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Unter dem Stalinstachel

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Ein Veteran des Zweiten Weltkriegs hält die Erinnerung an Stalin hoch.
Ein Veteran des Zweiten Weltkriegs hält die Erinnerung an Stalin hoch. © rtr

Andrzej Barts finstere Warschauer Novelle „Knochenpalast“ ist eine Satire über die polnische Hauptstadt zur Stalin-Zeit. Der Autor gilt als einer der geheimnisvollsten Künstler Polens.

Von Katrin Hillgruber

Laut Nachrichtenmagazin „Polityka“ handelt es sich bei Andrzej Bart um den geheimnisvollsten Künstler Polens. Derzeit ist das Mysterium mit der kantigen Brille und dem Bürstenhaarschnitt in Deutschland unterwegs. „Rewers“ heißt das Buch im Original, so wie der Schwarzweißfilm, auf dem es beruht – eine Satire über Warschau in der Stalin-Zeit. Die hinreißende Agata Buzek (ihr Porträt ziert auch den Umschlag) spielt die Hauptrolle der scheuen, doch, wenn es die Umstände erfordern, höchst couragierten Lyriklektorin Sabina. In der Regie von Borys Lankosz gewann die schwarze Komödie mehrere Preise, darunter auf der Berlinale, und war Polens Oscar-Beitrag 2009.

Warschau im Winter vor Stalins Tod am 5. März 1953, der einen wahren „Völkerfrühling“ auslösen wird: Fast täglich kommt die knapp dreißigjährige Sabina auf ihrem Weg durch die kriegsversehrte Stadt an der Baustelle des Kulturpalasts vorbei. Nach dem Vorbild der Moskauer Lomonossow-Universität soll das mit 231 Metern höchste Gebäude Polens entstehen. Der Volksmund nennt das Geschenk der Sowjets „Stalinstachel“.

Drumherum lebt die Bevölkerung in einem Klima der unbestimmten Angst und Repression. Dieses steigert sich zur Hysterie, als die Regierung dekretiert, dass Gold und Devisen abzugeben sind. Sabina, ihre resolute Mutter und die nicht minder willensstarke Großmutter besitzen noch eine goldene Dollarmünze mit der subversiven Prägung „Liberty“, ein Andenken an den Großvater, der sie von einem Pelzhändler in Sibirien erhalten hatte. Auf keinen Fall, beschließt der Familienrat, soll die Münze abgegeben werden, da man sich dadurch erst recht verdächtig machen würde. Doch jedes Versteck erscheint unsicher. Kurzentschlossen schluckt Sabina die Münze heimlich, im Vertrauen auf eine gut funktionierende Verdauung. Das ist das erste skurrile Element dieser Novelle, die mit ihrem Originaltitel „Rewers“ auf die zwei Seiten einer Medaille verweist, und sich bis zum Totschlag aus Notwehr steigert.

Jeder versucht, sich mit der sozialistischen Volksrepublik zu arrangieren: Bruder Arkadiusz, der Kunstmaler, porträtiert Sabina in seinem Dachatelier als Traktoristin, die Mutter bedauert die Verstaatlichung ihrer Apotheke. Sabina lädt den Dichter Wodzicki zu selbstgebackenem Kuchen ein, um ihn zu Korrekturen an seinen Poemen zu bewegen, da diese für die „neue Zeit“ zu traurig seien.

Heimlich schwärmt sie für Verlagsdirektor Barski, der eine Parade für den Weltfrieden vorbereitet. Die Lyrik-Lektorinnen sollen als Figurenläuferinnen mit Schlittschuhen auftreten: „Was ist denn Lyrik anderes als das Gleiten über Wolken? Ich dachte, ich tue Ihnen damit etwas Gutes. Sie sind jung, hübsch, in einem kurzen Rock können Sie wunderbar aufblühen… .“

Prägnante Dialoge lassen durchgehend die Drehbuch-Provenienz von Barts „Knochenpalast“ erkennen. Der Autor erzählt szenisch und gegenständlich – Kuchen, Himbeersaft oder ein alter Aufzug erfahren eine geradezu magische Präsenz. Dazu wechselt die Perspektive immer wieder, da die Geschichte fünfzig Jahre später im Rückblick geschildert wird, von eben jener Sabina, die inzwischen pensionierte Professorin ist und ihren Sohn am Flughafen abholt. Das Kind entstammt ihrer Affäre mit dem schönen Bronislaw. Er hatte sie eines Nachts gerettet, als sie bei einem Spaziergang überfallen wurde. Großmutter und Mutter sind glücklich, dass Sabina endlich unter die Haube kommen könnte, aber der Verehrer entpuppt sich als windiger Agent, der ihren Bruder mit Hilfe von Wodka ausfragt: „Das ist unsere polnische Schwäche, eingeimpft vom Kleinadel und dem Klerus.“

Seine Forschheit wird Bronislaw nicht gut bekommen, so viel sei verraten. Neben Andrzej Barts düsterem Romankunstwerk „Die Fliegenfängerfabrik“ (2011) erscheint „Knochenpalast“ als Nebenwerk. Es ist indes nicht minder von der giftgrün schillernden, maliziösen Ironie geprägt, mit der sich der 1951 geborene Schriftsteller und Filmemacher der jüngeren polnischen Geschichte annimmt.

Ins Deutsche übertragen wurden beide Werke von Albrecht Lempp, dem langjährigen Direktor der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und Nestor des nachbarschaftlichen Dialogs. Das Übersetzen hatte der gebürtige Stuttgarter bescheiden als sein Hobby bezeichnet. Der Slawist machte durch seine ansteckende Begeisterung für die polnische Literatur dem hiesigen Publikum Prosa-Solitäre wie Anna Bolecka, Jerzy Pilch, Stanislaw Lem oder Janusz Glowacki zugänglich. Im November 2012 starb Lempp 59-jährig in Warschau, dem Handlungsort des letzten von ihm übersetzten Buches: „Knochenpalast“.

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