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Ein Universum in drei, vier Sätzen

Zum 75. Geburtstag von Cees Nooteboom

Von xxawi

Heute vor 75 Jahren wurde Cees Nooteboom geboren. Übrigens - so Wikipedia - bald danach getauft auf die schöne, lange Namenskette Cornelis Johannes Jacobus Maria. Heute werden viele, wenn sie lesen, dass er Geburtstag hat, hinter sich ins Regal greifen und anfangen in "Rituale", in "Das Gesicht des Auges" oder "Im Frühling der Tau" zu blättern. Sie werden hängenbleiben und die Verabredung mit der Freundin, den Termin mit dem Geschäftspartner vergessen, so sehr werden sie versinken in den verführerischen Polstern der Nooteboomschen Sätze. Sie werden erschreckt auffahren und den Zauberer verfluchen, der sie an dieses Buch gefesselt hatte mit nichts als Worten. Sie lieben ihn aber gerade darum. Nooteboom schafft Leser.

Wir gehen ihm ins Netz

Seine Texte sind nichts für den schnellen Blick, nichts für den, der glaubt, schon alles zu wissen und darum meint, er müsse nur noch einmal schnell nachschlagen. Nooteboom schreibt aber so, dass auch diese Art Mitmensch gefangen genommen und am Ende womöglich bei der Lektüre eines Gedichtes erwischt wird. Cees Nooteboom ist einer, der uns einspinnt in das von ihm mit drei, vier Sätzen aufgespannte Universum. Wir gehen ihm ins Netz. Der eine oder andere mag es widerstrebend tun, aber am Ende wird er Nooteboom erliegen. Vorausgesetzt, er ist lebendig genug, neugierig zu sein.

Cees Nooteboom war, als er 1955 sein erstes Buch "Philip und die anderen" - ein kleiner Welterfolg - veröffentlichte, 22 Jahre alt. Es dauerte ein Vierteljahrhundert bis er wieder einen Roman schrieb - "Rituale" -, den er selbst, den die Kritik, den das Publikum als geglückt bezeichnete. Er kennt sehr genau den erfolgreichen und den versagend-verzagenden Autor.

Was es war, das ihn durchhalten ließ, was ihn als Autor am Leben hielt? Wahrscheinlich die Gedichte - seine erste Liebe. Er schrieb sie und übersetzte sie. Er suchte und er sucht in den Sprachen der Welt die Stimmen der Dichter, der verfemten und anstößigen und die der besonnten, ruhmbedeckten. Den Menschen Nooteboom ernährten damals seine Reiseberichte. Sie sind immer noch lesenswert und stehen prächtig neben seinen Romanen, Erzählungen, Essays und Gedichten.

Das Unglück, solange auf den zweiten erfolgreichen Roman warten zu müssen, war vielleicht sein Glück. Auf jeden Fall aber war es unseres, das seiner Leser nämlich. Der Nooteboom, den wir kennen und lieben, ist der, der durch die weite Welt gegangen ist, einer, der neugierig war aus Beruf und Berufung, und einer, der so oft die Perspektive hat wechseln müssen, dass er gar nicht mehr nur in einer einzigen denken, geschweige denn schreiben kann. Wer die prächtigen neun Bände der bei Suhrkamp erschienenen Gesamtausgabe liest, der beginnt zu begreifen, was Globalisierung für einen Autor bedeuten kann. Es ist nicht nur die Aufnahme der Fülle des Stoffs, nicht nur die Bereicherung durch die unterschiedlichen Blickwinkel auf die Welt und die sie bevölkernden und in ihr sich abrackernden Menschen. Es ist auch die Einsicht, dass jeder Zug einen zweiten verbirgt.

Es kann keine völlig aufgeklärte Welt geben. Hinter jedem Licht wartet eine neue Dunkelheit, und jede Dunkelheit birgt ein Licht. So dumm würde Nooteboom das nie formulieren, aber der Reiz seiner Bücher kommt aus diesem Bewusstsein. Die Romantik, das Geheimnis ist nicht - wie wir manchmal glauben - angewiesen aufs Krähwinklig-Zurückgebliebene, sondern es findet sich gerade an den grellstens beleuchteten Orten. Nooteboom vergeheimnist nicht unsere Gegenwart, sondern er lässt uns spüren, dass gerade in der Neonklarheit das Unvorstellbare passiert. Es fehlt in seinen Büchern nicht an Stellen, in denen dieses Bewusstsein ironisch gebrochen, seiner Fehlerhaftigkeit überführt wird, aber ebenso klar wie die Klarheit ist, dass man sie ohne Unklarheit nicht haben kann.

Nooteboom ist auch darin ein Erzähler, dass er - vielleicht erst im Alter - am liebsten in einer von alten Grappas und lieber noch Marcs alkoholisierten und von besten Zigarren eingenebelten Runde sitzt und Geschichten zuhört und welche erzählt. Ein im Laufe seines Lebens den Erdkreis umfassendes Commerzium schönster Novellen, bei denen er schwärmen kann von W. F. Hermans, Monteverdi und Machado, deren Lebensgeschichten er in Berlin gerne eintauscht gegen die, die ihm sein Freund Safranski erzählt, die also von E. T. A. Hoffmann, Heidegger und Benn.

Cees Nooteboom wird heute 75. Als er 65 war, spielte er - ein paar Tage, ein paar Wochen, ein paar Monate lang - mit dem Gedanken, keine Romane mehr zu schreiben. Zu unserem Glück kamen danach u.a. noch "Allerseelen" und "Paradies verloren". Wir haben - das zeigt uns die Gesamtausgabe - leider noch immer nicht alles gelesen, haben also keinen Grund ihm nicht zu gönnen, dass er sich ausruht wie der von ihm oft beschworene Hund Erinnerung. Aber in Wahrheit freuen wir uns darauf, dass der Hund aufsteht und neue Reviere markiert.

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