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Ein Schnitter im äußersten Westen Irlands, wo bis heute mancher noch das gälische Irisch spricht.

Irischer Roman

Unter Schilling-Leichen

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Rastlos plappernde Tote: „Grabgeflüster“, ein Roman Máirtín Ó Cadhains in irischer Sprache von 1949, ist in herrlicher deutscher Übertragung erschienen.

Gabriele Haefs, bekannt vor allem durch ihre Übertragungen skandinavischer Literatur, hat auch Keltologie studiert und dürfte einer der wenigen Menschen auf der Welt sein, die man mit einer Übersetzung ins Deutsche von Máirtín Ó Cadhains 1949 erschienenem Roman „Cré na Cille“ beauftragen konnte, denn er ist auf Irisch geschrieben worden. Der Alfred Kröner Verlag hat das getan; das Vergnügen an der feinen Übersetzung ist nun genauso groß wie das an dem ziemlich verrückten Buch selbst. Denn „Grabgeflüster“ besteht nur aus direkter Rede, es schwatzen, quatschen, tratschen, plaudern und maulen, pöbeln oder kleinlauten in ihren Gräbern die Toten eines Dorfes (neue kommen im Verlauf hinzu – gerade waren sie doch noch oben). Sie reden über schiefe Schornsteine, geklauten Torf oder kranke Fohlen, „keifen genauso herum wie früher über der Erde“, gönnen sich nicht den Dreck unter den Fingernägeln oder seufzen: „Wenn ich noch ein bisschen länger gelebt hätte ...“

Der 1906 geborene, 1970 gestorbene Máirtín Ó Cadhain ist westlich von Galway in einer sogenannten Gaeltacht aufgewachsen, einer Gegend, in der das Gälische noch für viele, auch für ihn, die Muttersprache war. Er wurde Lehrer, verlor seine Stelle, da er sich in der Irisch-Republikanischen Armee, also im Freiheitskampf engagierte, war von 1940 bis 1944 interniert und trat in dieser Zeit aus der IRA wieder aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg durfte er zunächst im öffentlichen Dienst Übersetzer werden, 1956 erhält er eine Stelle am Trinity College Dublin.

Einige, aber nicht alle der ruhelos plappernden Toten werden in einer Übersicht aufgeführt, das hilft erst einmal, hineinzukommen ins wilde, scheinbar haltlose Gerede. Aber die Leserin merkt auch bald, dass die zu Anfang frisch beerdigte Caitríona das große Wort führt (und sie wird es bis zum Ende tun), eine hörbar unangenehme Person, die über der Erde mit den meisten in Feindschaft lebte und unter der Erde nicht verknusen kann, dass zum Beispiel ihre Schwester Neil noch oben ist und immer wohlhabender wird, denn „Neil könnte den Honig aus einem Bienenkorb locken“. Auch bei ihrer Schwiegertochter ist Caitríona erwartungsfroh: Gewiss doch wird die ständig Kränkelnde die nächste Schwangerschaft nicht überleben? „Der arme Pádraig wäre ohne sie besser dran“. Da Caitríona da unten aber (bis auf Weiteres) in allen Dingen enttäuscht wird, ist ihr beleidigter Refrain: „Ich platze gleich! Ich platze gleich!“

„Grabgeflüster“ ist eine unter die Erde verlegte Gesellschaftssatire, schwarz und saftig wie ein guter Acker, eine tolle, wortgewaltige Nölerei und Rempelei, ein Sing-Sang der Untröstlichen, die meilenweit entfernt sind von ein bisschen Ruhe und Frieden.

Die eine – Nóra, Mutter der kränkelnden Schwiegertochter Caitríonas – fühlt sich bald als „Kulturbeauftragte des Friedhofs“ und stellt sich für die „Fünfzehn-Schilling-Partei“ zur Wahl (diese könnte auch heißen: Die Bürgerlichen). Ihre Konkurrenten sind die von den Pfundleichen und Halbe-Guinee-Leichen Nominierten. Letztere halten durchaus kämpferische Reden: „Aber wir, liebe Mitleichen, sind die Partei der Arbeiterklasse, des Proletariats, der Kleinbauern, die Partei der Unfreien und der Pächter und der Strohdächer, die Partei der Enteigneten“.

Einer ist unter seiner Kiepe zusammengebrochen, einer mit dem Messer abgestochen worden, eine ins Feuer gefallen. Auch mit Schwindsucht und Tod im Kindbett ist man damals, als der Roman entstand, noch gut dabei. Aber keineswegs haben diese Toten abgeschlossen mit dem Leben. Sie streben nach Statussymbolen – den rechten Platz plus ein schickes (teures) Kreuz auf dem Grab. Und sie befragen jeden Neuankömmling so neugierig wie gierig, was denn oben so los ist. Denn die Erdboden-Schranke vermögen sie nicht zu durchbrechen. Wie wütend ist der Große Schulmeister (einst der Intellektuelle im Dorf), als er erfährt, dass seine Witwe da oben nun mit dem Postboten ...

Sie reden und reden. Und fluchen und schimpfen höchst originell „Meine Herren die Lerche!“ oder auf die, die im Nachbardorf „die Enten melken“. Brocken irischer Geschichte und Mythologie tauchen hin und wieder auf, politische Ansichten werden geäußert; es ist darum gut, dass es hilfreiche Anmerkungen gibt. Mancher ist schon hoffnungslos hinterher: „Aufwachen, sag ich dir! (...) Jetzt haben wir den nächsten Krieg“. Ein in irischer Erde begrabener Franzose quatscht auch munter mit.

Und zu Anfang der zehn Teile (mysteriöserweise allesamt „Zwischenspiel“ genannt) spricht das „Schallhorn des Friedhofs“: Es sind poetisch dichte, kurze Passagen über den Ernst der Lage, wenn man erst einmal unter der Erde ist.

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