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Hanya Yanagihara, die mit „Ein wenig Leben“ auch in Deutschland Aufsehen erregte.

Roman

Was der Unhold alles zu erzählen hat

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Hanya Yanagiharas Roman „Das Volk der Bäume“ ist eine Expedition in unberührte Natur und in die Seele eines Mannes.

Ein Mann von offensichtlicher Schönheit blickt die Betrachter an. Die Autorin hat das Foto selbst für den Umschlag ihres ersten Buchs ausgewählt, das 2013 in den USA und jetzt auf Deutsch erschienen ist. Das Bild zeigt den damals 23 Jahre alten Maler Joseph Raffael 1956 in einem Botanischen Garten. Aufgenommen hat es Peter Hujar (1934–1987). Von ihm stammt auch das Foto auf dem Cover von Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“, 2015 in den USA und im vergangenen Jahr hierzulande herausgekommen. Es zeigte einen Mann, in Lust oder Leid die Augen schließend. „Ein wenig Leben“ gehörte zu den heute seltenen Büchern, die über die literarisch interessierten Kreise hinaus diskutiert wurden. So aufwühlend erzählte der Roman von Missbrauchserfahrungen und dem fragilen Glück der Freundschaft.

Hanya Yanagihara, Jahrgang 1974, lässt in „Das Volk der Bäume“ („The People in the Trees“) einen Mann erzählen, den fiktiven Wissenschaftler Abraham Norton Perina. Ein langjähriger Mitarbeiter hat seine Erinnerungen – so gibt das Buch vor – mit Einleitung, Nachwort und mit 82, oft knappen, manchmal buchseitenlangen Fußnoten versehen. Dieser Norton Perina, erfährt man aus zwei Agentur-Meldungen vor dem eigentlichen Text, ist hoch gestiegen und tief gefallen. 1974 hat er den Nobelpreis für Medizin erhalten, 23 Jahre später ist er wegen Vergewaltigung und Gefährdung des Kindeswohls zu zwei Jahren Haft verurteilt worden. Die Vorwürfe hatte eines seiner 43 Adoptivkinder gegen ihn erhoben.

Der Autorin gelingt etwas Besonderes mit diesem Roman: Obwohl man von Beginn an weiß, dass es sich bei dem Erzähler um eine zweifelhafte Persönlichkeit handelt, um einen Mann, der sich an mindestens einem Schutzbefohlenen vergangen hat, vermag er mit seinen Erinnerungen Interesse, Neugier und zeitweise Sympathie zu wecken. Man folgt der Karriere eines Wissenschaftlers, der sich kaum in die klassischen Hierarchien des Forschungsbetriebs einordnen kann.

Er hat Fürchterliches getan, berichtet aber geruhsam

Norton Perina entdeckte auf einer Südseeinsel die lebensverlängernde Wirkung des Fleischs einer Schildkrötenart, die jedoch mit geistigen Verfall einhergeht. Zu Beginn seiner Forschungsreisen waren die Doppel-Inseln U’ivu und Ivu’ivu praktisch von der Zivilisation abgeschnitten. Anschaulich beschreibt er die Tier- und Pflanzenwelt und die menschlichen Bewohner. Seine Schilderungen sind so genau, dass sie zuweilen ermüden – zumal man darauf wartet, dass er sich als Unhold erweist.

Norton Perina schleppt nicht nur einige der nicht alternden Bewohner zu Forschungszwecken mit in die USA, sondern nimmt bald auch Kinder nach Bethesda, Maryland, mit. Der Anfang ist harmlos. Ein Junge, der gern mit ihm über die Insel streift, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, schläft bei einer Rast an ihn gelehnt ein. „Ich könnte ein Kind wie dieses haben, dachte ich. Und dann: Aber ich will keine Ehefrau.“ Frauen findet er mindestens unwichtig, die eine Kollegin im Forscherteam ekelt ihn an, mit ihrem „blechern weiblichen Gestank“.

Auch das reale Vorbild wurde geehrt und verurteilt

Lauert im Roman „Ein wenig Leben“ das Schreckliche hinter jeder guten Phase der Hauptfigur, bleibt hier das Grauen über fast 400 Seiten als Erwartung im Kopf der Leser eingesperrt. Dabei wird die Frage, die der Roman recht eigentlich stellt, immer größer: Muss ein großer Wissenschaftler ein guter Mensch sein? Ersetzt man das Wort Wissenschaftler durch Künstler, stößt man auf eines der brisanten gesellschaftlichen Themen unseres Jahrzehnts. Das Bild auf dem Buchumschlag passt deshalb so gut zum Roman, weil der Fotograf Hujar wie die Autorin Yanagihara zum Blick in die Augen, ja in die Seele eines Menschen auffordert.

Es gibt ein reales Vorbild für die Romanfigur, den US-amerikanischen Virologen Daniel Carleton Gajdusek. Er erforschte ein Volk in Papua-Neuguinea, erhielt 1976 für seine Entdeckungen zu Infektionskrankheiten den Nobelpreis für Medizin. Im Jahr 1997 wurde er wegen sexuellen Missbrauchs an von ihm adoptierten Jungen verurteilt. Gajdusek hatte 56 Kinder aus Neuguinea und Mikronesien importiert.

Um über die Verantwortung des Wissenschaftlers nachzudenken, legt die Autorin zwei, drei Mal eine Fährte aus, wenn ihr Erzähler erwähnt, man sei damals noch von Ethik-Kommissionen unbehelligt gewesen. Sie zeigt an anderer Stelle, dass die Erforschung der Inseln weitere Wissenschaftler und dann Geschäftemacher anlockte. Wie ein böser Witz klingt es, wenn Norton Perina selbst beobachtet, wie „das Pfizer-Team“ und „die Lilly-Gruppe“ – also Abgesandte der Pharma-Firmen – sich einem Dorf von zwei Seiten nähern. „Es ging einiges zu Ende, aber nichts davon endete glücklich.“

Was die Vorwürfe gegen die moralische Reife des Nobelpreisträgers Perina betrifft, so scheinen diese fast in den exzellenten Fußnoten des Herausgebers steckenzubleiben. Sie stammen ja genauso von der Autorin wie die flankierenden Agentur-Meldungen und der Epilog. Als Ganzes macht dieser Roman einen starken Eindruck: mit einer verführerisch plastischen Erzählung und mit relevanten Fragen für die Gegenwart.

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