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Der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach.

Schauspiel Frankfurt

Die Unsicherheit aushalten

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Ferdinand von Schirach spricht und liest vor ausverkauftem Haus.

Mit einem rhetorisch ausgefeilten Komplettprogramm trat der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach im ausverkauften Schauspielhaus Frankfurt zu seiner Lesung an. Kein Vorredner, kein Moderator. Introduktion, Vortrag, Lesung, eingestreut kleine Scherze.

Introduktion: Von Schirach erzählt, dass der berühmte schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson erzählt hat, wie er einmal in einer ländlichen Gegend in einer sehr großen, sehr schönen Halle vor einem einzigen Zuhörer einen Vortrag gehalten habe.

Der Mann sei ihm vage bekannt vorgekommen. Er habe ihm applaudiert und sei dann, während Gustafsson die Halle verließ, seinerseits aufs Podium getreten, um als ebenfalls berühmter schwedischer Schriftsteller und zweiter Redner seinen Vortrag zu halten. Ihn, von Schirach, freue es natürlich, dass ein paar mehr Leute gekommen seien. Die ihm an dieser Stelle anempfohlene Begrüßung von Ehrengästen werde er mit unserem Einverständnis weglassen.

Vortrag: Von Schirach referierte geschliffen den Prozess gegen den Philosophen Sokrates, den er (den Prozess wie den Philosophen) mit einer leidenschaftlichen Lobrede auf die Athener Demokratie verband. Nicht ohne sich und uns auch skeptische Fragen zu stellen. Was zum Beispiel tun, wenn Demokraten Tyrannen wählen? Was überhaupt tun, wenn die Mehrheit nicht recht hat? Sokrates jedenfalls habe für sich entschieden, das Recht über alles zu stellen. Und dafür sogar Unrecht in Kauf genommen.

Das Recht, so wiederum Schirach, sei das Gegenteil von Natur, es sei unser Sieg über die Natur. Und selbst wenn man immer dazwischen rufen will: die menschliche Natur, allein die menschliche Natur, vor der alle Natur, der Mensch und das Recht geschützt werden müssen, selbst dann ist das bedenkenswert. Wie überhaupt nicht oft genug daran erinnert wird, wie weiterführend Unsicherheit und jene Nachfragerei ist, mit der Sokrates seine Gesprächspartner bekanntlich in den Wahnsinn trieb.

Der Schriftsteller, hatte von Schirach schon zuvor erklärt, sei ein Mensch, der sich der Welt unsicher sei. Diese Unsicherheit sei der Grund, mit dem Schreiben zu beginnen, freilich wisse man da noch nicht, dass es nichts helfen werde. Dafür, wäre zu ergänzen, kann man immer weiterschreiben.

Lesung: Von Schirach las drei Erzählungen aus dem neuen Band „Strafe“, der mit „Verbrechen“ und „Schuld“ eine Trilogie bildet. „Stinkefisch“ und „Der kleine Mann“ sind gutgemachte und traurig machende Geschichten, in denen Naivität und Schicksal sich pointenreich zusammentun. „Der Freund“, so von Schirach, sei neben „Das Cello“ (aus „Verbrechen“) sein bisher persönlichster Text. Hier ist die Pointe eines jener Ereignisse, die es gibt, aber nicht geben dürfte. Auch das hilft aber nichts.

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