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Debütroman "Peach" von Emma Glass.

Buchmesse ? Debüt

Unsagbares wird fühlbar

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Emma Glass? Debütroman "Peach" erscheint zeitgleich mit der anhaltenden Debatte über sexualisierte Gewalt in Deutschland und führt vor Augen, wie schwer der Umgang damit für die Betroffenen ist.

Die erste Seite ruft Unwohlsein hervor, ein dumpfes Gefühl in der Magengrube. Ekel und Schaudern wechseln sich ab. Das Bild entsteht ganz deutlich und lässt sich nicht mehr vertreiben. Das Bild einer Frau, die verletzt und erniedrigt wurde. Die konkreten Ereignisse bleiben schemenhaft im Dunkeln, nicht ein eindeutiges Wort wird benutzt, um das Grauen zu benennen.

Und genau dieses Nicht-Benennen, Nicht-Benennen-Können, macht die Kraft aus. Konkrete Worte wären zu beengend. Die eigene Vorstellungskraft geht auf Reisen. „Ich lege die Hand zwischen meine Beine und fühle Blut und Fett. Mir ist übel. Ich wische mir den Mund am Ärmel ab, stecke meinen Handschuh hinein und beiße auf die Wolle zwischen meinen Zähnen. Ich renne. Nicht weit. Nicht schnell. Es schmerzt zu sehr.“

Ekel treffend verbildlicht

Emma Glass zeichnet eine synästhetische Welt, in der die Sinne miteinander verschmelzen. In rhythmisch-poetischer Sprache beschreibt sie das Leben von Peach, die nach dem Gewaltakt nicht mehr dieselbe ist. Die Leichtigkeit der Sprache konterkariert die Schwere der Thematik. Die Risse und Schnitte in der zarten Haut der Protagonistin heilen langsam, doch die seelischen Wunden und die Angst begleiten sie seitdem. Ihre eigene Sprachlosigkeit steht sinnbildlich für das Erlebte, für das es schwer ist, die geeigneten Worte zu finden.

Der Mann, der sie überfallen hat, wird als Wurst beschrieben, der einen schmierigen Fettfilm auf allem hinterlässt. Für eingeschworene Vegetarier ist der Ekel treffend verbildlicht, Fleischliebhaber werden sich möglicherweise an den Beschreibungen stören. „Fleischig. Fettig. Ich lehne mich an die Wand und schließe die Augen. Ich schlucke schwer. Ich schmecke Fleisch. Tierfleisch. Wieder übel. Meine Augen flackern. Pink flammt auf. Wieder schwarz. Mein Körper summt, drängt zum Backstein. Ich sehe Schwarz.“

Es ist schwer für Frauen, das Schweigen zu brechen

Die Charaktere tragen ihre Eigenschaften buchstäblich auf der Haut. Die Protagonistin Peach ist als versehrter Pfirsich eine empathische Erscheinung, ebenso Grün, ihr Freund, der allem Anschein nach ein stattlicher Baum ist, mit starken Ästen und wohlig klingendem Timbre in der Stimme. Mehr Klischee geht eigentlich nicht. Leider wirft die Autorin mit Stereotypen um sich, die flacher nicht sein können.

Die Vermischung der Charaktereigenschaften von Menschen mit Flora und Fauna lässt zwar ein sehr fühlbares Bild der Akteure entstehen, doch wirken sie auch eindimensional und plump. Es überrascht nicht, dass Peach‘ kleiner Bruder, noch ein Baby, ein weicher Wackelpudding ist, der nach jedem Kuss eine feine Zuckerschicht auf den Lippen zurücklässt. Zuckersüß eben.

Man merkt dem Buch die Einflüsse des Kreativen Schreibens an, das Emma Glass an der University of Kent studierte. Es ist schwer für Frauen, das Schweigen zu brechen und über erlebte Gewalt zu sprechen, auch wenn dies seit der #metoo-Debatte häufiger passiert. Es ist verführerisch und leicht, eindeutige Rollen vergeben, einzuteilen in gut und böse, Opfer und Täter. Oder eben Vegetarier und Fleischesser. Zu leicht.

 

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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