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File - (AP) Adorno Begraebnis - Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof wurde heute Prof. Theodor Adorno beerdigt. Unser AP-Photo zeigt Studenten waehrend des Begraebnisses. (AP-Photo) 13.8.1969 |
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File - (AP) Adorno Begraebnis - Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof wurde heute Prof. Theodor Adorno beerdigt. Unser AP-Photo zeigt Studenten waehrend des Begraebnisses. (AP-Photo) 13.8.1969 |

Gisela von Wysocki

Unter der Bettdecke im HR Adorno hören

Gisela von Wysocki schickt in ihrem gewitzten Roman „Wiesengrund“ eine zugereiste Studentin auf die Spur des Philosophen.

Von Otto A. Böhmer

Man kann sich das heute nicht mehr so recht vorstellen: Ein Philosoph, äußerlich eher unscheinbar, tritt in vollen Sälen auf, und man hört ihm gebannt zu, auch oder gerade weil manches, was er in pointierter Rede anbietet, nicht unmittelbar einleuchtend ist.

Theodor W. Adorno, der an der Universität Frankfurt lehrte, die in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bewegte Zeiten erlebte, war ein solcher Philosoph. „Eine seltsame Art von Gemeindebildung“ fand in Adornos Veranstaltungen statt, notierte einer seiner Schüler. „Jeder, der dort saß, dachte wohl von sich, dass er der einzige ist, der den Meister versteht....“ Adorno hieß eigentlich Theodor Ludwig Wiesengrund-Adorno. Der Familienname Wiesengrund schrumpfte später zum Kürzel, was kein Zufall war, sondern planvoll in die Wege geleitet wurde, zumal der Vater, ein gutbetuchter jüdischer Weingroßhändler, im Hintergrund wirkte und die Erziehung des Sohnes seiner Gattin Maria Wiesengrund, geborene Calvelli-Adorno delle Piane, einer ehemaligen Opernsängerin, überließ.

Diese Vorinformationen sind vielleicht nicht ganz unwichtig, wenn man sich Gisela von Wysockis bemerkenswertem Roman „Wiesengrund“ zuwendet, der uns einen Philosophen näherbringt, den man zu kennen meinte, so jedoch noch nicht wahrgenommen hat. Aus dem Umstand, dass sie einst bei Adorno studierte, leitet die Autorin, anders als manche früheren Kommilitonen, die den Namen ihres berühmten akademischen Lehrers öfter erwähnen, als es nottut, kein Herrschaftswissen ab. Im Gegenteil; Sie betritt die Welt der Frankfurter Philosophie als Zugereiste, die sich fürs erste mit bescheidenem Quartier zufrieden gibt.

Die Schriftstellerin und Essayistin Wysocki, 1940 in Berlin geboren, erzählt ihren zweiten Roman – nach „Wir machen Musik“, 2010 – aus der Sicht einer bezaubernden Protagonistin: Hanna Werbezirk heißt sie, ist zu Beginn des Romans gerade mal 17 Jahre jung und wohnt in Salzburg. An Adorno, der für sie Wiesengrund bleibt, gerät sie, als sie im Bett die späten Abendstudio-Sendungen des Hessischen Rundfunks hört, der sich damals noch wortübergewichtige Sendungen leisten konnte. Adorno war dafür ein geschätzter Autor, von dem sich jederzeit Betrachtungen zu Themen, auf die man erstmal kommen musste, beziehen ließen.

Ihrer Vorliebe für diese Sendungen kann Hanna sich allerdings nicht ganz problemlos widmen, denn im Nebenzimmer hockt mit geschärftem Gehör ihr Vater, ein bekannter Astrophysiker, den sie, nach einem unendlich weit entfernten Sternengebilde, Alasco nennt. Damit ist zugleich auch seine einzige Leidenschaft angesprochen, denn Alasco hält von irdischer Philosophie wenig bis gar nichts, von kosmischen Phänomenen, die dem beschränkt aufnahmefähigen Menschen immer nur mit immenser Verspätung in die raffiniert austarierten Geräte geraten, dafür umso mehr. So lauscht Hanna ihrem Wiesengrund meist unter geschlossener Bettdecke, aus der sie nur auftaucht, wenn es gilt, Luft auf Vorrat zu holen.

