Literatur

Unter die Leute damit

Norbert Hummelt sammelt Thomas Kling.

Von PEER TRILCKE

Wieder steht sie im Sprachraum, diese Schrift, die sich in die Netzhaut brennt, die sich einnistet in Gehörgänge und Hirnwindungen. Reclam, dessen Universalbibliothek sich langsam zum Hort postavantgardistischer Lyrik mausert, hat nach den Wiener Sprachartisten Jandl, Artmann und Rühm jetzt den "Wahl-Wiener" Thomas Kling in seinen knallgelben Kanon aufgenommen. 54 Gedichte umfasst die von Norbert Hummelt besorgte und mit einem kundigen Nachwort versehene Auswahl. Nachlesen lässt sich darin die Entwicklung jener Sprachdroge, die Kling - 2005 mit kaum 48 Jahren verstorben - der deutschen Lyrik seit den Achtzigern verabreichte.

Es begann mit Lautstärke, Drastik, Tempo. In seinem zweiten Band "geschmacksverstärker" (1989) verzichtete Kling einfach mal ganz auf den Punkt als Satzzeichen. Luftholen verboten. Stattdessen: schnelle Schnitte, geschult an den Montagetechniken der historischen Avantgarden, doch in den Dienst einer realistischen Ästhetik gestellt. Mit gemütlichem Satzbau und Heile-Welt-Sprache war einer Wirklichkeit, die auf allen medialen Kanälen angriff, deren hingenuscheltes und -gekritzeltes Stimmen- wie Zeichengewirr ins weiße Rauschen abzudriften drohte, nicht mehr beizukommen.

Das Gedicht, wollte es vor einer solchen Wirklichkeit nicht kapitulieren, musste seinerseits zum Angriff übergehen. Und Angriff war allein die Schreibweise Klings, noch bis weit in die 90er hinein. "den sprachn das sentimentale / abknöpfn": Das hieß auch, sie mit dem lässigen Zungenschlag der Straße aufzurauen, Vokale zu verschleifen, Konsonanten zu häufen oder Slangs einzupflegen, ohne sich dabei gleich mit der Alltagsrede gemein zu machen. Denn auch dann, wenn Kling es in seinen legendären Sprechveranstaltungen öffentlich vortrug, blieb das Gedicht eine präzise Kunstsprache, in der selbst die Lässigkeit nur als kalkulierte Pose ihren Platz hat.

So ging es ihm eben immer auch um Haltung, um Sprach- und Sprechhaltung. Klings Realismus produzierte keine Abbilder sondern "Sprachinstallationen", wie er es nannte. Was die (mediale) Realität bot, war Materialbasis und wurde ausgestellt, mitunter bloßgestellt, stets aber kommentiert. Während diese Schreibtechnik in den Achtzigern noch die sozialen Milieus des Rheinlandes - von der Punk-Disco ("UNTERM -ZERHACKER das schuhe zertanzn") bis zum Schrebergarten ("mallorcamild der mond / im quittenbaum") - bearbeitete, weitete sie sich im Laufe der Neunziger zunehmend aus: geographisch und historisch. "russischer digest" etwa liefert eine dichte lyrische Reportage aus dem postsowjetischen Moskau, und in "di zerstörtn. ein gesang" erhebt, von Echoeffekten Trakls und Celans überlagert, ein Veteranen-Chor aus dem Ersten Weltkrieg seine verstörende Stimme: "WIR LAGEN IN GROBEN GEGENDEN. WIR PFLANZTN / TOD."

Vor allem die historische Ausweitung ist es dann, die das Spätwerk bestimmt. Kling erarbeitete sich eine kulturgeschichtliche Tradition des Irregulären, die von den barocken Sprachspielen über alchemistische Geheimlehren bis hin zu - einer antikanonischen Re-Lektüre unterzogenen - antiken Klassikern reicht. Gleichzeitig drang er immer tiefer in die Zivilisationsgeschichte ein, griff mehr und mehr archäologische Themen auf und stieß schließlich an jene Grenze, hinter der sich alle Geschichte im Mythos verliert. Das Gedicht "Bärengesang" beschließt die Auswahl, es ist Klings letztem, auf dem Sterbebett fertiggestellten Band entnommen: "Ich kannte alle worte / für kralle, magen, mund und kopf. / für bärenkralle, bärenmagen, / bärenzungenspitze, / für meinen bärenkopf. // die kenn ich nun nicht mehr. / die brauch ich nun nicht mehr."

Den Bogen, der sich von der Punk-Disco bis zu dieser schamanistischen Meditation spannt, durch wohlgewählte Einblicke zu dokumentieren, ist die beachtliche Leistung des Reclam-Bandes. Neben die fast tausendseitigen "Gesammelten Gedichte" des DuMont-Verlags hat Hummelt so ein gültiges Kondensat des Klingschen Œuvres gestellt: eine erschwingliche Einstiegsdroge - unter die Leute damit.

Thomas Kling: schädelmagie. Ausgewählte Gedichte. Hrsg. von Norbert Hummelt. Reclam Verlag, Stuttgart 2008. 83 S., 2,80 Euro.

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