Unter der Leopardenfellmütze

Kongo hieß von nun an Zaire, und Mobutu stahl dem Land, was es nur hergab

Von Rudolf Walther

Der Sohn eines Kochs gab sich, als er an der Macht war, den Titel: "Der allmächtige Krieger, der von Eroberung zu Eroberung schreitet und eine Feuerspur hinter sich lässt". Besser bekannt ist er in der Originalsprache: Mobutu (Sese Seko, Kuku Ngbendu Wa Za Banga) regierte Kongo / Zaire während 31 Jahren von November 1965 bis November 1996. Mobutu und sein Clan häuften in dieser Zeit riesige Vermögen an mit Landsitzen in Südfrankreich und am Genfersee sowie vornehmen Stadtwohnungen in Paris, London und Brüssel. Der Despot gilt als Muster für die brutalen, geldgierigen und skrupellosen afrikanischen Herrscher.

Die ausgesprochen informative und gut lesbare Studie von Michela Wrong über "Mobutus Aufstieg und Kongos Fall" - so der Untertitel des Buches - belegt das Richtige und das Falsche am Urteil über den neueren afrikanischen Despotismus. Richtig daran ist, dass Mobutus Aufstieg vom Sekretär des legendären ersten Regierungschefs des unabhängigen Kongo - Patrice Lumumba - nur möglich war dank seiner Skrupellosigkeit und Ganovenschläue. Aber so wie der Westen bei der Ausschaltung und Ermordung Lumumbas wenig Monate nach dessen Regierungsantritt die Hände im Spiel hatte, so verdankte auch Mobutu seinen Aufstieg dem Vertrauen und der Unterstützung, die er von westlichen Staaten (insbesondere Frankreichs und der USA) genoss. Während des Kalten Kriegs und bis in die jüngste Zeit war den westlichen Staaten jedes Regime recht, wenn es nur antikommunistisch beziehungsweise antisowjetisch war.

Von 1885 bis 1908 bildete das euphemistisch "Freistaat Kongo" genannte Land mit riesigen Bodenschätzen (Gold, Kobalt, Kupfer, Diamanten) eine Privatkolonie des belgischen Königs Leopold II., der die Ausbeutung und Unterdrückung des Landes unter dem "philanthropischen Mantel" der christlichen Mission und des Kampfes gegen den Sklavenhandel betrieb. Von 1908 bis zur völlig chaotischen und überhasteten Unabhängigkeit 1960 war der Kongo eine staatliche Kolonie. Leopolds Herrschaft wie jene des belgischen Staates unterschieden sich hinsichtlich der Brutalität des Regimes nur in Nuancen von der Herrschaft Mobutus - alle regierten mit der Bestechung der einheimischen Elite und mit der Chicotte, einer Nilpferdpeitsche, mit der Arbeiter und Hausangestellte gefügig gemacht wurden. Mobutu forderte seine Soldateska auf, "vom Lande zu leben", das heißt, der Bevölkerung notfalls mit Gewalt wegzunehmen, was sie zu ihrem Unterhalt brauchte. Nach genau demselben Prinzip der Selbstversorgung agierte in der Kolonialzeit die Force Publique, aus sich der Kern der Armee nach der Unabhängigkeit rekrutierte.

Mobutu wurde am 14. 10. 1930 geboren und genoss eine ausgezeichnete Ausbildung durch die Frau eines belgischen Richters, bei dem Mobutus Vater als Koch angestellt war. Mit 19 Jahren kam der gelehrige Schüler wegen einer Bagatelle strafweise zur Force Publique, wo er sein Handwerk lernte: die Selbstbedienung und die Schaffung und Erhaltung von Loyalität durch die großzügige Verteilung von geplünderten und gestohlenen Gütern an Untergebene. Als 1965 Wahlen anstanden, die Mobutu wahrscheinlich gegen den populären Moise Kapenda Tschombé aus der reichen Provinz Katanga verloren hätte, putschte er mit den von ihm abhängigen Teilen der Armee, beteiligte jedoch auch die Verlierer an der Beute nach seinem Motto: "Sei vertraut mit deinen Freunden, aber vertrauter noch mit deinen Feinden."

Er verteilte großzügig Minister- und Beamtenpfründen, aber auch Land und Fabriken. Mobutu gründete eine Staatspartei (Mouvement populaire de la Révolution), in der praktischerweise jeder gleich nach der Geburt Mitglied wurde. Die Elite in Staat, Wirtschaft und Armee hielt er mit Geschenken bei Laune, und für das einfache Volk kreierte der Despot mit der von einem Pariser Modeschöpfer hergestellten Leopardenfellmütze und dem magischen Stab als Herrschaftsattributen einen nationalistischen Kult unter der Parole "authenticité". Fluss, Land und Währung hießen nun nicht mehr Kongo, sondern Zaire. Die Männer durften keine westlichen Jacketts mehr tragen, sondern nur den Abacost (gebildet aus "à bas le costume": "nieder mit dem Anzug"). Den Frauen verordnete er bunte Wickelkleider. Politisch sah sich Mobutu "weder links noch rechts, auch nicht in der Mitte", denn programmatisch verkündete er unentwegt: "In Wirklichkeit gibt es keine politischen Probleme in Zaire."

Im Laufe der Jahre baute Mobutu Zaire systematisch zu einer Kleptokratie aus: Von den 700 Millionen Dollar, die das Land jährlich allein mit den Minen in Katanga erwirtschaftete, stahl das System Mobutu 250 Millionen und verteilte es an die Stützen des Regimes. Dieser Diebstahl und die Preisentwicklung auf dem Weltmarkt ruinierten die zairische Wirtschaft. 1990 arbeiteten nur noch fünf Prozent der Bevölkerung im offiziellen Wirtschaftssektor, der Rest hielt sich mit dubiosen Geschäften auf dem Schwarzmarkt und mit Diebstahl von Staatseigentum über Wasser. Beamte verkauften "ihre" Büroeinrichtung, Offiziere "ihre" Munition und der zairische Botschafter in Japan gleich "seine" Dienstvilla. Weder den westlichen Geheimdiensten noch dem Weltwährungsfonds oder der Weltbank war diese Diebstahlwirtschaft ein Geheimnis.

Eine Rebellenbewegung unter Laurent-Désiré Kabila stürzte Mobutu Ende 1996 - erstmals in Afrika mit der Unterstützung von Truppen aus den Nachbarstaaten. Die Hoffnungen auf dieses Zeichen einer solidarischen Aktion zur Despotenentsorgung trogen jedoch. Kabila, der am 16. 1. 2001 ermordet wurde, machte weiter wie Mobutu. Das Fazit des Buches: "Die Weigerung, die Ursachen für den Ruin eines Landes zu verstehen, ist schon fast die Garantie für die Wiederholung der Katastrophe."

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