Dennoch schafft sie es nach dem Abitur von Salzburg nach Frankfurt, wo sie bei Wiesengrund-Adorno zu studieren gedenkt. Nun lernt sie den Meister persönlich kennen; der erste Eindruck, aus Reihe 8 im Hörsaal bezogen, erweist sich als unspektakulär: „Es ist ein untersetzter Herr, der einen grauen Anzug trägt. An dessen Revers entdecke ich die Kette einer Taschenuhr. Der Herr in dem Anzug bewegt sich beim Reden kaum von der Stelle. Auf diese Weise nimmt das Gesicht mehr und mehr die Züge eines Portraits an, das überraschenderweise über eine unentwegt redende Stimme verfügt.“

Wiesengrund zeigt Interesse an Hanna; welcher Art dieses Interesse ist, lässt sich nicht erschließen, wie überhaupt der ganze Mann, sehr zur Freude seiner Anhänger, etwas zutiefst Unausdeutbares hat. „Ein Salzburger Kind, mag er denken. Mirabellgartengewächs … Ein Dirndl würde ihr stehen. Von fern eine Nestroy’sche Kathi, Peppi, Marie. Eine merkwürdige Geschichte bringt sie mir hier an.“

Hanna wohnt in einer Art WG, die sie mit unfreiwillig kauzigen, allesamt älteren Mitbewohnern teilt. Allen voran macht da Herr Gottwald auf sich aufmerksam, ein Herrenhosenverkäufer im traditionsreichen Frankfurter Modehaus Ammerschläger, dem, die Älteren unter uns werden es noch wissen, seine Tradition nichts nutzte: Begleitet von kulturökonomischen Beileidsbekundungen musste es abgewickelt werden. Herrn Gottwalds Weltsicht ist nicht auf die Hosenabteilung beschränkt, sondern greift aus in die Welt, die damals vor allem deshalb noch überschaubar anmutet, weil sie sich nichts auf ihren globalen Zuschnitt einbildete.

Mag innerhalb der WG auch viel Schräges zur Sprache kommen, so macht Gisela von Wysocki sich doch an keiner Stelle über ihr Personal lustig. Hanna staunt nur und versucht zusammenzubringen, was nicht zusammengehört. Wiesengrund ist ihr inzwischen vertraut; die Irritationen indes, die er auslöst und zu flirrenden Denkanstößen werden lässt, bleiben, selbst wenn ihr, „für den Bruchteil einer Sekunde, ein Wesen mit dem Aussehen eines vertrauenerweckenden Familienangehörigen“ gegenübersitzt.

„Wiesengrund“ ist ein großartiger Roman mit feinem Witz, den zu lesen nur hartgesottenen Adorniten Missvergnügen bereiten dürfte. Alle anderen werden bestens bedient. Am Ende, das natürlich kein Ende ist, wird Hanna nach Salzburg zurückbeordert; sie soll in Alascos Astronomiebetrieb mit einsteigen, was sie aber nicht will; ihre stille Emanzipation, die bereits von der Erinnerung lebt, hat begonnen: „Nicht jung, nicht alt sind wir, und als Wiesengrunds Auge in dem Auf und Ab mich auf einmal streift, nicht das Auge, sondern ein ihm gedankenlos, unbesonnen innewohnendes Leben, hat dieser Moment sich wie ein umherirrender Komet aus dem unerschütterlichen Weiterlaufen der Zeit herausgelöst und dafür gesorgt, dass ich mich federleicht fühle, in einem Zustand, der etwas Lautloses hat. Die Wirklichkeit legt eine Atempause ein.“

P.S.: Was aus Hanna geworden ist, wissen wir nicht. Die Autorin aber weiß es. Vielleicht kann sie sich zu einer Zugabe entschließen. Wir würden uns freuen. Sehr sogar.

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