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Wagner-Clan

Die Unschuld der Musik

  • VonHans-Jürgen Linke
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Jonathan Carrs umsichtige und anschauliche Arbeit über den Wagnerschen Familien-Clan.

Wer eine Geschichte erzählt, muss nicht unbedingt auch erklären können, warum sie geschehen ist, das Wie liegt vom Warum manchmal meilenweit entfernt. Wer also Jonathan Carrs Buch über den Wagner-Clan mit der Frage konfrontiert, wie es geschehen konnte, dass die Nachkommenschaft eines Komponisten, mit vergleichsweise geringer materieller Macht ausgestattet, in mittlerweile der vierten Generation einen kulturellen Brennpunkt in Deutschland bildet, der sich zum Teil aus dem Geist der deutschen Romantik und zum Teil aus anderen Quellen speist, würde enttäuscht.

Jonathan Carr, 1942 bei London geboren und kurz nach der Veröffentlichung der deutschen Ausgabe seines Buches gestorben, war über 30 Jahre lang in Deutschland Korrespondent für die Financial Times und den Economist, Autor einer Biografie über Helmut Schmidt und einer über Gustav Mahler. Sein historisch ausgezeichnet informiertes Buch über die Wagner-Familie ist reich an Information und gedanklicher Klarheit und umschifft mystischere Fragestellungen weiträumig.

Familien-Diagramm

Bücher über die Wagners gibt es nicht wenige, und das meiste, was Carr schreibt, hat irgendwo schon einmal gestanden. Nur nicht in dieser Konstellation, die ein unterhaltsames familieninternes Beziehungs-, Weitergabe- und Abwendungsdiagramm zeichnet. Aufgrund seiner gründlichen Kenntnisse kann Carr auch manche Fehler in anderen Publikationen klären, die zuweilen fortgeschrieben worden sind, weil die Sekundärliteratur ein Ausmaß angenommen hat, in dem sie sich aus sich selbst heraus fortzeugt.

Zum Phänomen der selbstreferentiellen Sekundärliteratur muss man Carrs Buch nicht rechnen. Er hat eine riesige Menge Material neu gesichtet und zusammengestellt unter Fragestellungen, die die gesamte Familie betreffen und das Familien-Phänomen Wagner nicht in eine Chronik einpassen, sondern als Symptom zu begreifen versuchen.

Dabei interessieren ihn stärker politische und historische Umstände als musikologische Erörterungen, auf die er fast ganz verzichtet. Sein anregender Blick für Zusammenhänge verliert nie das Wesentliche, und seine Distanz speist sich nicht aus Kälte, sondern aus einem fast altmodisch intakten Autoren-Ethos. Das Buch ist von großer Systematik und zugleich hoher erzählerischer Qualität; es findet sein eigenes Tempo und seine eigene Position, und an vielen Stellen schimmert durch die Wort- und Metaphernwahl ein Assoziationshintergrund, der auf wohltuend erhellende Weise nicht-deutsch ist, sich aber auch keineswegs politisch neutral gibt.

Möglicherweise ist es für einen englischen Wagnerianer viel leichter, distanziert über das deutsche Phänomen Wagner zu schreiben als für einen Deutschen. Dabei wäre es, wenn man die Dinge auf einer nationalistischen Folie auslegen wollte, durchaus nicht ganz unverfänglich, Engländer zu sein: Zwei der vehementesten Vertreter eines betrüblich inhumanen Gedankenguts im Wagnerschen Familien-Umfeld, nämlich der Rassentheoretiker Houston Chamberlain und die Hitler-Verehrerin Winifred, stammten aus England. So gesehen ist das Phänomen Wagner keine nationales, sondern ein westeuropäisches, was wiederum zum dynastischen Geist des Wagnerianismus viel besser passt als quer laufender alteuropäischer Nationalismus.

Nicht ohne schwarze Schafe

Carr erzählt Geschichte als Familiengeschichte und macht weniger auf bis dato unbekannte Tatsachen aufmerksam als vielmehr auf Zusammenhänge, die entstehen und die abwechselnd dramatisch und (zuweilen unfreiwillig) lustig erscheinen. Die dynastischen Grundlagen des kleinen Wagner-Familienimperiums sind Ergebnis bestimmter Handlungsstrategien der Nachlassverwaltung, also keineswegs Werk eines einzelnen Begründers. Wer sich fragt, wie historisch eine dauerhafte, gewissermaßen erbliche Familien-Macht entstehen konnte und warum dabei schwarze Schafe und Abtrünnige so notwendig erscheinen, kann beim Wagner-Clan diese Entwicklung in einem frühen Stadium beobachten.

Carrs reflektierende Geschichtsschreibung hält sich an unbestreitbare Tatsachen. Ohne zu eifern und zu rechten rückt er Vorurteile und Missverständnisse zurecht. Mehr als alles andere steht im Zentrum die Idee, eine grundsätzliche Unschuld der Musik gegenüber ihrem persönlich oft recht unangenehmen Komponisten wie auch gegenüber ihrem historischen Schicksal zu behaupten. In der aktuell anstehenden Weitergabe der Herrschaft über den Grünen Hügel an Wolfgang Wagners Töchter sah Carr die Chance für einen Neubeginn.

Jonathan Carr:

Der Wagner Clan.

A. d. Engl. v.

Hermann Kusterer. Verlag Hoffmann und Campe,

Hamburg 2008, 496 Seiten, 25 Euro.

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