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Unschärfen, scharf serviert

Andrew Crumeys grandioser Philologenkrimi "Rousseau und die geilen Pelztierchen"

Von Jan Wagner

Es ist ein recht weiter Weg vom Originaltitel Mr. Mee zum deutschen Rousseau und die geilen Pelztierchen und es fragt sich, wer es für notwendig hielt, ihn zu wählen. Andrew Crumeys vierter Roman (der zweite auf Deutsch) ist weder bildungsveredelter Pulp noch erheiternd-lüsterne Sexklamotte, auch wenn Jean-Jacques Rousseau und hüllenlos dargebotene Fleischlichkeit an zentralen Stellen tatsächlich auftauchen.

Drei Erzählstränge sind es, die Crumey abwechselnd aufgreift, einander überlappen und interagieren lässt. Zunächst ist da der versponnene Mr. Mee, ein 86-jähriger Büchernarr. Denn Mee lebt so zurückgezogen in einer rein literarischen Sphäre, dass er von den banalsten Alltagsdingen, von moderner Technik, Zwischenmenschlichkeit und Sexualität ganz zu schweigen, nicht die geringste Ahnung hat. In seiner Arglosigkeit verlässt er sich vollkommen auf seine Haushälterin Mrs. B, die ihn zwar durch unentwegtes Wischen und Staubsaugen bei der Lektüre stört, ihn aber durch Rundumbetreuung und das Kochen schmackhafter Suppen am Leben hält.

Mrs. B ist es auch, die den Unbedarften schließlich zum Kauf eines Computers mit Internetzugang nötigt. Hier intensiviert Mee seine Suche nach der obskuren Sekte der Zanthiker, vor allem aber nach der mysteriösen "Rosier'schen Enzyklopädie". Wichtigste Spur dorthin scheinen die Namen Ferrand und Minard zu sein, die ihn zunächst jedoch auf eine (von ihm nicht als solche erkannte) pornographische Website leiten - was zur Kündigung der schockierten Mrs. B und letztlich zur Einstellung der jungen Studentin Catriona führt, die sich auf die zunehmend intime Beziehung zum staunenswerten Sonderling Mee einlässt.

Der zweite Strang verfolgt die Leidensgeschichte des desillusionierten Literaturdozenten Petrie, dessen Eheleben "etwa so aufregend" ist "wie die baldige Neueröffnung einer weiteren Filiale einer Schnellimbißkette". Petrie beichtet sein Schicksal vom Krankenbett aus, wohin ihn die unerwiderte Leidenschaft zu seiner Studentin Luisa gebracht hat. Ebenso wichtig wie die hilflose Verliebtheit des Gelehrten sind seine Forschungsschwerpunkte Proust und Rousseau - und hier vor allem seine Theorie zu zwei rätselhaften Figuren namens Ferrand und Minard, die Rousseau im zehnten Kapitel seiner Confessions in einem kurzen Absatz erwähnt. Und um eben diese Gestalten kreist der dritte Erzählstrang, der als einziger nicht in der britischen Gegenwart, sondern in Frankreich Mitte des achtzehnten Jahrhunderts spielt - zwei Kopisten, die knapp jenseits der Armutsgrenze hausen, "wobei ihre Vorliebe für die Philosophie Ablenkung vom Hunger bot, aber keinen Ersatz für die gebratene Ente, von der sie insgeheim träumten".

Ferrand und Minard werden von einem geheimnisvollen Unbekannten mit der Abschrift eines essayistischen Papierkonvoluts beauftragt, bei dem es sich, wie sich bald herausstellt, um die Rosier'sche Enzyklopädie handelt. Immer bedrohlicher wirkende Umstände lassen sie vermuten, ungewollt in das Zentrum eines Komplotts geraten zu sein, und nötigen sie zur Flucht aus Paris nach Montmorency. Hier lebt zurückgezogen Jean-Jacques Rousseau, Autor des erfolgreichen Buches Julie, oder die neue Héloïse, dessen Bekanntschaft, nebst weiteren Ereignissen, die Lage für die zwei unzertrennlichen Kopistenfreunde noch weiter kompliziert und sie ebenso in ihren Bann zieht wie die rätselhaften Schriften aus Rosiers Enzyklopädie.

