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Unten liegen

Melanie Arns' ernstzunehmendes Romandebüt "Heul doch!"

Von HERIBERT KUHN

Zwar liegen die Auseinandersetzungen um den Missbrauch und den "Missbrauch des Missbrauchs" schon einige Zeit zurück, aber das Thema ist zu skandalisierungsträchtig, als dass es lange unter dem Horizont öffentlicher Aufmerksamkeit verschwinden könnte. Immer wieder erliegt jemand der Versuchung - hier eine junge Autorin -, sich zwischen Tragödie und Parodie zu versuchen. Melanie Arns' Romanerstling Heul doch!, der in kleinteiliger episodischer Reihung alltägliche Erlebnisse einer als Kind von ihrem Vater missbrauchten Abiturientin präsentiert, wird weder den populistischen Teufelsaustreibern noch den Fachleuten aus Medizin, Psychologie, Kriminologie und schon gar nicht den von ihrer Heilsmission durchdrungenen Helferorganisationen als einfaches Beweismittel dienen können. Der Text ist von einem aggressiven Witz und führt vor, was es bedeutet, jenem wohlfeilen Rat, der da lautet: "Nimm dich nicht so ernst!", mit letzter Konsequenz zu entsprechen.

Denn wenn Ernsthaftigkeit in die Tiefe dringt (und im Fall der eigenen Person im Unergründlichen lotet), muss die Vertreibung des Ernstes an die Oberfläche drängen. In diesem Sinn ist Arns' Roman "oberflächlich". Er lässt keinen Raum für innere Reserve und Reflexion - seiner Heldin nicht und auch nicht dem Leser. Banalitäten und Kuriositäten des Familien- und Schulalltags wechseln in harten Schnitten; kommen Gefühle ins Spiel offenbaren sie sich als Sentimentalitäten und werden ebenfalls zu Oberflächlichkeiten. In der Tendenz solchen Verfahrens liegt es, dass zwischen Mensch und Ding nur noch der Unterschied von weichen und harten Objekten besteht. Das im Text beschriebene Mädchenschicksal löst dies auf makabre Weise ein: Das elterliche "Mäuschen" ist nicht bloß sexuell missbraucht worden, es erlitt auch einen Verkehrsunfall, der es entstellte und ein Auge zerstörte; hinfort kommt es wegen erheblicher äußerer Schäden als "Vorzeigetöchterchen" nicht mehr in Betracht.

Die brutale Komik, die das Buch unterschwellig entwickelt, speist sich aus der Perspektive, dass es kaum einen Unterschied ausmacht, unter einen Lastwagen oder unter den eigenen Vater geraten zu sein. Man findet denn auch das Gesetz für diese Art von Humor und sein szenisches Arrangement leichter in der Film- als in der Literaturgeschichte.

Der Bezug zur eigenen Person und zum eigenen Körper, den der hard boiled-Gestus des Buchs suggeriert, entspricht der Unverwüstlichkeit menschlich-physischer Existenz, wie sie die Helden der frühen Stummfilme vorführen: in Serien von Karambolagen verwickelt überstehen sie immer wieder alle Unfälle und Fährnisse. Es ist die Pointe der Darstellung, dass sie dem Trauma, völlig zum Objekt zu werden, die Slapstick-Resistenz und -Renitenz entgegensetzt, mit welcher der frühe Film den Zumutungen der Moderne begegnete.

Melanie Arns' Heul doch! ist entgegen der dezidiert "oberflächlichen" Haltung und Perspektive des Romans ein tiefernstes und ernstzunehmendes Debüt.

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