagenfurter Wettlesen 2002 sein spektakuläres Comeback: Mit der Geschichte von Nichts wurde der 1957 geborene Autor von der Jury zum Bachmann-Preisträger gekürt; die Literatur hatte ihn wieder. Nun legt er ein außerordentliches, an sein früheres literarisches Schaffen anknüpfendes Buch mit Erzählungen vor, das genau so heißt wie sein preisgekrönter Text. Die fünf neuen Erzählungen verknüpfen sich zu einem Netzwerk: Motive kehren wieder, Figuren werden von einer Geschichte zur anderen von Rand- zu Hauptfiguren befördert. Dreieckskonstellationen bilden in mehreren Texten das geometrische Beziehungsmuster. Die in verschiedenen Ländern spielenden Geschichten ergänzen einander, ohne sich gegenseitig zu erklären. Es wird überhaupt wenig erklärt, vielmehr geschaut und erzählt: von Idiosynkrasien, vom verschrobenen Alltag, von Wahrnehmungsmaniacs, von leicht aus ihren Wirklichkeitszusammenhängen geworfenen Menschen.

Die Realität plustert sich auf, erscheint wie im Vergrößerungsglas. Die kleinen Dinge des Lebens nehmen eine verzerrte Gestalt an, sie irritieren und melden sich zu Wort. Es sind Details und verkorkste Helden, die Glaser interessieren, in denen seine Poetik und seine Poesie zu sich kommen. Lehneisen ist so ein Glaser-Held, der fast idealtypisch das Lebenskünstlerideal des Autors abzubilden scheint: Er ist ständig mit "bemerkenswerten Dingen" befasst, die weder einen Anfang nehmen noch ein Ziel finden. Lehneisen entwickelt ein Werkzeugkoffertheater und Stücke, die in einer Telefonzelle und in einem XXL-Pullover von einem Schauspieler für einen Zuschauer aufgeführt werden sollen. Weltentwürfe im Taschenformat.

In der Erzählung "das Dreikörperproblem", das Fischkorn, Nelson und Jannika zu lösen haben, gewinnen ebenfalls Kleinigkeiten überdimensionale Bedeutung: Fischkorn lauscht an die Küchenwand gelehnt der Musik, die aus einer Wohnung über ihm oder aus dem Nachbarhaus zu kommen scheint, und es dauert eine Weile, bis er merkt, dass die Geräusche nicht seinem Kopf entstammen. Er sitzt an die Wand geschmiegt, als habe er mit ihr "Vertraulichkeiten". Ein andermal recycelt er zusammen mit seinem Bekannten Nelson Tabak von auf der Straße aufgesammelten Zigarettenstummeln. Jeder einzelne Tabakkrümel wird genauestens auf seine mögliche Wiederverwertbarkeit hin inspiziert, über die beiden Männer kommt "etwas von Diamentensortierern".

Peter Glaser geht ähnlich behutsam mit jedem Wort um. Manchmal bringt das einen preziösen Ton in die Geschichten, meistens aber einen sehr präzisen. Dieser Sound verdichtet sich immer wieder zu schimmernden Sätzen, die zugleich das Prinzip der Erzählungen auf den Punkt bringen. "Als Fischkorn auf dem Nachhauseweg über ein Pflaster aus kleinen Kopfsteinen ging, begann das Muster der Fugen sich zu bewegen wie die Oberfläche einer glatten Pfütze, auf die ein Blatt gefallen war. Er nahm den Blick zurück ins Unscharfe, um zu sehen, wie die Steine sich regten." Das ist die Unschärferelation, mit der Glaser arbeitet: In der Wahrnehmung des Erzählers entwickeln die Dinge ein Eigenleben; sie kommunizieren.

Weite Räume öffnet die Titelgeschichte. Hier schreibt sich Glaser auf wenigen Seiten durch diverse Länder und lässt seine Helden um eine Leerstelle kreisen. Geschichte von Nichtshandelt von einer uneingelösten Sehnsucht: dass nichts geschehen möge, das zur Zerstörung des Glücks führen könnte. Ein glücklicher Tag sei einer, heißt es einmal, an dem nichts passiere. In der Geschichte aber passiert allzu viel: Die alte Tante des Ich-Erzählers verschwindet mit einem Caravan, er, ein Gagschreiber, folgt ihren Spuren, macht sich auf die Suche, die in rasantem Tempo vom Süden in den Norden führt, von Ägypten über Griechenland und Italien nach Deutschland. Nebenbei und doch in der Hauptsache wird von einer scheiternden Liebe erzählt. Die großen Weltkatastrophen bilden den kaum wahrnehmbaren Hintergrund dieser geheimnisvollen, beziehungsreichen Unglücks-Erzählung. Die Tante stirbt schließlich, die große Liebe zu Stella auch, und der Erzähler erkennt sich als absurden Helden, als Sisyphos, den es "hinaus in die kalte Weite des Weltraums" treibt. Stella leuchtet nicht mehr.

Das Schöne an der Realität sei, sagt der Ich-Erzähler, dass überall etwas ist. Das Nichts gibt es nicht, man kann es fortwährend umschreiben, aber niemals fassen. Überall ist etwas zu entdecken. Einmal erinnert sich der Erzähler daran, dass seine Tante in ihrer Wohnung in Kairo häufig am Fenster lehnend auf die Straße und die dort herumspazierenden Leute geschaut habe. Für das Kind, das der Erzähler damals war, schien das unbegreiflich langweilig. "Dann zeigte Tante Nelly mir, was es zu sehen gibt, und die offenen Augen gingen mir auf." Dem Neffen geht es ähnlich wie jenem Mann, dem in E.T.A. Hoffmanns "Des Vetters Eckfenster" das Sehen gelehrt und die "mannigfachste Szenerie des bürgerlichen Lebens" eröffnet wird. Beobachtung und Fantasie, Gesichtetes und Geschichte fließen ineinander. Es bedarf nur einer gesteigerten Aufmerksamkeit. Bei Peter Glaser verrückt sich die Wirklichkeit der Figuren, was mitunter sehr komische und absurde Effekte zeitigt. Die Muster der Dinge geraten in Bewegung, man wundert sich, dann wird der Blick ein wenig ins Unscharfe zurückgenommen - und siehe da, die Dinge regen sich wirklich. Ein unscheinbares Glück.

Welche Auswirkungen selbst die kleinste Unschärfe, die minimalste Veränderung haben kann, deutet Glaser in der Erzählung "Raumpflege" an. Drei Freunde manipulieren die Zahl Pi um ein Winziges und bringen diese in Großrechnern in Umlauf; Forschungszentren werden so erpressbar. Nelson, einer dieser drei Hacker, legt mit einem Trafo obendrein auf Computermessen für kurze Zeit die Zukunftsvisionen der Firmen und Technikfanatiker lahm. So schließt sich der Regelkreis: Als Teil des "Chaos Computer Clubs" gehörte Glaser in den achtziger Jahren tatsächlich zu jenen, die sich mit subtilen, subversiven Mitteln an der Zersetzung der technoiden Wunschträume großer Unternehmen und Institutionen versuchten. In seinen Erzählungen zersetzt er ebenfalls solche Fantasien und setzt das Fantastische des Alltags dagegen. Peter Glaser ist zurück in der Literatur, ganz "selbstsicher", "schräg" und auf keinen Fall "lahmarschig".

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion