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Manfred Lütz
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Manfred Lütz

Kirche

Die Unschuld der Urchristen

  • Joachim Frank
    VonJoachim Frank
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Der Autor Manfred Lütz blickt vom Standpunkt der ersten Christen auf die Skandale der Kirchengeschichte. Hätte die Christenheit das immer getan, wären Skandale wie die Kreuzzüge nie geschehen, sagt er im Streitgespräch.

Herr Lütz, Sie treten an mit der vorwurfsvollen Behauptung, die Skandal-Geschichte der Kirche sei eine lange Folge von „Fake News“. Dabei standen bereits die ersten Christen unter dem Verdacht von Falschaussagen. Das Grab Jesu wurde bewacht, damit die Jünger den Leichnam ihres Meisters nicht stehlen und dann etwas von der Auferstehung erzählen könnten. Schon an Ostern wurde also mit Fake News seitens der Christen gerechnet.
Ich habe fünf Jahre Theologie studiert und mich intensiv mit Kirchengeschichte befasst. Aber mir war nicht klar, dass viele ihrer „Skandale“ auf Polemik, Verleumdung und übler Nachrede beruhen. Nennen Sie das „Fake News“, meinetwegen. Fakt ist aber doch, dass viele heute die Geschichte des Christentums nur als Skandalgeschichte kennen und das alles ohne Weiteres glauben, ohne es je auf seine Stichhaltigkeit geprüft zu haben.

Und woran, denken Sie, liegt das?
Vielleicht daran, dass gerade die Deutschen so ihre liebe Not mit der eigenen Geschichte haben, und da ist es erleichternd, die Last irgendwo anders abzuladen. Für diesen sozialpsychologischen Service wird dann die Kirche in Anspruch genommen. Laut einer Umfrage glauben die meisten Deutschen zum Beispiel, dass die Hexenverfolgungen im Mittelalter stattgefunden hätten und von der kirchlichen Inquisition durchgeführt worden seien. Beides ist eindeutig falsch. Die Forschung weiß heute, dass im Mittelalter keine Hexen verfolgt wurden, weil Hexenglaube als heidnischer Aberglaube galt. Erst vom Beginn der Neuzeit an wurden Hexen verfolgt, die Hexenprozesse wurden von der modernen weltlichen Justiz geführt, und zwar überwiegend in Deutschland – in katholischen Gebieten ebenso wie in evangelischen.


Und das wollen Sie den Deutschen beibiegen?
Ich möchte nüchtern den Stand der Forschung darstellen. Dafür gibt es ein glänzendes Werk: „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ des renommierten Kirchenhistorikers Arnold Angenendt mit 800 Seiten und 3000 Anmerkungen. Daraus habe ich zusammen mit dem Autor eine um einige Kapitel erweiterte Kurzfassung gemacht, die in einem lockeren Stil über alle so genannten Skandale aus der Geschichte des Christentums informiert. Führende Historiker haben sie dann noch einmal Korrektur gelesen, damit auch ja alles stimmt. Es geht mir schlicht um Aufklärung, um Allgemeinbildung. Ich will nicht die Kirche verteidigen.

Wollen Sie nicht?
Nein, will ich nicht! Jedes Zitat, jede Behauptung in meinem Buch ist belegt, zumeist in Angenendts Buch. Das ist sozusagen der Flugzeugträger mit dem gesamten Arsenal gesicherten Wissens – und ich hebe von dort aus ab mit dem Ziel, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen.

Es hat etwas Provokatives, wenn Sie „sicheres Wissen“ behaupten – auf der Basis historischer Quellen. Das sind schließlich keine physikalischen Formeln, sondern Texte, die ausgelegt und gedeutet werden müssen. Versprechen Sie nicht einfach zu viel?
Wissenschaftstheoretisch gibt es nie hundertprozentige Sicherheit, weder in der Physik noch in der Geschichtswissenschaft. Wenn wirklich nur das geschrieben werden dürfte, was hundertprozentig sicher ist, hätten alle Geschichtsbücher leere Seiten. Mein Anspruch ist es aber, gesichertes Wissen gut lesbar rüberzubringen.

 

Woher kommt eigentlich Ihr Sendungseifer?
Ich habe keinen Sendungseifer. Ich habe nur eine problematische Unkenntnis ausgemacht, was die Geschichte des Christentums angeht. Deswegen schämen auch viele Christen sich ihrer – sicherheitshalber, ohne sie überhaupt zu kennen. Wenn diese Geschichte aber tatsächlich nur Mist wäre, dann hilft es auch nichts, dass man den Papst schätzt oder den netten Pfarrer. Dann ist diese Religion am Ende. Das Ganze hat aber auch einen politischen Aspekt. Wenn man die Geschichte des Christentums wirklich kennt, dann ist klar, dass man nicht das „christliche Abendland“ hochleben lassen und gleichzeitig „Deutschland, Deutschland über alles“ brüllen kann.

Warum nicht?
Weil das Christentum die Internationalität erfunden hat. Wenn der eine Gott alle Völker geschaffen hat, dann sind alle Völker gleich. So sahen das die Christen von Anfang an.

Die Kirche hat sich aber mehr oder weniger weit davon entfernt. Die Christen waren immer auch Kinder ihrer Zeit. Nehmen wir im 12. Jahrhundert den Kölner Erzbischof Rainald von Dassel (um 1120 bis 1167), an dessen Grabdenkmal im Dom wir gerade stehen. Als Kanzler des deutschen Kaisers war er weniger Geistlicher, sondern in erster Linie ein Politiker, ein Machtmensch, ein Krieger…
… und ein Reliquienräuber.

Eben. Mit kaiserlicher Billigung zwar, aber eben doch ein Räuber. Zumindest aus Sicht der Mailänder, aus deren Stadt er 1164 die Gebeine der Heiligen drei Könige nach Köln brachte.
Man muss im Grunde aus drei Perspektiven auf die Vergangenheit schauen. Alle drei sind legitim. Erstens aus unserer heutigen Sicht, zweitens aus der Sicht des Urchristentums mit der Verkündigung Jesu, und drittens aus der Sicht der jeweiligen Zeit.

Das heißt?
Wenn wir unsere Vorstellungen von Menschenwürde und Menschenrechten auch aus christlicher Sicht nicht für historische Zufallsprodukte halten, sondern für wahr, dann müssen wir das Verhalten eines Rainald von Dassel verurteilen. Genauso, wie wir es als Abweichung von der ursprünglichen Botschaft Jesu sehen müssen. Der Historiker wird dann noch sagen, welche Begrenzungen die damalige Zeit diesem Mann auferlegt hat.

Und ihm so eine Art historischer Gerechtigkeit widerfahren lassen?
Ja, aber nicht ohne die beiden anderen ebenso gerechten Betrachtungsweisen. Deswegen ist auch Schönfärberei der Geschichte nicht akzeptabel. „Alles halb so schlimm!“, das finde ich billig und angesichts von Gewalt und Blutvergießen in christlichem Namen auch zynisch.

An einigen Stellen klingt es bei Ihnen aber schon sehr nach „halb so schlimm“. Im Zusammenhang mit dem Holocaust schreiben Sie zum Beispiel: „Allerdings mussten sich auch die Christen nach der Shoa selber kritisch fragen, ob nicht manches, was sie in ihrer 2000-jährigen Geschichte mit den Juden gesagt und getan hatten, im düsteren Licht des Grauens von Auschwitz verhängnisvoll, ja skandalös gewesen sein mag.“ Manches! Gewesen sein mag!
So steht das da? Oh. Da bin ich für Ihren Hinweis dankbar. Da muss „ist“ stehen. Wird in der zweiten Auflage nachgebessert.

Aber Ihre Hauptthesen werden Sie doch stehen lassen wollen – zum Beispiel die vom Christentum als einer durch und durch friedliebenden Religion?
Das ist der Stand der Forschung. Die ersten Christen waren Totalpazifisten, und im ersten Jahrtausend wurden im Gegensatz zu allen anderen Religionen keine Ketzer getötet.
 

Das zweite Jahrtausend war aber auch eine ziemlich lange Zeit.
Ketzerverfolgung und Kreuzzüge waren ja tatsächliche Skandale, und das sage ich auch. Aber ich habe von Angenendt gelernt, wie es kam, dass 1000 Jahre lang keine Ketzer getötet wurden. Das lag am Gleichnis Jesu vom Unkraut und vom Weizen. Jesus sagt darin ja, die Menschen sollten das Unkraut mit dem Weizen zusammen wachsen lassen, und erst am Ende der Zeiten werde Gott selbst dann sein Urteil darüber fällen. Dieses Gleichnis wirkte revolutionär. Erst im Jahr 1022 ließ der König von Frankreich dann erstmals Ketzer verbrennen, Kaiser Heinrich III. ebenso – und die Kirche tat mit. Das war skandalös. Die frühen Christen wären übrigens ebenso entsetzt darüber gewesen, wie wir es heute sind, dass unter dem Zeichen des Kreuzes Kriege geführt wurden.

Sie schreiben, der arme Papst Urban II. (1088 bis 1099), der 1095 zum ersten Kreuzzug aufrief, sei ganz bekümmert gewesen, als ihm der Schlachtruf „Deus lo vult“ (Gott will es) entgegenschallte. Aber, Herr Lütz, die das gerufen haben, das waren doch auch allesamt Christen! Trennungen, wie Sie sie da vornehmen, laufen auf das Motto hinaus, „das Christentum wäre prima, gäbe es diese vermaledeiten Christen nicht“?
In meinem Buch steht nichts vom „armen“ Papst Urban und auch nichts davon, dass er bekümmert gewesen sei. Ich erwähne schlicht, wovon die Forschung heute ausgeht, dass der Papst nämlich keineswegs mit der mörderischen tumultuarischen Volksbewegung gerechnet hatte, die auf seinen Aufruf hin losbrach. Dass die Kreuzfahrer aus dem Ruder gelaufen sind, ist unbestreitbar. Kriegführende Christen mussten allerdings immer ein schlechtes Gewissen haben. Sie kennen doch bestimmt das Stadtwappen von Venedig.

Das mit dem Markuslöwen und dem aufgeschlagenen Evangelium?
Genau. Im venezianischen Kriegswappen ist die Bibel geschlossen. Man wusste offenbar sehr gut, dass sich Krieg nur schwerlich mit dem Neuen Testament vereinbaren ließ. Die heftigste Kritik an den Kreuzzügen im Mittelalter kam von zeitgenössischen Theologen. Das 1454 von den Osmanen eroberte byzantinische Reich galt übrigens bis zuletzt als „kriegsunwillig“. Dagegen hatte der Westen durch die Christianisierung der Germanen offenbar soviel von der legendären germanischen Gewalttätigkeit übernommen, dass damit immer wieder der ursprünglichen Friedensbotschaft des Christentums hohngesprochen wurde. Wenn heute Leute wie Donald Trump sich als Christen bezeichnen, dann zeigt die Geschichte des Christentums auch, dass das ein Etikettenschwindel ist. Trump ähnelt am ehesten einem vorchristlichen Herrscher wie Kaiser Nero. Der war auch ein Medienmensch, liebte Volksbelustigungen, war bei seinen Untertanen beliebt – und hatte keinerlei moralische Skrupel. Wir dürfen aber auch nicht so tun, als ob das in Deutschland ganz unbekannt wäre. Die Art, wie Dieter Bohlen und Heidi Klum in ihren Shows mit den Kandidaten umspringen, ist genauso menschenverachtend.

Nun kann man historische Verfehlungen der Kirche zigmal bedauern, von den Folgen profitiert sie zum Teil bis heute. Ohne Rainald von Dassel kein Kölner Dom – also Schwamm drüber, was seinen Reliquienklau angeht! Vielleicht liegt es ja an solch einer historischen Nonchalance, dass viele sich über die „Skandalgeschichte“ des Christentums aufregen?
Die Kölner tun das nicht, und überhaupt auch die Rheinländer nicht. Niemand käme hier auf den Gedanken, in moralischem Furor den Dom oder die romanischen Kirchen abzureißen, nur weil es da irgendwann früher mal irgendeinen nicht ganz korrekten Klüngel gab. Aber im Ernst: Wenn einerseits ein Jürgen Habermas „rettende Übersetzungen“ der jüdisch-christlichen Begrifflichkeit von der Gottebenbildlichkeit des Menschen anmahnt und andererseits inzwischen rechte politische Kräfte das Christentum kapern, dann kann man nicht locker-rheinisch mit der Geschichte des Christentums verfahren, nach dem Motto: „Es war alles Mist, aber der Dom – nä, wat is der schön!“

Der Punkt, an dem ich gedacht habe, jetzt überdrehen Sie aber wirklich, war dort erreicht, wo Sie allen Ernstes einen Mann wie Alexander VI. (1492 bis 1503) in Schutz nehmen, den der Historiker Volker Reinhardt in seiner monumentalen Papstgeschichte – keiner anti-kirchlichen Polemik verdächtig – zu den schlimmsten Päpsten aller Zeiten zählt.
Ich habe Reinhardt sorgfältig studiert, und was ich da schreibe, beruht auch auf seinen Studien. Mich ärgert es einfach, dass noch heute die damalige national-italienische Propaganda gegen die spanischen Borgia-Päpste von allen für bare Münze genommen wird. Alexanders italienische Vorgänger und Nachfolger hatten auch Kinder. Sein italienischer Nach-Nachfolger Julius II. (1503 bis 1513) wird von allen Reiseführern als Mäzen Michelangelos gepriesen, führte aber in Wirklichkeit dauernd Kriege. Alexander dagegen hatte weltweite Perspektiven. 1494 vermittelte er den Vertrag von Tordesillas zwischen den beiden größten Seemächten Spanien und Portugal, der mutmaßlich einen 100-jährigen Krieg verhindert hat. Alexander war höchst liberal und lud Leute, die ihn öffentlich diffamiert hatten, zum Mittagessen ein. Doch deren Pamphlete glauben viele heute noch.


Was macht Sie so sicher, dass Sie mit 300 Seiten Lütz und 800 Seiten Angenendt Jahrhunderte alte Überlieferungen konterkarieren können? Im „postfaktischen Zeitalter“ spricht jedenfalls rein gar nichts dafür.
Sie haben sicher recht. Es ist sehr schwierig, Vorurteile zu überwinden. Vorurteile stabilisieren Weltbilder, die ohne sie ins Wanken geraten könnten. Aber ich setze darauf, dass viele Menschen sich gerne wissenschaftlich in gut lesbarer Form informieren. Aufklärung war auch im 17. und 18. Jahrhundert ein mühsames Geschäft. Manche christliche Mythen mussten da entlarvt werden. Heute sind es offensichtlich gewisse atheistische Mythen, die der Aufklärung bedürfen. Da ist zum Beispiel die öffentliche Fixierung auf das Thema Sexualität, wenn es um das Christentum geht. Dass das Christentum vor allem in den Geschlechtsorganen und nicht im Gehirn stattfindet, ist ein moderner Mythos...

Ach, das ist ein Mythos?
Es ist doch ein Witz, dass die Sexualobsessionen des 19. Jahrhunderts heute vor allem an der Kirche abgearbeitet werden. Einen Unsinn wie „Rückenmarkserweichung durch Selbstbefriedigung“ hatte damals die aufstrebende Medizin in die Welt gesetzt – und die Kirche betete es nach. Der Pathologe und Politiker Rudolf Virchow (1821 bis 1902), ein glühender Gegner des Christentums nebenbei, plädierte für staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Onanie.

Aber dass die Kirche sexualfeindlich war und Generationen von Katholiken und noch mehr Katholikinnen darunter gelitten haben, wird dadurch doch trotzdem nicht falsch.
Dass katholische Männer und Frauen an den verklemmten Vorstellungen auch der Kirche aus dem 19. Jahrhundert gelitten haben, ist unbestreitbar. Aber wenn manche Konservative solche Vorstellungen noch heute propagieren, dann ist es doch nützlich, sie mal darauf hinzuweisen, dass das keineswegs der katholischen Tradition entsprach. Katholiken und vor allem die Rheinländer galten in sexuellen Dingen immer als ziemlich liberal. Der Erzbischof von Köln etwa hatte vor 250 Jahren eine Geliebte und eine Tochter. Und das nicht etwa heimlich, sondern ganz offen, und man nahm hier im Rheinland kaum Anstoß daran.

Sie meinen: Früher war eben doch alles besser? Man muss nur weit genug zurückgehen, damit das auch stimmt?
Früher war nicht alles besser, sondern anders. Wir müssen heute Verantwortung übernehmen, statt hemmungslos mit falschen Klischees auf unseren Vorfahren herumzuprügeln.

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