"Unser heutiger Gulag"

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Grigori Paskos Notizen aus Gefängnissen und Lagern sind eine Kritik an Wladimir Putins RusslandVor wenigen Tagen hat der russische Präsident Wladimir Putin in einem Gespräch mit Bürgerrechtlern gesagt: "Viele Menschen saßen oder sitzen noch immer ungerechtfertigt im Freiheitsentzug. Dieses Problem gibt es seit 1937."

Als der ehemalige Marineoffizier Grigori Pasko nach dem fünften Verhör im Gefängnis von Wladiwostok in die Gemeinschaftszelle zurückkehrt, lehrt ihn ein Mitgefangener die erste wichtige Lektion: "Im Gefängnis darf man Bücher nicht verschlingen, man muss sie ganz gemächlich kauen." Sein Zellengenosse ahnte, dass Pasko noch viele Verhöre bevorstünden und er viel Ablenkung vom Zellenalltag brauchen würde. Er solle doch nicht so schnell lesen, nicht wie den "Graf von Monte Christo" in zwei Tagen.

Wenn Pasko nicht las, löste er Kreuzworträtsel, fädelte seinen Wollpullover auseinander, damit die Mithäftlinge mit der Wollschnur Waren zwischen den Zellen austauschen konnten, er schlief im Schichtsystem, weil er sein Bett mit zwei anderen Gefangenen teilte. Aber vor allem schrieb er in seine Notizbücher, was er über Russland dachte, über das russische Repressionssystem und über seinen eigenen Fall.

Im Alter von 35 Jahren geriet der Journalist 1997 ins Gefängnis, weil ihm die russischen Sicherheitsorgane Landesverrat vorwarfen. Er soll geheime Unterlagen über russisches Militär ins Ausland gebracht haben. In Wirklichkeit saß er, weil er Mitte der 1990er Jahre offen gelegt hatte, wie die russische Armee zerfiel und dass die russische Flotte atomare Abfälle in fischreiche japanische Gewässer verklappte.

Die Folgen seiner journalistischen Arbeit: 21 Monate Untersuchungshaft und später Verurteilung zu vier Jahren Arbeitslager. Seine sehr lesenswerten Notizen aus dieser Haftzeit liegen jetzt als Buch auf Deutsch vor, Titel: Die Rote Zone; in seiner Heimat fand der international bekannte Journalist keinen Verleger.

Der Fall Pasko galt bereits Ende der 1990er Jahren als ein Beweis für die wieder erstarkten russischen Sicherheitsapparate. Sein Buch ist viel mehr. Erstens das Psychogramm eines Menschen, der sich in Situationen der Willkür ändern muss, wenn er nicht zerbrechen will; zweitens eine Dokumentation unmenschlicher Haftbedingungen in einem Staat, das als eine Demokratie gilt, und drittens ein Beleg für Machtwillkür in Russland unter Wladimir Putin.

Nach einem Monat Haft darf Pasko das erste Mal seine Frau wiedersehen. Dass sein Fall kein Missverständnis ist und die erfundene Behauptung, er habe sein Land verraten, sich nicht bald klären würde, dämmert dem Paar, als Grigori Pasko seine Frau bittet, sie möge ihm Decken, Laken und Rasierzeug bringen. In russischen Gefängnissen herrscht immer noch die sowjetische Mangelwirtschaft, die Häftlinge müssen ihren Hausrat selbst mitbringen.

Apathie des Alltags

Die Zone, die Welt der Gefängnisse und der Lager mit eigenen Gesetzen und Hierarchien, hat Pasko fest im Griff. Er ist verwirrt. Die Notizen aus den ersten Wochen sind Zeugnisse eines gehetzten und verzweifelten Menschen. Sehnsüchtig schreibt er von der Liebe zu seiner Frau: "Sie ist der Inbegriff der Frische." Von der Apathie seines Alltags: "Der Tag beginnt. . . Eine Stunde später stellst du mit Entsetzen fest, dass um dich herum nicht nur keinerlei Veränderungen eingetreten sind, sondern selbst der simple Gedanke, der vor einer Stunde in dir aufkeimen wollte, noch immer nicht zu Ende gedacht ist."

