+
Soll es das gewesen sein, ist es wirklich möglich? Die Volkbühne, noch mit Räuberrad.

Michael Schindhelm "Letzter Vorhang"

Unsere Heimat

  • schließen

Der Geruch von Letscho, Milchreis, grünem Hering und Soljanka an kalter Asche: Michael Schindhelm hat eine Volksbühnen-Satire geschrieben.

Das Buch spielt genau in sechs Wochen, am dritten Juni-Samstag 2017. Vielleicht ist es Absicht, dass dieser Tag ausgerechnet auf den 17. fällt, den 64. Jahrestag des Arbeiteraufstands. Vielleicht auch nicht.

Die Theater- und Berlinsatire „Letzter Vorhang“ von Michael Schindhelm steckt voller Tarnungen und Anspielungen. Er scheint gut informiert und nah am Geschehen zu sein, manchmal näher, als es einem lieb ist. Gleich zu Beginn hat er Einsicht in die ödipalen Träume von Matze, seinem 59-jährigen Protagonisten, er beschreibt die Beschaffenheit von Matzes Mundschleimhaut und steht kurz danach mit ihm unter der Dusche, um melancholisch den sich verändernden Zustand des Geschlechtsteils zu inspizieren.

Über Schindhelms romanhaften Lebenslauf wurde schon viel geschrieben, besonders viel von ihm selbst. Er teilte als Quantenchemiker das Büro mit Angela Merkel, seine IM-Tätigkeit für die Stasi hat sich nach eingehender öffentlicher Prüfung als unschädlich erwiesen, sie stand seinen Posten als Intendant in Thüringen und in Basel, sowie als Generaldirektor der Berliner Opernstiftung nicht im Weg. Und dann katapultierte es ihn in die weite Welt, er wurde irgendwie so etwas wie Kulturberater unter anderem in Dubai, Hongkong, Moskau und Zürich. Heute lebt er in London und Lugano, kehrt als kosmopolitischer Großkurator für diesen Roman zurück nach Berlin und befasst sich mit einem Theater, das demnächst von einem anderen kosmopolitischen Großkurator übernommen wird.

Wir sind dabei, wenn dieses Theater seine Seele aushaucht. Allein dem dabei austretenden Duft nach – eine Mischung aus Letscho, Milchreis, grünem Hering und Soljanka an kalter Asche – wird klar, dass es sich um die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz handelt. Da macht es auch nichts, dass Schindhelm Castorf in Hartung und die Volksbühne in „Liebknecht-Theater“ umtauft, sie in den Admiralspalast verlegt und wenn im Intendantenzimmer kein Stalin-Bild, sondern eins von Mao an der Wand hängt.

Auf jeden Fall ist es ein böser Klischeetrommelfeuer-Lesespaß, bei dem die Kulturpolitik und der Nachfolger („der Kleinschreiber“) schnell abgewatscht werden, um dann das Soziotop Volksbühne um so genüsslicher lächerlich zu machen. Nicht dass die historische und künstlerische Einzigartigkeit verschwiegen würden, sie sind Anlass zu eher unlustigen Sinnierereien.

Jeglicher Überbau dient aber nur dazu, einzustürzen – wenn er ins Verhältnis gesetzt wird zu der privaten und eher banalen Katastrophe des Altwerdens. Ist es als Trost gemeint?

Auf jeden Fall wird jener 17. Juni ein harter Tag für Matthias Pollack, genannt Matze oder Polli. Er ist Chefdramaturg am Liebknecht, das er seit seiner Kindheit kaum verlassen hat. Seine stalinistische Mutter war dort Schauspielerin, sein subversiver Vater bis zur Ausreise in den Westen Regisseur und sein opportunistischer Stiefvater Intendant. Matze wacht schwer verkatert in einer Moabiter Wohnung auf, es ist die seiner Freundin, die ihn verlassen hat. Sie heißt Candice (Anspielung auf den vertrottelten Optimisten aus Voltaires „Candide“), kommt aus Esslingen, hat unfassbar reiche Eltern. Außerdem ist sie halb so alt wie Matze. Wir verraten nicht, mit wem sie abhaut.

In ein paar Stunden beginnt die vierhundertdreiundsechzigste und letzte Vorstellung von „Einer flog über das Kuckucksnest“, einer Theaterproduktion aus dem Herbst 1989, sie wird, das dürfen wir verraten, in einem Desaster enden. Matze, ein Lulatsch, spielt von Anfang an den Häuptling Bromden, dem als einzigem die Flucht aus der Klapse in eine nicht näher gezeigte Freiheit gelingt – eine offenbar unverderbliche Metapher, die ursprünglich auf die untergehende DDR zugeschnitten war.

Die Inszenierung blieb 28 Jahre lang auf dem Spielplan und aktuell. Die Diktatur des Proletariats ließ sich in den Neunzigern inszenatorisch mühelos zur Diktatur des Kapitals umoperieren. So wurde etwa das beruhigende Anstaltsgedudel angepasst. In der Originalversion spielte man das Pionierlied „Unsere Heimat“ in Dauerschleife, im Westen dann Roland Kaisers „Ich glaub’, es geht schon wieder los“. Dieser Schlager löste über die Jahre Panikattacken bei den Mitarbeitern aus, weshalb man wieder zurückkehrte zu „Unsere Heimat“ – und es funktionierte irgendwie, möglicherweise auf einer Ebene, die die DDR-Rudimente des Hauses kritisch reflektiert, vielleicht auch als neonationalistischer, identitätskritischer Seitenhieb.

Das Buch kann bei der schlechten Laune, die das Ende der Castorf-Ära und der Streit darum verursachen, vielleicht helfen, den Humor wiederzufinden. Das geht zwar auf Kosten des Liebknecht-Eingeborenen Matze, aber für den gibt es unseres Wissens keine konkrete Entsprechung. Die meisten Volksbühnendramaturgen blieben nicht lange, und die wichtigsten, die kamen aus dem Westen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion