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Aufbäumen gegen das Diktat der Schärfe: Jacobsons unscharfe Bilder.

Das Fotobuch

Die Unschärferelationen des Bill Jacobson

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Die Geschichte der Fotografie seit Erfindung der Lochkamera kann man getrost als steten Rückschritt ansehen. Wenn die Welt sich hindurchzwängt durch die

Die Geschichte der Fotografie seit Erfindung der Lochkamera kann man getrost als steten Rückschritt ansehen. Wenn die Welt sich hindurchzwängt durch die kleine Öffnung, um sich gleich danach ganz flach zu machen auf dem Milchglas, kann sie einem um einiges geläutert erscheinen. Die Farben von kreidigem Matt haben die Formen irgendwo auf ihrem Weg verloren, und obwohl das Bild doch in Bewegung ist, wirkt es allein durch die Stille verlangsamt, wenn nicht eingefroren. Kein Wunder, dass die Impressionisten neugierig wurden auf die Konkurrenz, aber als sich dann die Schärfe der Daguerrotypien durchsetzte, hatten sie eindeutig gewonnen. Ein letztes Aufbäumen gegen das Primat der Schärfe kam mit den Piktoralisten, der Jahrhundertwende. Wenn wir heute unsere Digiprints aus dem Drogeriemarkt holen, versuchen sie uns durch eine künstliche Schärfe hinwegzutäuschen über ihr Weniger an Information.

Wie immer Bill Jacobson seine Aufnahmen macht, er ist ein Lichtbildner, wie es nur je einen gegeben hat. Anders aber als zu Zeiten von Alfred Stieglitz oder Heinrich Kühn zaubert er nicht mit dem Papier in der Dunkelkammer und auch von einem vorgesetzten Weichzeichner ist nichts zu bemerken. Die Unschärfe, die er erzeugt aber erlaubt es dem Licht, sich wie dicke Aquarelltropfen auf der Fläche breit zu machen und uns vorzumachen, was sonst nur die Maler hinbekommen: den Moment durch Dauer zu ersetzen, ohne dabei den Augenblick von seiner Verpflichtung für das Sehen zu entbinden. Obwohl man es kaum an Einzelheiten dingfest machen kann, denkt man ein ums andere Mal an Edward Hopper; an seine Farben und seine Langsamkeit. Unvorstellbar auch ist Bill Jacobsons Art, mit Farblicht zu komponieren, ohne William Eggleston. Am häufigsten aber denkt man dann doch an den Kreis um Stieglitz, insbesondere an Karl Struss und seine Liebe zum Dämmerlicht. Heute mag es andere Gründe geben, den Blick nach innen zu richten. Für Jacobson ist es, wie man hört, die ostasiatische Philosophie. Wie seine Bilder nicht nur einen Augenblick, sondern ein ganzes Fotojahrhundert vor uns verwischen, das ist schon einen grandiosen Bildband wert.

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