Grigori Pasko versucht zu reflektieren, wenn er einen Aufseher im Baderaum beschreibt: "Der Wärter mit dem Gummiknüppel hat sich hingehockt und betrachtet missmutig den gefliesten Boden. Er muss noch ein paar Zellen zum ?Baden' führen, dann die ganze Nacht Wache schieben, die stinkende Gefängnisluft einatmen... und zu Gott flehen, dass in seiner Schicht nichts passiert. Im Grunde sitzen er und die anderen Wärter im Knast wie wir." Und er kämpft mit Wut, Zorn und Hass in sich: "Manchmal scheint mir, ich sei damit schon geboren worden - mit diesem Hass auf den KGB.... Ist es die Asche meines vom militärischen Abschirmdienst Smersch erschossenen Großvaters, die sich über meine Kindheit legte? Oder der Dauerkonflikt meines Vaters mit den ?Organen'?"

Der zweite Teil des Buchs setzt ein Jahr nach der Verhaftung ein. Weil Paskos Fall weltweit Aufsehen erregte und auch die russische Presse über ihn berichtete, ist er kein Unbekannter mehr im Gefängnis. Er hat zwar keine Sonderstellung, muss sich in jeder neuen Zelle in die Zellenhierarchie einfügen und oft am unteren Level anfangen, also neben dem Kübel schlafen. Doch viele Mithäftlinge respektieren ihn. Schließlich ist keiner von ihnen bis dahin einem "Landesverräter" begegnet.

Das Wesentliche ist aber: Pasko ist zu einem Beobachter geworden. Sein Stil hat sich geändert, seine Sprache ist nüchtern, frei von Zorn. Er beschreibt, wie ein kleinwüchsiger Gefängnisleiter Häftlinge erniedrigt, sie verprügelt und anbrüllt. Oder berichtet nüchtern, dass die Firma Knorr einen unschätzbaren Dienst für die russischen Häftlinge leistet: Deren Brühwürfel verwandeln Ungenießbares aus der Gefängnisküche in Essen. "Herr im Himmel, was würden die Knastis ohne sie bloß machen! Wir lösen das Zeug in heißem Wasser auf zum Trinken. Bröseln es in die Fischsuppe, den Graupenbrei oder den widerlichen nach Margarineersatz stinkenden Rote-Rüben-Eintopf. Streuen es einfach als ?Belag' auf trockenes Brot."

Kakerlaken unter der Matratze

Weil Pasko weniger moralisiert und klagt, wird das eigentliche Drama der russischen Wirklichkeit deutlich: "Die Ohnmacht des Menschen vor den wiederum von Menschen gemachten Umständen gebiert Angst, Verzweiflung und Selbstmordgedanken", schreibt der Journalist. Was Ohnmacht ist, sagen wenige Worte von ihm: "Ich müsste den Kissenbezug waschen. Irgendwo unter meinem Kopf unter der Matratze schlüpfen kleine Kakerlaken. Das ist alles."

Die Bedeutung des Buchs offenbart sich aber erst im letzten, im dritten Abschnitt. Pasko verfasste diesen Teil erst nach der Lagerhaft - dort hatte er striktes Schreibverbot. Insgesamt saß er 21 Monate in Gefängnissen und musste nach kurzer Atempause in der Freiheit für 135 Tage ins Arbeitslager - dem strengsten und kommunistischsten des neuen Russlands. Dann setzte eine Richterin seine Reststrafe aus.

Im dritten Teil des Buchs bringt er seine Hafterfahrungen stärker mit der aktuellen Politik zusammen und erklärt, welche Folgen Putins Aufstieg für das Image des Sicherheitsapparats hatte. "Nachdem der KGB-Mann Putin an die Macht kam, unter seiner Geheimdienstordnung, wurde in Russland von offizieller Seite viel darüber geschrieben, wie gut, ja beinahe komfortabel es die Häftlinge heute in den Strafvollzugseinrichtungen haben. Über mich hieß es, ich hätte unter ?Treibhausbedingungen' gesessen."

Seine Haftkarriere war symbolisch für die neue, alte Macht in Russland: Er war sieben Monate in einer Einzelzelle isoliert. Er war weit weg von seinem Wohn- und Verurteilungsort im Lager, was eigentlich ein Gesetzesverstoß ist. Er erlebte, wie die Miliz den Häftlingen weitere Delikte anzuhängen versuchte, damit sie Erfolge vorweisen kann. "Die Gründe dafür sind unschwer zu erraten", erklärt er. "Der Druck des Geheimdienstes, die Feigheit der Richter und die Hörigkeit des Strafvollzugssystems. Kurzum, unser heutiger Gulag."

Als er das schrieb, ahnte er nicht, wer ihm da zustimmen würde. Vor wenigen Tagen hat der russische Präsident Wladimir Putin in einem Gespräch mit Bürgerrechtlern gesagt: "Viele Menschen saßen oder sitzen noch immer ungerechtfertigt im Freiheitsentzug. Dieses Problem gibt es seit 1937."

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