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Übliches Gewimmel (hier noch an den Fachtagen!), immerhin ergibt sich aber links oben das erfreuliche Wort Herz. 

Frankfurter Buchmesse

Das Universum sein

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Auf der Buchmesse geht es natürlich rund, aber nicht zuletzt dank der norwegischen Gäste mit Niveau – von heute an für alle, die noch in die Gänge passen.

Ein seltsamer Vorfall in der U4. Ein älterer Mann sagt nämlich, er sei Thure Erik Lund, der Autor des Romans „Das Grabenereignismysterium“. „That’s me“, sagt der Mann und zeigt verständlicherweise gutgelaunt auf den Buchumschlag, der so ambitioniert gestaltet ist, dass man vermutlich wirklich Thure Erik Lund sein muss, um die Schriftanordnung direkt richtig zu verstehen. Da alle Norweger hervorragend Englisch sprechen – es ist beschämend, die Alten, die Jungen, die Trachtenträgerinnen, die Trachtenträger, und viele können dann auch noch Deutsch, rufen Wörter wie „Erkenntnisgewinn“ und „Denkbewegung“ in den Raum –, fällt es leicht, ins Gespräch zu kommen. Er weiß auch nicht mehr, wie er auf die „crazy idea“ gekommen ist, sagt er auf die entsprechende Frage hin: Wie sind Sie auf die „crazy idea“ gekommen? Das ist kriminalistisch betrachtet ein wichtiges Detail, denn nachdem der Mann mit freundlichem Gruß aus der Bahn gestiegen ist, zeigt sich im Internet, dass es sich nicht um Thure Erik Lund gehandelt haben kann. Der Schriftsteller dieses Namens sieht ganz anders aus und viel jünger, selbst auf den Bildern, auf denen er schon älter aussieht. Beunruhigend.

Norwegischer Pavillon: eine Frau in samischer Tracht und mit ihrem Spiegelbild. 

Beunruhigend ist Ludwig Wittgensteins Boot in der Halle des norwegischen Gastlandes auf der Frankfurter Buchmesse. Es ist in einem miserablen Zustand, kein Wunder. Die Künstlerin Marianne Heske hat es nach ihren eigenen Aussagen vor einem Mittsommernachtsfeuer gerettet, zuvor hatte man es aus einem See gefischt, an dem sich jenes spektakulär einsam gelegene Haus befand, in dem Wittgenstein kurz vor dem Ersten Weltkrieg einige Monate lang nach den letzten Antworten auf die Probleme der Logik suchte. Mit dem Boot könnte er theoretisch gerudert sein, Theorien sind hier auf jeden Fall am Platze und auf einer bescheidenen Tafel steht unter anderem: „Mein Boot ist in der Welt, aber der Fakt, dass es mein Boot ist, nicht – er ist nirgendwo.“

Nirgendwo wird es in der Halle so schwummerig, wie man es von vielen Gastlandauftritten kennt, und nirgendwo wird es so originell. Offenbar braucht der Norweger im Oktober schlankweg Helligkeit und Durchblick, wo immer er sie bekommen kann, schneeweiß der Boden, an den Hallenseiten Spiegelwände, die eine Weite erzeugen und die unorthodoxen Bücherablageskulpturen verhundertfachen. Reflexion ist alles und licht auch die Stimmung bei den Diskussionen, die selbst unter den Norwegern höflich auf Englisch geführt werden. Gerade geht es um die Frage, ob man ein Buchgesetz auflegen sollte oder bei den bisherigen Vereinbarungen bleiben. Alles Wichtige sei kompliziert, sagt die Gesetzesgegnerin – so kompliziert, meint sie, wie die anscheinend etwas komplizierten Vereinbarungen –, wohingegen der Gesetzesbefürworter ein Buch auf den Boden wirft. Damit will er aber lediglich dokumentieren, dass es sich bei aller Offenheit gegenüber elektronischer Ausstattung im Falle eines Buches um einen unschlagbaren Gegenstand handelt. Von der digitalen Variante, sagt ein Autor, und man fühlt sich wie zu Hause, profitierten die Autoren häufig zu wenig.

Zu wenig bekannt sind in jeder Form Autorinnen wie Chuah Guat Eng aus Malaysia oder Feby Indirani aus Indonesien. Chuah Guat Eng erzählt von ihrem Roman, den sie aus Sicht eines muslimischen Mannes geschrieben hat. „Was weiß ich darüber, wie es ist, ein muslimischer Mann zu sein?“ Sie müsse dann ausprobieren, ob die Stimme passe, sei das der Fall, schreibe sich das Buch fast von selbst. Indirani, die früher beim Fernsehen gearbeitet hat, schreibt zum Beispiel über eine Frau, die ihr Gesicht verliert, nicht sinnbildlich gesprochen, sondern nach und nach die üblichen Bestandteile. Der Niqab ist in dieser schockierenden, surrealen Situation eine Art Retter. Sie wolle daran erinnern, sagt Indirani, dass der Islam seit jeher voller Humor gewesen sei, auch wenn es vielen schwerfalle, sich das heute vorzustellen. Ihnen eine Weile zuzuhören, ist den Besuch auf der Messe bereits wert. Beachten Sie das interessante, an verschiedenen Stellen auf dem Gelände angebotene Litprom-Programm, das markant über den Tellerrand nicht nur Europas und Nordamerikas hinausblickt, sondern auch über den europäischen und nordamerikanischen Buchmarkt (der einem plötzlich so – eng vorkommen kann). Nicht weil sie dachte, das sei innerhalb von Europa egal (was lustig wäre), sondern weil sie übermüdet ihre Tasche für das Messegelände gepackt hat, hat Indirani für Interessierte nicht einmal eine englische, sondern allein eine italienische Ausgabe dabei.