Höchst amüsant, die ausgestreuten Indizien aufzugreifen und Crumeys hintersinniges Erzählgarn zu entwirren. Obwohl alle Stränge in diesem Roman gleichermaßen wichtig für die Gesamtkonstruktion sind, überzeugen nicht alle durchweg. Die Figur des Mr. Mee beispielsweise ist ziemlich realitätsfern und seine Kauzigkeit und die darauf aufbauenden Dialoge und Missverständnisse oftmals nur albern.

Geradlinig erzählt ist Dr. Petries Bericht von seiner vergeblichen Liebesmüh, der zudem mit geschliffenen Sentenzen und psychologisch exakten Beobachtungen aufwartet. Vor allem aber liefert Dr. Petrie mit der Rekapitulation von Leben und Werk Jean-Jacques Rousseaus und durch detaillierte Verweise auf dessen Confessions das nötige Rohmaterial für den fulminanten dritten Strang, den Kopistenthriller um Ferrand und Minard, deren Entdeckung und Entwicklung durch Crumey ein Glücksgriff ist. Als symbiotisches Paar, das mit vollendeter Höflichkeit aneinander vorbei redet, erinnern sie an berühmte Gestalten aus dem absurden Theater - so an Tom Stoppards Rosencrantz und Guildenstern. Wie an diesen die große Hamlet-Tragödie vorbeirauscht, ohne dass sie sie recht zu deuten wüssten, befinden sich Ferrand und Minard im Zentrum eines größeren Geschehens, dessen Bedeutung, wenn es eine gibt, ihnen verborgen bleibt. "Die Länge einer gegebenen Linie existiert nicht, außer als Meßergebnis innerhalb gewisser Grenzen der Genauigkeit. Dies ist das sogenannte ?Rosier'sche Unschärfeprinzip', benannt nach dem Genie, das es entdeckt hat, nach mir. Ich behaupte, das einzig Existierende ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Linie eine bestimmte Länge hat."

Aus diesem grandios fabulierten Philologenkrimi spricht die Einsicht, dass Wahrheit nicht gleichbedeutend ist mit Informationsfülle, dass sie im Gegenteil im angehäuften Wissen zu verschwinden droht. In dieser Geschichte um Rousseau und Rosiers sagenhafte Enzyklopädie fährt Crumey deshalb ein faszinierendes ideengeschichtliches Potpourri auf, das von der aristotelischen Syllogistik über Idealismus, Relativitäts- und Chaostheorie bis hin zu einer kaum verkappten Version von Schrödingers Katzenparadox reicht - alles vorweggenommen beziehungsweise neu kombiniert durch Monsieur Rosier.

Und hier, in diesem absurd-burlesken Welttheater, finden sich auch die Ideen, die selbst einem genialen Garnspinner wie Flann O'Brien größte Freude bereitet haben dürften - etwa jene Theorie eines gewissen Nicolas Clairy, derzufolge jeder sprachlichen Äußerung, ihren grammatikalischen Gewichtungen und der Interaktion ihrer Teile ein von Menschenhand herstellbares Gerät entspricht - und vice versa: "Clairy konnte jeden beliebigen Text in eine mechanische Vorrichtung verwandeln; was aber, wenn sich der Prozeß auch umkehren ließ? Als Clairy einen Besen betrachtete, der an der Wand lehnte, fragte er sich, welche geheime Botschaft sich mit einem solchen wohl entschlüsseln ließe. Eine rasch durchgeführte Berechnung genügte ihm, um festzustellen, daß es sich um einen schlecht gebauten Satz handelte, der das Geschenk des Sprechers, einen Ring an seine Geliebte, beschreibt".

Sobald das letzte Puzzleteil in Form eines knappen Epilogs angelegt ist, lässt Crumey seine Konstruktion kunstvoll in sich zusammenfallen und den Leser auf charmanteste Art beunruhigt und verwirrt zurück: Ist, wenn es je eines gab, das Geheimnis gelöst worden? Und wenn ja, zu welchem Zweck und zu wessen Nutzen? Es bleibt einem jedem selbst überlassen zu entscheiden, ob er Zeuge einer groß angelegten, exquisiten Nichtigkeit oder eines tiefgründigen Vexierspiels geworden ist.

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