Literatur

Unter Einfluss

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Aufzeichnungen, Briefe und Texte über Elias Canettis lebenslange Beschäftigung mit Kafka.

Die bedingungslosen Bewunderer Elias Canettis mussten zuletzt einiges aushalten. In seiner schonungslosen Biografie hatte der Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek aus bis dahin unveröffentlichten Aufzeichnungen und Briefen ein Charakterbild des Literaturnobelpreisträgers zu Tage gefördert, das sich gravierend von der Selbstinszenierung Canettis unterschied. Während sein auf Größe und über den Tag hinausweisende Bedeutung angelegtes Werk aus einer trotz allen Temperamentes überwältigenden inneren Ruhe und Selbstgewissheit hervorzugehen schien, blätterte Hanuschek die Seiten zu einem von Depressionen geplagten Schriftsteller auf, der für seine Umgebung mitunter eine einzige Qual gewesen zu sein schien. Die Briefe an Freunde und Zeitgenossen, die zuletzt unter dem Titel „Ich erwarte von ihnen viel“ bei Hanser erschienen sind, offenbaren einen penibel-zwanghaften und mitunter auch egomanisch-rücksichtslosen Autor.

Die Neigung vieler Leser, Canetti für seinen schriftstellerischen Eigensinn zu verehren, rührte wohl daher, dass er selbst ein großer Bewunderer war. Immer wieder spricht er in seiner dreibändigen Autobiografie und in den Aufzeichnungen über die ihm heiligen Dichter Stendhal, Proust und Kafka. In Wien war er als junger Mensch in die Hörschule von Karl Kraus gegangen, der vor allem ein Meister des vernichtenden Urteils war. „Die Fackel im Ohr“, der zweite Teil der Autobiografie, handelt nicht zuletzt auch von der schwierigen Loslösung vom apodiktischen Vorbild Kraus.

Die Beschäftigung Canettis mit dem Werk und der Person Kafkas reicht zurück in die 30er-Jahre, er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sein 1935 veröffentlichter Roman „Die Blendung“ stark vom Eindruck der Kafka-Lektüre geprägt war. In ihrem Vorwort zu Canettis nun gesammelt veröffentlichten Kafka-Texten verweist die Literaturwissenschaftlerin Susanne Lüdemann auf eine „Einfluss-Angst“, von der auch Canetti mit Blick auf Kafka befallen war. Der kürzlich verstorbene Harold Bloom bezeichnet damit eine Art Ambivalenzkonflikt, der entsteht, wenn ein Autor sich in die Nachfolge eines verehrten Vorbilds stellt, zugleich aber das dringende Bedürfnis verspürt, sich von diesem abzugrenzen, um die eigene Originalität nicht zu gefährden.

Die Aufzeichnungen Canettis über Kafka sind ein peinlich-genaues Protokoll einer solchen Einfluss-Angst und deren Bearbeitung. Im Mittelpunkt steht dabei ein Essay Canettis über Kafkas „Briefe an Felice Bauer“, den er 1968 im Auftrag von Rudolf Hartung für die Zeitschrift Neue Rundschau geschrieben hat. In „Der andere Prozess“ arbeitet Canetti den intimen Zusammenhang zwischen der Briefbeziehung mit der Berliner Stenotypistin Felice Bauer und Kafkas literarischer Produktivität, insbesondere der Entstehung des Romans „Der Prozess“ heraus. Kafkas Prozess besteht vor allem auch in der Ambivalenz aus Hingabe und Verzweiflung bei der Anbahnung und Abwehr einer Beziehung.

Die Deutung eines literarischen Werkes aus der Lebensgeschichte eines Autors gilt in den Literaturwissenschaften aus guten Gründen als problematisch. Canetti aber gewinnt aus den zwischen 1912 und 1917 geschriebenen Briefen Kafkas ein Gesamtbild von dessen Ängsten, seiner visionären Kraft und geradezu körperlichen Selbstbeschränkung, aber auch den daraus hervorgehenden literarischen Strategien. Bei der Entstehung von Canettis Essay aber spielt sich selbst ein veritables Drama ab, in dem Canetti 43 Jahre nach Kafkas Tod im buchstäblichen Sinn mit diesem literarischen Ahnen ringt. Canetti scheut die Anmaßung nicht, sich mit Kafka zu messen, aber er entzaubert das Vorbild auch mit diagnostischem Scharfsinn. „Unerträglich“, notiert er während seiner quälend langsamen Arbeit am Essay, „ist sein Krankheits-Bewusstsein, das ihn nie verlässt. Doch versöhnt es immer wieder, wie er sich um Gesundheit bemüht, und wirklich eindrucksvoll ist seine Askese im Essen. Ohne diese wären seine moralischen Qualen falsch, man könnte sie nicht ganz ernst nehmen.“

In seine Beobachtungsgabe und Detailversessenheit ist Canettis Kafka ein literarisches Juwel. Der charakterlichen Abgründe Canettis wird man auch hier gewahr. Der Band „Prozesse“ aber führt eine Versessenheit vor, die an Originalität und Klarheit kaum zu überbieten ist.

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