Dabei ist der enge Blick ganz unlogisch. Am Abend sagt Jostein Gaarder, der berühmte Autor von „Sophies Welt“, praktisch wortwörtlich das gleiche wie Chuat Guat Eng: „Ich erzähle nicht, ich suche den Ton des Erzählers“, anschließend gehe es fast von selbst. Im Schauspielhaus stellt er sein neues Buch „Genau richtig“ vor. Mit einem perfiden Trick zwingt er das Publikum dazu, anschließend sofort das Buch zu kaufen, wobei es sich selbstverständlich um jenen perfiden Trick handelte, mit dem Literatur die Menschheit bei der Stange hält, seit sie lesen kann: Dass man wissen will, was nun gleich geschieht, wie es geschieht und warum es geschieht. Autorinnen und Autoren sind die einzigen Menschen, die uns in den Wahnsinn treiben dürfen und wir sind noch dankbar dafür. Und reihen uns in die lange Signierschlange ein. Oder nicht, und bereuen es dann. Was wäre, wenn man sich in den vergangenen 25, 30 Jahren in sämtliche Signierschlangen eingereiht hätte? Gaarder spricht auch darüber, dass der Tod indiskutabel ist und das Leben alles, Jeder Mensch ein Universum, so ungefähr zuvor auch Doris Dörrie. Aber das alles mit allem zusammenhängt, merkt man auf der Messe schon selbst.

Selbst in den Gängen kann man etwas lernen. Von Andrej Kurkow („Graue Bienen“) lernt man, wie beruhigend es ist, auf einem Bienenstock zu übernachten. Das Summen, die Vibration, sagt Kurkow. Ursula März („Tanze Martl“) stellt fest: „Ich kann nicht in Herzogenaurach ein Schnitzel auf Hochdeutsch bestellen.“ Wenn einem Darth Vader entgegenkommt, muss man keinen Schreck kriegen, zumal da auch schon ein Mainzelmännchen kommt und viel größer ist.

Ist es also selbstgerecht, die Entscheidung für Peter Handke als Nobelpreisträger für das Jahr 2019 zu kritisieren? Das deutet Denis Scheck („Schecks Kanon“) an, wenn er sagt, man müsse vom hohen Ross herunterkommen und außerdem aufhören, den Menschen mit seinem Werk zu verwechseln: „Wir müssen uns von dem Kinderglauben verabschieden, dass nur reine Menschen große Kunst schaffen können.“ In der Literaturgeschichte wimmele es von Gaunern, Betrügern, Hurenböcken, moralischen Monstern „wie Sie und ich“. Handkes Äußerungen zum Jugoslawienkrieg seien „bullshit“ und „mir unbegreiflich“, „Handke irrte, aber das entwertet doch nicht seine Kunst“, so Scheck. Er finde es „unangenehm eng, wenn nur noch Leute den Literaturnobelpreis bekommen sollen, die sich nicht mal politisch vergaloppiert haben sollen“. Er gebe zu, Handke habe sich „extrem vergaloppiert, aber ich lasse ihn mir aber auch nicht reduzieren auf den Jugoslawien-Experten“. Der ihn befragende Journalist Jens Bisky nun: Handke sei ja eben auch kein Jugoslawien-Experte. Denis Scheck wiederum: Der Literaturnobelpreis sei im Grunde auch nur ein Witz.

Witz zeigt aber der allgegenwärtige Norwegisch-Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel im Gespräch mit Jon Fosse. Als man ihm, Schmidt-Henkel, erklärt habe, „Der andere Name“, Teil eins und zwei des Großromans „Heptalogie“, sei ein langsames Buch, habe er gedacht, dass Fosses Werk bisher auch nicht gerade schnell gewesen sei. Und die Theaterbesucher im Messepublikum kicherten mit ihm. Auch las er bei dem frühen Fosse-Zitat „Ich habe Angst. Ich werde schreiben“ eigens auch den Punkt laut vor, da es nun in „Heptalogie“ gar keine Punkte gebe. Dafür einige eigenwillige Kommata, die einen Übersetzer Kopfzerbrechen bereiteten. Er verstehe es allerdings auch nicht, so Fosse. Er fühle lediglich, ob es richtig sei. Man muss schon der große und selbstständige norwegische Schriftsteller Jon Fosse sein, um das sagen zu können und einem Publikum dennoch den Eindruck zu vermitteln, dass nur ein Simpel jetzt nicht „Der andere Name“ liest. Auf Deutsch ist „Heptalogie I und II“ bei Rowohlt erschienen, im Hintergrund ließ die begreiflicherweise irre glückliche Agentin Fosses die Umschläge zu den sechs zeitgleich erscheinenden Übersetzungen und den demnächst folgenden vorüberziehen. Fosse erklärte, er bilde nicht etwas ab, sondern er schaffe ein Universum. Das Wort Punkt könne er nicht leiden. „Mein Schreiben ist das Gegenteil von einem Punkt.“

Punktgenau vor der Messe 2019 wurde auch der Literaturnobelpreis 2018 zuerkennt. Olga Tokarczuk war bereits zur Eröffnung vor Ort. Bei ihrem französischen Verlag sieht man sie übrigens auf einem Foto, auf dem man sie niemals erkannt hätte. Was ein anderes Licht auf die Thure-Erik-Lund-Geschichte wirft.

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