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Unter allen Zweigen

Goethe, Kleist und die Datierung

Von OLIVER FINK

Datierungsfragen sind wichtig und nur bei oberflächlicher Betrachtung ein Job für die Buchhalter unter den Philologen. Als 2001 im Auktionshandel ein unbekanntes Kleist-Autograph auftauchte, waren die Kleist-Forscher ein wenig verwirrt: "Unter allen Zweigen ist Ruh,/ In allen Wipfeln hörest du/ Keinen Laut./ Die Vögelein schlafen im Walde,/ Warte nur, balde/ Schläfest du auch." Das klingt doch verdächtig nach diesem Goethe-Gedicht ("Über allen Gipfeln"). Vielleicht eine Parodie? Auf jeden Fall standen die Germanisten vor einem Datierungsproblem. Denn Heinrich von Kleist hatte seine Verse zwar erst nach 1805 notiert (das verrät die Handschrift), weilte aber schon nicht mehr unter den Lebenden, als Goethe sein Gedicht unter dem Titel "Ein gleiches" 1815 zum Druck beförderte.

Nun gibt es zwar die hübsche Geschichte, dass der Weimarer Großdichter seine Gipfel-Verse bereits 1780 mit Bleistift auf der Wand einer Holzhütte bei Ilmenau verewigt hat (1870 ist sie allerdings in Flammen aufgegangen). Auch ein paar andere unautorisierte Überlieferungsträger sind bekannt. Doch der Weg zu Kleist blieb rätselhaft. Jetzt hat Roland Reuß, zusammen mit Peter Staengle der Herausgeber der Kritischen Kleist-Ausgabe im Stroemfeld Verlag, offenbar die Lösung gefunden. Er weist in einem Aufsatz in den Brandenburger Kleist-Blättern den Erstdruck des Goetheschen Gedichts nach; erschienen ist es demnach zum ersten Mal im Jahr 1800 in einem von Joseph Rückert (allerdings anonym) publizierten Aufsatz für die von August Hennings herausgegebene Zeitschrift Genius der Zeit. Und Reuß zeigt mit guten Argumenten, dass diese Fassung des Goethe-Gedichts als Vorlage für Kleist gedient haben könnte. In einer ausführlichen Interpretation charakterisiert er die Kleistschen Verse außerdem als "Gegengedicht" zu Goethe - keine launige Parodie also, sondern eine durchaus subtile und direkte Auseinandersetzung mit dessen Verfasser, die im Kontext der Abrechnung Kleists mit "Herr von Göthe" plausibel wird.

Entdeckt, beschrieben, gedeutet und am 24. August 2005 veröffentlicht - da darf man sich schon mal einen Italien-Urlaub gönnen. Als Roland Reuß sich dort aber am 5. September die FAZ kauft, traut er seinen Augen nicht: In einem Artikel präsentiert der Germanist Wulf Segebrecht mit stolzgeschwellter Brust den Erstdruck des Goethe-Gedichts (eben im Genius der Zeit) und seine Beziehung zum Kleistschen Autograph: "Kein Goethe-Bibliograph hat das bisher verzeichnet, und kein Kleist-Kenner hat darauf hingewiesen". Der neueste Band der Brandenburger Kleist-Ausgabe (Bd. III.: Sämtliche Gedichte) inklusive der Brandenburger Kleist-Blätter werden nicht erwähnt.

Wer hat den Schwarzen Peter?

Segebrecht versichert, dass ihm die Erkenntnisse des Kleist-Herausgebers zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorlagen. Reuß seinerseits glaubt auch nicht, dass Segebrecht sich unerlaubterweise bei ihm bedient habe. Er schiebt den Schwarzen Peter auf die FAZ. Deren Redaktion sei schon vor Erscheinen der Kleist-Blätter auf eine "Überraschung hinsichtlich Goethe/Kleist" vorbereitet worden, auch die Fahnen des Aufsatzes von Reuß hätten vorgelegen, seien aber offenbar ungelesen geblieben. Der auf der Homepage des Instituts für Textkritik (www.textkritik.de) jetzt abgedruckte E-Mail-Austausch zu diesem Thema deutet auf eine nicht ganz spannungsfreie Beziehung hin. Die Chronologie der Ereignisse ist jedenfalls kurios.

Was bleibt, ist eine wundersame Koinzidenz, wie sie in der Wissenschaft nicht alle Tage vorkommt. Und ein weinender Dritter. Denn streng genommen hätte schon vor rund vierzig Jahren der Germanist Eberhard Haufe zumindest den Erstdruck des Goethe-Gedichts als Fund für sich reklamieren können: 1969 gab er nämlich den erwähnten Aufsatz von Joseph Rückert (Bemerkungen über Weimar) mitsamt den dort überlieferten Goethe-Versen in einem Nachdruck heraus, ganz ordentlich mit Nachwort und Anmerkungen versehen. Dort weist er zwar darauf hin, dass Rückert das Gedicht "sehr entstellt zitiert". Aber für Datierungsfragen interessierte sich Haufe nicht. Ein verpasste Gelegenheit, wie sich heute zeigt.

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